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Unter den Campagnolen.
(Ein Besuch in den Sabinerbergen.)
- Nachdruck verboten.)
„In den Bergen ist es schön"; namentlich im schönenLand Jtalia. Gewiß ist schon mancher von den Leserndieser Zeitung in Rom gewesen. Von Rom aus hat eralsdann ohne Zweifel einen Ausflug gemacht in dieAlbanerberge, in diese Berge mit ihren tiefen, dunklenSeen, mit ihrem Feuerwein und ihrer Zauberschönheit.Vielleicht ist er auch auf der Höhe von Rocca Prioragestanden. Welch' weite herrliche Rundficht bot sich daseinen Blicken! Er sah die Berggruppen der Sabiner-und Volskerberge sich zu einem weiten Kreise zusammen-fügen; nur nach einer Seite blieb er hoffen. Und andieser offenen Seite verrieth ihmein silbern leuchtender Streifendas wogende Meer. Zwischendieser Küste und den Bergensah er nun eine weite, sichwellenförmig erhebende grüneFläche, die römische Campagna.
Freilich blieb sein Auge haftenan dem majestätischen Bilde derewigen Roma und des gigan-tischen St. Peter-Domes, frei-lich traf er hie und da aufprächtige Felsenstädtchen undeinzelne Landhäuser, aber imGroßen und Ganzen mußte ermeinen, in ein großes Grabmenschlichen Lebens zu schauen.
Und so ist es auch. Die Cam-pagna Roms ist im Verhältnißzu ihrer Ausdehnung überausspärlich bewohnt. Sie ist eingroßes Weidefeld für Rinder-,
Schaf- und Pferdeheerden. DenPflug empfindet die Campagnanur an wenigen Stellen; derAckerbau ist zu mühsam undlohnt nicht die Mühe. Nur inden Bergen und in der nächstenUmgebung Roms betreibt manden Weinbau. Darum ist eswohl verständlich, daß das Volkder Campagna, die Campag-nolcn, ein armes Volk ist. Alleinso arm wie es ist, so interessantist es auch. Dort haben noch die alten Vätersitten, dort habennoch Glaube und Liebe ihr Heimathrecht bewahrt. Wer da-rum einmal etwas von diesen armen Campagnolen möchteerzählen hören, wie sie leben und arbeiten und auf ihrenGott vertrauen, der mache sich jetzt mit mir auf denWeg in die Sabinerberge, zur sogenannten Mentorella.
, Also, mein verehrter Leser, wir steigen jetzt auf dieMentorella. Es ist das jener hohe Berg, der geradein der Mitte zwischen Tivoli und Genazzano liegt. DieBerge, in denen wir uns jetzt befinden, heißen noch vonden alten Römern her die Sabinerberge nach dem Volks-stamm, der darin wohnt. Es sind Ausläufer der Apen-ninen. Sie bestehen aus einem kalkartigen Tuffgestein.Einst, vor manchen tausend Jahren, waren hier nochkeine Berge zu sehen, sondern das weite, wogende Meer.Durch Hebung des Landes trat das Meer allmählich
zurück. Viele Muscheln und andere Seethiere lagerte esaber im Laufe der Zeiten ab, und diese Ablagerungen er-blicken wir heute als die Sabinerberge. Was uns indiesen Bergen gleich auf den ersten Blick auffällt, ist diegroße Oede; fast nirgendwo sehen wir Bäume, vonWäldern gar nicht zu sprechen. Nun, es war nichtimmer so. Auch hier war einst ein prächtiger Wald-wuchs, wie ihn die Albanerberge noch heute tragen.Aber die Räuber hatten diese Waldungen zu ihrenSchlupfwinkeln auserkoren. Darum ließ Papst Nikolaus V. sie mit Stumpf und Stiel aushallen, um den Räubernendlich einmal ihr unsauberes Handwerk legen zu können.Gegen die Räuber mag das Mittel wohl geholfen haben,aber wie sehr es auf der andern Seite geschadet hat,
kann uns unser Blick rechtsund links belehren. Wir steigenjetzt den schmalen, mit vielemGeröll bedeckten Weg vom Städt-chen Polt zur Spitze der Men-torella hinan. Was sehen wirrechts und links? Lange, langeparallele Terrassen von Fels-stein. Alle fünf Schritte zählenwir wieder eine neue Parallel-reihe, und so geht es den ganzenBerg herauf. Wozu denn das?Nun, als die Bäume weg-geschlagen waren, hatte die Erdekeinen Halt mehr auf den Felsenund wurde vom Wind und Regenheruntergetragen. Als mandarauf aufmerksam wurde, suchteman zu retten, was noch zuretten war, und half sich inder Weise, die wir eben rechtsund links erblicken. Durch dieseSteindämme ist die Erde amRutschen verhindert, und so bleibtdoch noch wenigstens so viel,daß man etwas Mais darinernten kann. Sonst ist in diesenBergen nicht viel zu sehen.
Interessanter sind für unsdie Leute. Wir sehen hie undda einige an der Arbeit. Rein-lich sehen sie zwar nicht be-sonders aus, aber wir sindhalt eben in Italien , woman's" nicht gerade so genau nimmt. Eigenthum haben sieauch nicht viel; denn der Berg gehört zum größten Theiledem Fürsten Torlonia aus Rom. Dieser hält dort seineHeerden und Hirten. Etwas Pachtgut und ein FleckchenLand ist den Campagnolen doch geblieben. Und diesesFleckchen Ackers macht ihnen so viele Mühe wie manchemrheinischen Bauern sein Hofgut. Alles, was der Cam-pagnole zur Arbeit nöthig hat, muß er oft stundenweitauf seinem Kopfe heraustragen; dabei ist der Bergpfadso steil und so mit Steinen besät, daß der Fuß jedenAugenblick ausrutscht. Höchstens hilft ihm ein Grnuthieretwas beim Tragen. Ist er nun an seinem Acker an-gelangt, so fängt eine neue Mühe an, die Bearbeitung.Alles muß mit der Hand geschehen; mit der Hacke undSchaufel wird der Boden zwischen den überall Vor-schauenden Felsen gelockert, und der Nest der Arbeit wird
Reichs- und Kandtags-Adg. Nomdekan Reindt f.