HZ 32.
Areitag, den 17. April
1898.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler ).
Indas WaklraDäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS.
(Fortsetzung.)
Hadassah behütete mit eifersüchtiger Sorgfalt ihreweiße Taube vor den Augen der Syrer. Die alteFrau hatte eine sehr unruhige Nacht gehabt. Mitschauerndem Interesse hatte Sarah sie im Schlaf stöhnenhören: „Abner, mein Sohn, mein armer, verlorenerSöhnt" Die versiegelten Lippen waren geöffnet, da dieSeele keine Kraft mehr hatte, ihre Aussprache zu ver-hindern. Hadassah erwachte am Morgen fieberhaft undkrank. Sie machte vergebliche Anstrengungen, sich zu er-heben, um ihre tägliche Arbeit vorzunehmen.
Sarah bat sie, stillzuliegen. Stundenlang lag dieWittwe auf der Matte ausgestreckt, während Sarahneben ihr wachte und ihre fieberhafte Stirn fächelte.
„Laß mich Dir einen kühlen Trank bereiten, meineMutter," sagte das Mädchen, indem es aufstand undnach dem Wasserkruge ging, der in der Ecke des Zimmersstand.
„Ach, er ist leer, Hannah vergaß ihn, ehe sie zurStadt ging, zu füllen; ich will gehen und ihn selbstWen."
Sarah hob den Krug auf, setzte ihn auf den Kopfund ging die rauhen Stufen der Außentreppe hinab,um sich zur Quelle an der Rückseite des Hauses zu be-geben. Die Quelle war von Oleandern umgeben,welche zu dieser Jahreszeit in Palästina in reichsterBlüthe stehen. Aber die Jahreszeit war heiß undtrocken gewesen und der Spätregen noch nicht gefallen,so daß die Quelle zu sinken begann. Sarah stellteihren Krug unter die Oeffnung, aus welcher rein undhell das Wasser floß, aber dies geschah so sparsam, daßsie beinahe die herausfallenden Tropfen zählen konnte.
„Ach, mir scheint eS, als ob meine irdischen Freudendiesem mangelhaften Quell glichen," dachte das Mädchen,als sie das langsame Tröpfeln des Wassers beobachtete.„Sie werden bald alle vertrocknet sein. Die Kräftemeiner geliebten Großmutter nehmen sehr ab. Siewird unfähig sein, morgen dem Feste in Salathiel'sHause beizuwohnen, obgleich ihr Herz bet den Anbeterndort verweilen wird. Wie verschieden, ach wie ver-schieden ist das Passahfest von dem des vorigen Jahres.Denn da war zwar wirklich ein Götze im Tempel desHerrn, und das heilige Opfer konnte nicht geweiht
werden, aber der Verfolgungssturm mit allen seinenSchrecken war noch nicht losgebrochen. Wie viele warenferner damals um den Tisch des Salathiel versammeltgewesen, die ich auf Erden nie wiedersehen werde!Salame, «eine Verwandte, und ihre sieben Söhne warenin jener feierlichen Versammlung gegenwärtig. Azahelmit den feurigen Augen, der furchtlose Mahali, derjunge Joseph, welcher vor zehn Jahren, als ich vonBethsura hierherkam, mein lustiger Spielgefährte war.Ich erinnere mich, daß Hadassah, wenn sie auf dieBrüder sah, sagte, sie wären wie die Plejaden, jetztsind sie noch mehr jenem Sternenbilde gleich, nur scheinensie nicht auf Erden, sondern im Himmel. Und Salamesah stolz auf ihre Söhne und sagte, daß nicht einerunter ihnen ein Erröthen auf die Wangen seiner Muttergebracht habe, dann bereute sie, geprahlt zu haben, undich glaube einen erstickten Seufzer von Hadassah ge-hört zu haben. War es der prophetische Geist, der übersie kam, so daß sie die schreckliche Zukunft voraussah,oder war es — ach, ich wage nicht darüber nachzudenken,weshalb sie seufzte. Und der alte Mattathias , der nunim Grabe seiner Väter schläft, war dem Gesetze Mosisgemäß nach Jerusalem gekommen und hielt im Hansedes Salathiel das Passahfest. Wie ehrwürdig sah deralte Mann in seinem langen, schneeigen Barte aus!Ich dachte damals, daß so Abraham ausgesehen habenmüsse, als seine Pilgerschast auf Erden zu Ende ging.Mattathias legte seine Hand auf mein Haupt, segnetemich und nannte mich seine Tochter. Sich, kann eSsein, daß er an mich als eine wirkliche Tochter dachte?
- Der fürstliche Judas stand dabei, und als ichmeinen Kopf erhob, begegnete ich dem Blick seinerAugen. Ich begriff damals den Ausdruck dieses Blickesnicht, er war mir wie der zärtliche Blick eines Bruders.
Mattathias ist dahin, Salame und ihre Söhnesind dahin. Judas mit seiner kriegerischen Schaar stehtwie ein von den Jägern dicht umringter Löwe auf demSprunge. Apollonius ist durch unsere Helden besiegt,Seron vernichtet; aber nun haben sich Nikanor undGorgias mit den Streitmächten des Piolemäus ver-bunden, um ihn durch Uebermacht zu vernichten.
WaS kann die Hingebung unserer Vaterlands'freunde helfen, als daß diese die Zahl der Märtyrer,welche bereits ihr Leben für die Vertheidigung unseresGlaubens und unseres Gesetzes hingegeben haben, ver-mehren! Ach, es wird ein trauriges Passahfest werden.