AMWttimgsSlatt
M
„Augsburger postMung".
M 31.
Dinstag, den 14. April
1896.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).
Judas Wakkaöäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
13. Kapitel.
Stiller Kampf.
DaS Mädchen hielt sein Versprechen. Treulich be-folgte es den Befehl der Hadassah. So selten alsmöglich betrat es den Raum, welcher mit dem Versteck-platz des Lycidas in Verbindung stand, und niemalsanders, als in Gegenwart der Matrone. Sarah'sSpinnstuhl wurde in ihr Schlafgemach getragen. Hitzeund Unbequemlichkeit hielten sie nicht ab, die mehr ab-geschlossenen Theile der kleinen, ärmlichen Wohnung auf-zusuchen. Sarah vermied durch ihre freiwillige Ge-fangenschaft, den zu sehen, der ihr als eine Verkörperungalles dessen erschien, was Schönheit der Gestalt undHoheit des Geistes anbetraf, und dessen Gesellschaft demLichte glich, welcher alle Gegenstände, auf die es fällt,erleuchtet.
Und Sarah strafte nicht wie so viele Mädchenan ihrer Stelle gethan haben würden — ihre Groß-mutter dafür, daß diese ihren Einfluß in die Wagschaleder Pflicht geworfen hatte, indem sie ihr die Größe desOpfers, das sie verlangt hatte, zeigte. Das jungeMädchen bemühte sich, eine heitere und freundliche Mienezu zeigen, während ihr Herz blutete.
Hadassah hörte Sarah niemals seufzen, niemalsfand sie sie in Thränen. Keine Pflicht wurde vernach-lässigt, kein Werk blieb ungethan. Ja, Sarah spannfleißiger denn je; denn die Kosten, die die Unterhaltungdes Fremden verursachte, waren ein nicht unerheblicherAbzug von den knappen Einkünften Hadassah's, und fürihn zu arbeiten, für ihn zu beten, war das Einzige, wasSarah sich ohne Gewissensbisse gestatten durfte. Sieversuchte, so schwer ihr auch diese Anstrengung wurde, selbstihre Gedanken von dem Gegenstände, der ihr die verboteneFrucht der Eva erschien, abzulenken. Die Kluft, welche Sarahvon dem Heiden trennte, war so groß, daß es, wie siewußte, sogar sündlich sein würde, die Regenbogenbrückeder Einbildungskraft darüber zu bauen. Sie mußteihr Inneres zwingen, sich nicht dem gefährlichen Randezu nahen. Wie viele Psalmen David's — immer sotraurigen Inhalts — wiederholte sich Sarah, um beiTage ihrem Herzen Trost und bei Nacht ihren Augen
Schlaf zu geben. Während Judas Mnkkabäus widerdie Feinde seines Vaterlandes einen harten Kampfunterhielt und durch ernstes Aushalten siegte, kämpfteSarah mit demselben Glauben und Gehorsam, der denKrieger beseelte, einen viel schwereren Kampf in ihremHerzen gegen den Heiden. Es gab einen Gegenstand,zu welchem Sarah oft zurückkehrte, wenn sie ihre Ge-danken aus dem Kanal, in welchem sie sonst schwammen,ableiten wollte; das war das Geheimniß, welches überdem Schicksal Abner's, ihres Vaters, schwebte. Diewenigen Worte, welche Hadassah in einem unbewachtenAugenblicke entschlüpft waren, erschienen wie dastraurige, rothe Licht einer Fackel, die, über einengähnenden Abgrund gehalten, die Tiefe desselben inschrecklicher Finsterniß läßt. Oft hatte Sarah sich ge-sehnt, mehr von ihrem Vater zu wissen, wie er starbund wo seine theuren Ueberreste begraben seien. Daßer nämlich todt sei, hielt sie für ganz bestimmt. Alles,was ihn betraf, war für sie, sein einziges Kind, vongrößtem Interesse. Allein jeder Versuch, die Zurück-haltung, welche Hadassah's Lippen schloß, zu durchbrechen,hatte bei dieser jedesmal so tiefen Kummer verursacht, daßSarah die Hoffnung längst aufgegeben hatte, vonseitenihrer Großmutter Aufklärung zu erhalten. Hannah warin Hadassah's Dienste getreten, seitdem letztere Bethsuraverlassen hatte. Die Dienerin konnte daher nicht er-zählen, was sich früher in der Familie begeben hatte.Salome hatte, wenn sie gelegentlich Besuche bei ihrerVerwandten machte, der Sarah keine Gelegenheit ge-geben, über eine so delikate Sache zu sprechen. Einmal,als Sarah die Frage that: „Kanntest Du weinenVater?" schien Salome dieselbe nicht zu hören und waraugenblicklich auf einen zwecklosen Gegenstand der Unter-haltung übergegangen. Abischai wußte zweifellos vielI über den Bruder seines Weibes, aber Sarah schrak! davor zurück, ihn zu befragen. Bei seinem wilden, un-gestümen Charakter war er nichr der Mann, das Ver-trauen eines zarten, schüchternen Mädchens zu gewinnen.Sarah schien es fast, als ob ihr Oheim ihr abgeneigtwäre und aus irgend einem Grunde, den sie nicht be-griff, sie mit einem Gemisch von Mitleid und Ver-achtung betrachtete.
So war die Tochter Abner's angewiesen, ihreeigenen Schlüsse zu ziehen, da sie von allen Mitteln,die gewünschte Aufklärung zu erhalten, abgeschnittenwar. Ein unbestimmter Zweifel, welcher kürzlich in