Ausgabe 
(3.4.1896) 28
Seite
210
 
Einzelbild herunterladen

210

Ausdauer hing in Fällen der Gefahr, die in Gestalt vonPrärie- und Waldbrändcn oder Angriffen seitens derIndianer die Ansiedler stets bedrohten, das Leben ab.Es konnte demnach die Ansiedler kaum ein verhänguiß-vollerer Verlust treffen, als wenn ihnen die Pferde ge-stohlen wurden, was die Pferdediebe verhältnißmäßig leichtauszuführen vermochten, da man Ställe kaum kannte,sondern die Pferde frei im Walde oder auf den Prärieenumherlaufen ließ.

Auch die weiblichen Angehörigen der Ansiedler bliebennicht selten ohne genügenden Schutz, besonders dann, wenndie Männer der Jagd oder den Feldarbeiten oblagen.In solchen Augenblicken war beständig zu befürchten, daßumherstreifende Strolche, an denen im fernen Westen wieim Süden der Union kein Mangel ist, die Gelegenheitsich zunutze machen würden, um die schutzlosen Frauenund Mädchen anzufallen. Dieser Gefahr sind besondersdie auf vereinsamten Plantagen und Farmen wohnendenweißen Frauen und Mädchen des Südens ausgesetzt, dadie hier vorherrschende Neger- und Mischlingsbevölkerungreich an sinnlichen Elementen ist. Die weißen Südländerbehaupten ganz offen, daß diese Leute die weißen Frauendenen ihrer eigenen Rasse vorziehen und ihnen häufigFallen stellen. Um die Leidenschaften der Schwarzenund Mulatten niederzuhalten, gebe es kein anderes Mittel,als die Strafen für die gegen Frauen und Mädchen be-gangenen Verbrechen so abschreckend als möglich zu ge-stalten. In der That bezeigen die Ansiedler des Südensbei der Vornahme derartiger Lynchhinrichtuugen zuweileneine Grausamkeit, die geradezu barbarisch genannt undnur dadurch erklärt werden kann, daß das Beispiel, wiedie in denselben Ländern hausenden Indianer mit ihrenGefangenen verfuhren, nicht ohne Einfluß auf die An-schauungen der Ansiedler blieb. Daß dies thatsächlich derFall, beweisen mehrere Lynchhinrichtuugen, die währendder letzten Jahre im Staate Texas an Negern vollzogenwurden, welche Attentate auf weiße Frauen unternommenhatten. Besonders eine im Jahre 1891 in Texas voll-zogene Hinrichtung eines Negers war eine so grauenhafteHandlung, daß, als die That in ihrer ganzen Schrcck-lichkeit bekannt wurde, ein Schrei des Entsetzens dieVereinigten Staaten durchfuhr. Nicht minder schrecklichwar die am 30. Oktober 1895 erfolgte Hinrichtung desNegers Henry Hilliard , der die Frau eines Farmersvergewaltigt und ermordet hatte, dafür aber von seinenVcrsolgem auf offenem Marktplatz des Ortes Tyler inTexas im Beisein einer nach Tausenden zählenden Volks-menge langsam zu Tode geröstet wurde.

Die Rechtspflege ist in vielen Theilen der VereinigtenStaaten noch heutzutage äußerst mangelhaft. Gestaltetsich in den wenig besiedelten Gegenden das Zusammen-bringen eines geordneten Gerichtshofes vielfach zu einemschwierigen Unternehmen, so ist es fernerhin eine offen-kundige Thatsache, daß viele Richter käuflich sind, unddaß zahlreiche Verbrecher der verdienten Strafe entgehen,wenn sie Mittel besitzen, die Richter oder die Geschworenenzn bestechen oder sonstwie zu beeinflussen. Diese Fälleereigneten sich in manchen Gegenden so häufig, daß dasVolk alles Vertrauen zu der Rechtspflege verlor undsogenannteVigilanz-Comitos" oderNegulatoren-Ver-bindungen" bildete, deren Streben dahin ging, die be-stehenden Zustände zu verbessern, vornehmlich da, wo dieGesetzlosigkeit überhand nahm und die Rechtspflege derLage nicht gewachsen war. Der Antheil, den diese Re-

gulatoren und UeberwachungsauSschüsse an dem Fortschrittder Civilisation im Westen der Vereinigten Staaten haben,ist nicht gering; ohne sie wäre ein großer Theil desamerikanischen Westens noch heute eine für gesittete Menschenunnahbare Wildniß. Die Ortschaften und Städte, diemit der Zeit an den Stromläufeu und Eisenbahnen ent-standen, waren in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehensmeist Sammelpunkte des verworfensten Gesindels, dasnicht die geringste Achtung vor dem Gesetze kannte undZustände schuf, die jeder Beschreibung spotten. Manchedieser Ortschaften erlangten in Folge der zahllosen Ver-brechen und Mordthaten, die sich daselbst ereigneten, einegeradezu traurige Berühmtheit, wie z. B. Dodge City in Kansas, Virginia City in Montana , Julesburg inColorado, Tombstone in Arizona u. a. Jahrelang schal-teten hier die verrufensten Banditen unumschränkt, bisendlich die nach Ordnung und Sicherheit verlangendenbesseren Elemente der Umgegend sich zu UeberwachungS-ausschüssen zusammenthaten und den Kampf gegen daSGesinde! aufnahmen. Daß dieser in der Regel mit derVertreibung des Gesindels endende Kampf nicht ohneGefahren für die Femrichter selber war, beweist der Um-stand, daß in Dodge City während eines Jahrzehntsüber 30 Personen ihr Lcben verloren, welche geordneteZustände schaffen wollten, ä,'

Es darf nicht verschwiegen bleiben, daß die geheimenFemrichter in dem Bestreben, die Moral zu verbessern,nicht selten im Namen der Gerechtigkeit und Moral selberGewaltthaten aller Art begehen. Es wird keineswegsimmer untersucht, ob die Verdächtigen auch wirklich dieSchuldigen sind; haben die Femrichter es sich in denKopf gesetzt, daß der oder jener Urheber des Verbrechenssei, so genügt dies, um sich des Betreffenden zu bemächtigenund ihn je nach Laune zu hängen oder zu erschießen.So geschieht es nicht selten, daß Personen dem Lynch«gericht verfallen, die, wie sich hinterher herausstellt, dcSihnen vorgeworfenen Verbrechens vollkommen unschuldigwaren. In den 80er Jahren wurde in Colorado eindeutscher Gelehrter, der Studien halber die Felsengebirgedurchzog und arglos von zwei des Weges kommendenPferdedieben ein kurz zuvor gestohlenes Maulthicr ge-kauft hatte, von den Verfolgern der Gauner erreicht undals der vermeintliche Pferdedieb erbarmungslos aufge-knüpft. Ganz besonderes Aufsehen erregte auch die Nieder-metzelung von 11 Sicilianern, die im Jahre 1891 zuNew-Orleans einer Mordthat wegen vor die Urthcils-jury verwiesen wurden. Einige der 19 Angeklagten warenfreigesprochen worden; betreffs mehrerer anderer konntedie Jury sich nicht einigen. Die Bevölkerung von New-OrleanS zog daraus den Schluß, daß die Geschworenenbestochen seien, weshalb sie sich zusammenrottete, dasstädtische Gefängniß stürmte und die in demselben nochbefindlichen 11 Sicilianer erbarmungslos niederschoß.Dadurch entstanden bekanntlich die diplomatischen Ver-wicklungen zwischen den Vereinigten Staaten und Italien ,die erst beigelegt wurden, nachdem den Hinterbliebenender Gctödtetcn eine angemessene Entschädigung ausbezahltworden war.

Manche der vielfach im geheimen wirkenden Negu-latoren-Verbindungen, wie z. B. die seit längerer Zeitim Süden und Westen verbreitetenWcißkappsn", tretenals Tugendwächter und Sittenrichter auf und haben esvorzugsweise darauf abgesehen, die Reinheit und Heilig-keit des Familienlebens zn schützen und Trunkenheit und