Ausgabe 
(14.4.1896) 31
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Sarah's Gemüth aufgestiegen, aber bisher als Verrathan dem Andenken ihres Vaters zurückgedrängt wordenwar, hatte Form unv Gestalt durch den AusrufHadassah's, welchen ihr der Kummer ausgepreßt hatte,angenommen:Muß ich denn dieses Elend zum zweitenMale durchmachen?" Viele Umstände kehrten in dasGedächtniß Sarah's zurück, besonders die Seelenqual,welche Hadassah bei dem Begräbniß der Salome ver-rathen hatte, indem sie die Matrone fast um die Art,wie sie ihrer Söhne beraubt wurde, zu beneiden schien.

Sarah beugte sich tiefer und tiefer über den Ab-grund, dessen Tiefen zu erforschen sie sich sehnte unddoch fürchtete, da sie mit Anstrengung das Dunkel zudurchdrungen suchte, welches ihr die furchtbarsten Schreckenenthüllen konnte.

Wäre es möglich, daß mein Vater noch aufErden athmete, lebend das Leben eines Abtrünnigen?"Der Gedanke erschreckte Sarah wie ein Gespenst. Esgab nur eine Hoffnung, es zu bannen. Wenn erlebte, konnte er für die Reue aufgespart sein. Gott istgnädig, er richtet nicht strenge, er freut sich, wenn seineVerirrten zurückkehren. Sagte nicht Nathan zum reuigenDavid:Du sollst nicht sterben!"? Wurde nicht selbstder schuldige Manaffe wieder auf den Thron gesetzt?Ach, der Sohn der frommen Hadassah, einer Frau vonsolchem Glauben und solcher Gottesverehrung, konnteniemals verloren gehen! Nach solchen Betrachtungen fanddas belastete Herz Sarah's Trost im inbrünstigenGebet für ihren Vater. Ihre kindliche Liebe kam ihremreligiösen Gehorsam zu Hilfe:Gott erhört kein Gebetvon denen, in deren Herzen ein Abgott ist. Um meinesVaters wie um meinetwillen werde ich mich eines un-bedingten Gehorsams gegen den Herrn bestreben." Sobrachte sie müde Tag für Tag hin, indem sie sich be-mühte, den einen Kummer mit Hilfe des andern zuüberwältigen und über beide einen Schleier zu werfen,ohne durch ein Murren das Opfer ihrer sanften Unter-werfung zu beflecken.

14. Kapitel.

Eine Krisis.

Mittlerweile ereiferte sich Lycidas in wilder Ungeduldüber die Abwesenheit der Sarah. Er konnte sie nichtmehr beobachten, außer wenn sein scharfes Ohr einenTon ihres Gesanges, der aus den oberen Räumentönte, auffing. Warum war sie fort, warum mied sieihn? Sie, deren Gegenwart allein seine Gefangenschaftnicht nur erträglich, sondern angenehm gemacht hatte,während der Zustand der Wunden den Griechen ver-hindert hatte, ohne Beistand die Wohnung der Hadassahzu verlassen. Lycidas theilte nicht die Skrupel Sarah'shinsichilich der Vereinigung zweier Personen von ver-schiedener Religion zu einem Ehcbunde. Er war ent-schlossen, das schöne hebräische Mädchen zum Weibe zugewinnen. Er war sich seiner Reize, denen wenigejunge Herzen widerstehen konnten, wohl bewußt. Indemer seinen Reichthum nur als ein Hilfsmittel betrachtete,wollte er all' seine Kräfte auf's äußerste anstrengen, umsich den köstlichsten Preis, um den je ein Mensch ge-stritten hat, zu sichern. Lycidas brachte manche Stundedamit zu, ein Gedicht von einfacher Schönheit zu EhrenSarah's zu verfassen.

Melodisch flössen die Verse, und der Weihrauchdes Lobes, das er ihr spendete, war dem zartesten Dufteähnlich. Die Reiche der Natur und der Kunst wurden

zu Sinnbildern der Schönheit geplündert. Aber Lycidaswar seines Werkes überdrüssig, bevor er es vollendethatte. Er kam sich vor wie einer, der eine schöneStatue mit Edelsteinen schmücken und miOchönen^Ge-wändern behängen will, um sie damit zu ehren, inder That aber dadurch nur ihre wirkliche Schönheitverdeckt.

Einige wenige Worte, die Hadassah aus demheiligen Pergament vorlas, schienen ihm mehr zu sagen,als alle Beschreibungen. Lycidas hatte an Sarah ge-dacht, als er den Ausdruckdie Schönheit der Heilig-keit" hörte.

Ich j will nun nicht ^länger ein Gefangener sein,wenn ich in dieser erstickenden kleinen Höhle abgeschlossenbleiben soll, nicht nur von der Welt, sondern auch vonihr, die für mich mehr ist, als die Welt," dachte derGrieche.

Nach Monaten des Leidens und der Schwachheitkehrten die Kräfte langsam in die Glieder des Lycidaszurück. Und als einmal niemand, der ihn hätte be-obachten können, in der Nähe war, versuchte er, wieweit ihm seine Kräfte zu gehen erlaubten. Er erhobsich, obgleich er in der verwundeten Seite Schmerzenempfand. Dann ging der Grieche von einem Endeseines Gefängnisses bis zum andern, indem er sich dabeider Wand als Stütze bediente. Dies war wenigstensein Anfang, Jugend und Liebe befähigten ihn bald,mehr zu thun. Aber vor Hadassah und Hannah verbargLycidas sorgfältig, daß er schon so weit war. Diesesahen ihn nie anders als liegend. Er fürchtete, daßman Maßregeln treffen würde, dem' Vogel die Flügelzu beschneiden, sobald man bemerken würde, wie dieseFlügel schon befiedert waren.

Am Tage vor der Feier des großen Passahfesteswar Hadassah sehr unwohl. Ob diese Krankheit vomWetter herrührte denn der Monat Nisan war indiesem Jahre heißer, als je, oder von der Wirkung deslangen Fastens auf den vom Alter geschwächten Körper,oder ob ein geheimer Kummer die Matrone an dasKrankenlager fesselte, Sarah wußte es nicht. Vielleichtkamen alle diese Ursachen zusammen. Das Mädchenwurde sehr besorgt um ihre Großmutter und ver-doppelte ihre zärtliche Fürsorge für ihre Bequemlichkeit.

An dem gedachten Tage war sie nach Jerusalem gegangen, um das Garn, das die hebräischen Frauengesponnen hatten, zu verkaufen, sowie um einige noth-wendige Nahrungsmittel einzukaufen.

Hadassah erlaubte ihrem schönen Kinde nie, dieWälle der Stadt zu betreten oder den Umkreis derHeimath zu verlassen, außer wenn sie am Sabbath nnd an Festtagen dicht verschleiert in die Wohnungdes Aeltesten Salathiel ging, der ungefähr eine halbeMeile von Hadassah's Wohnung entfernt lebte, um demGottesdienste beizuwohnen.

(Fortsetzung folgt.)

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Got-KSrner.

Dein Vorsatz gleicht der Blüth',

Die leichtlich kaun verwehen,

L-chau, was für Frucht in dirNach Frost und Sturm bleibt stehen.

Rückert.