Ausgabe 
(14.4.1896) 31
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den Schweinen überlassen. Diese Schweine folgen ihrenHerren den ganzen Weg hinauf getreulich wie Hunde.Oben wühlen sie dann im Boden herum und helfen ihnso vorbereiten für die Maissaat. Glücklich der Bauer,der ein Gespann Ochsen sein eigen nennt! Oben, einehalbe Stunde unterhalb der Mentorella, sehen wir einensolchen bei seiner Arbeit. Er pflügt. Aber welch eineMühe, den Pflug durch dieses Fclsgestein hindurch richtigzu lenken! Und sehen wir uns einmal den Pflug unddas Joch der Stiere an. An einem solchen Pfluge undunter einem solchen Joche haben gewiß schon die Stiereunserer grauen Vorväter gezogen. Der Pflug ist nichtsweiter als ein etwas zugerichteter langer Baumstamm,an dessen einem Ende ein hakenförmig umgebogenesEisen befestigt ist. Wenn wir diesen Mann so arbeitensehen, dann fühlen wir, daß es vor achtzehnhundertJahren gerade so gewesen sein muß. Wir erinnern unsan die Worte, die uns der Dichter Horaz aufgezeichnet;vielleicht hat er von seiner in der Nähe von Tivolt ge-legenen Villa aus diese Leute beobachtet; dann hat ersie also beschrieben:

Soldaten landentsprossener MannesstammWohlkundig, mit dem Pflug von SabellerartGar schwere Schollen auszuwerfenUnd nach dem Willen der strengen Mutter

Nach Haus des Holzes Scheite zu tragen, wennDie Sonne läng'ren Schatten den Bergen schenkt,

Das Joch den müden Stieren nimmtUnd sinkend die freundliche Zeit herausführt.

. III. 6.

Wie die Arbeit, so der Lohn." Ja, mühevollwie die Arbeit, so karg ist der Lohn. Denn nichts an-deres wächst in diesen Bergen als ein spärlicher Mais.Aus Mais ist das Brod in der Frühe, aus Mais istdie Polenta am Mittag, aus Mais ist die Polenta amAbend. Mais heute, Mais morgen, so geht es dasganze liebe Jahr hindurch. Kartoffeln und Gemüse underst das Fleisch, das liegt für diese Campagnolen ver-schlossen hinter den Thoren des Paradieses. Am Fußdieser Berge, z. B. bei Genazzano, Poli, Palestrina,Zagarolo, pflanzt man freilich auch noch eifrig denWeinstock. Darum verlassen viele Campagnolen imSommer und Herbste diese Berge, um sich in der Ebeneals Taglöhner zu verdingen; sie ersparen sich dann einkleines Stück Geld, kaufen sich dafür im Herbst etwasMais und kehren für den Winter in ihre Behausungenzurück. Auf der Höhe der Mentorella liegt ein kleinesDorf mit Namen Guadagnolo. Wir wollen einmal hin-durchgehen. Freilich muß dies mit Vorsicht geschehen;denn schmutzig ist es hier wie in allen Dörfern desschönen Italien . Schweine, Hühner und Menschenwohnen eben in einem Gemach, und dieselbe Thür bietetallen Einlaß. Aber wenn wir glücklich hindurchgekommensind und auf die vorspringenden Felsen treten, dann ge-nießen wir eine wundervolle Aussicht auf die ewige Stadtund St. Petri Dom, auf die wette Cawpagna, das silberneMeer und die blauen, mit Wein und Wald bestandenenAlbanerberge. Einen Blick müssen wir nun noch überunsere Berge hin nach links gleiten lassen. Dort sehenwir auf einer kleinen Höhe, vielleicht drei Stunden ent-fernt, ein kleines Kirchlein seinen Thurm gen Himmelstrecken; dieses Kirchlein heißt S. Pietro. Dort hatvor mehr denn 1800 Jahren der erste Apostelfürst, derhl. Petrus, gestanden und hat von dort aus zum erstenMale das große Babel an der Tiber , das wcltbeherrschcnde

Rom , gesehen. Ob dem armen Fischer beim Anblickdieses blendend weißen Häusermecres, dieser unzähligenTempel und Tempelchen falscher Götter nicht das Herzgeklopft hat? Er, der Fischer von Galiläa, war be-rufen, alle diese Tempel zu stürzen und über den Ruinenaufzupflanzen das heilige Kreuz seines Erlösers. Daßihm sein Werk gelungen, besagt uns ein Blick nach vor-wärts auf die Kuppel vom Petersdome.

Allein wir brauchen nicht einmal soweit zu schauen,um den Sieg des hl. Petrus zu erkennen, ein Blick indie Herzen der Campagnolen gibt uns schon Beweisgenug. Oder was wäre es denn, was diese armenCampagnolen mit ihrem harten Loose aussöhnt, was sieauch noch in ihrer bitteren Armuth zufrieden, ja glücklichsein läßt? Nur die heilige Religion des Kreuzes. Fragtman die Campagnolen, wie es ihnen gehe, so antwortensie:RinArutüumo lääio"; fragen wir sie, wie derMais gerathen, so ^geben sie uns alle zur Antwort:81 81^llor6, ö un xooo; ma ns rin^ratjaiuo Ickäio"(Ja, Herr, es ist wohl nur wenig; aber danken wirGott dafür"). Die kathol. Kirche hat das wunderbareBrod der hl. Kommunion. Gerade dem Armen bereitetes den süßesten Trost. Wenn irgendwo auf der Welt,so haben dies die Campagnolen in diesen Bergen er-kannt. Immer und immer wieder, selbst mitten in derWoche, nahen sie sich dem Altare, um diese Seelenspeise zuempfangen. Hätten wir, mein verehrter Leser, den Tagdes hl. Michael zu unserem Aufstieg auf die Mentorellagewählt, so könnten wir uns hiervon persönlich über-zeugen. Aber laß mich jetzt Dir etwas erzählen vondiesem Feste. Wenn wir gleich von Guadagnolo ausnach der anderen Seite heruntersteigen, dann wirst Dunach einer halben Stunde ein Klösterlein sehen. Drinhaben einige Nesurrekttonisten-Patres ihre Wohnstätte.Das Klösterlein heißt S. Eustachio, denn hier ist ausdem heidnischen Feldherrn Placidus der Sieger ChristiSt. Eustachius geworden. Einst jagte Placidus einenHirschen. Der Hirsch floh vor seinem Jäger; auf ein-mal konnte er nicht weiter; er war auf jenen hohen,spitzen Felsen geflohen, den Du neben dem Klösterleinvor Dir siehst. Von diesem Felsen aber gab es keinenAbweg mehr. Placidus hatte jetzt den Hirsch in seinerGewalt; eben legte er den Todespfeil auf die Sehne,da wandte sich der Hirsch ihm entgegen, und zwischenseinem Geweih erglänzte ein goldnes Kreuz. Nun wares um das Herz des Waidmannes geschehen, er warselbst gejagt worden von einem Stärkeren. Placiduswurde Christ und wurde Martyr und wird heute verehrtals der hl. Eustachius . Also hier in diesem Kirchlein,worin nebenbei gesagt die Gebeine des berühmtenJesuitenpaters Kirchner ruhen, wird das Fest des heil.Michael mit besonderer Feierlichkeit begangen. MehrereGeistliche kommen für dieses Fest von Rom her zur Aus-hilfe. Wenn nun die Uhr anhebt, die Vesper des hl.Michael zu schlagen, dann wird es in diesen rauhenBergen lebendig. Gegen vier Uhr kommen die erstenProcessionen unter Wechselgesängen auf der Höhe derMentorella an. Es kommen ihrer immer mehr, unddamit beginnt für die Priester die Arbeit des Beicht-hörens. Mit einer kleinen Unterbrechung um acht Uhrund um Mitternacht wird die ganze Nacht hindurch dieBeichte angehört; in der Frühe lesen die Priester ihrehl. Messe, theilen die hl. Kommunion aus und setzensich wieder bis gegen 1l Uhr in den Beichtstuhl. , Wäh-