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syrischer Kaufmann gekleidet, mit schnellem Schritt dieAnhöhe, auf welcher die Hasmonäischen Brüder saßen,hinaufstieg.
„Ich bin mitten unter ihnen gewesen!" rief Elea-zar, „ich habe in ihren Zelten gestanden, ihre Liederund ihr stolzes Prahlen gehört, habe vernommen, wiedie Söhne des Mammons über Leib und Leben derfreien Söhne Abrahams verhandelten. Sie mögen unsereKörper als Leichname haben," fügte der junge Hasmo-näer mit stolzem Lächeln hinzu, „aber niemals alsSklaven, und selbst unsere Leichen sollen sie theuer genugerkaufen müssen."
„Kennst Du die Zahl der Syrer?" fragte Simon,dessen ruhiges, gesetztes Wesen zu dem feurigen, jungenEleazar einen starken Contrast bildete.
„Nikanor hat vierzigtausend KriegSknechte undsiebentausend Pferde," war die Antwort, „ohne dererzu gedenken, die das Lager umgeben und wie Geierdas Blutbad von Weitem wittern."
„Mehr als sieben auf einen," bemerkte Simonkopfschüttelnd.
„Die Hebräer haben schon größere Streitkräfte alsdiese angegriffen," rief der junge Mann.
„Ja, wenn alle standhaft wären," warf der ältereBruder ein.
„Zweifelst Du an unsern Männern?" rief Eleazar.
„Viele von ihnen werden treu sein bis in den Tod,aber ich weiß, daß in einigen Vierteln Mißtrauen herrscht,ich möchte es sogar Furcht nennen," antwortete Simonmit Ernst. „Nicht alle," fuhr er fort, „find erprobteKrieger. Einige haben sogar von Unterwerfung ge-sprochen."
„Unterwerfung!" rief Eleazar, die Faust ballend,„ich würde diese Sklaven mit Geißelhieben in denKampf treiben, wie Hunde, welche auf der Jagd zurück-bleiben wollen."
„Im Gegentheil," sagte Makkabäus , der bisherstillschweigend die Unterredung mit angehört hatte,„ich werde morgen bekannt machen lassen, daß jeder,welcher sich fürchtet, meine volle Erlaubniß hat, heim-zukehren." —
„Wäre das wohl rathsam?" fragte Simonzweifelhaft, „der Feind übertrifft uns an der Zahlohnehin schon."
„Es ist nach dem Gesetz," antwortete JudaS ruhig.„Es ist dasselbe, waS Gideon that, bevor er Midianangriff. Wir können keinen Mann unter uns brauchen,der nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, keinen,der sein Leben bei dem Kampf, der uns bevorsteht,theuer achtet."
„Wenn wir im Kampfe fallen, wird die Hälfteunserer Zahl zum Opfer genügen," bemerkte Simon.Er sprach ohne Furcht, aber wie einer, der sich derganzen Ausdehnung der drohenden Gefahr bewußt ist.
„Siehst Du jenen Stein, mein Bruder," fragteMakkabäus , auf einen Hügel auf dem Wege vor ihnendeutend, welcher deutlich gegen den dunkelblauen Himmelsichtbar war, „das ist Ebenezer, der Stein der Hilfe,welchen Samuel zur Erinnerung an den Sieg überdie Philister setzte, als Gott vom Himmel donnerte unddie Feinde Israels vernichtete."
„Ja, ich sehe ihn," versetzte Simon, „und ich sehedie Macht und Treue des Herrn der Heerschaaren
darauf geschrieben, wir find in seiner Hand, nicht derdes Nikanor."
„Gott wird aufstehen und wird die Feinde zer-streuen!" rief Eleazar.
„Mein Bruder, gib Befehl, daß die Posaunen ge-blasen werden, und laß unsere Proclamation im Lagerbekannt werden, damit alle, die sich fürchten, sogleichzurückkehren und uns am Tage der Schlacht dadurch,daß sie ihren Rücken zeigen, keine Schande machen."
Der Befehl des Führers wurde sogleich befolgt.Die Proclamation wurde veröffentlicht, und ihre beun-ruhigende Wirkung war schnell zu sehen. Die kleineSchaar des Makkabäus fing an wie Schnee an denSonnenstrahlen zu schmelzen. Ein Mann erinnerte sichder Thränen seiner jungen Frau; ein anderer derhilflosen Lage seiner verwittweten Mutter; die Herzennicht Weniger hingen an ihren Heerden, während vielein der herannahenden Erntezeit einen Vorwand suchten,um nicht durch den wahren Grund der Feigheit vorihren Kameraden errathen zu müssen, wenn sie die Sachedes Vaterlandes verließen.
Das kleine Heer des Judas war auf diese Weiselange vor dem Hereinbrechen des Abends bis zur Halstezusammengeschmolzen.
„Sie haben sich für unwürdig gehalten, den Ruhm,der ihrer tapferen Brüder wartet, zu theilen!" riefEleazar unwillig, indem er sich auf seinen Bogen stützteund die lange Reihe der Flüchtlinge, die ihren Wegwestwärts nahmen, betrachtete.
Makkabäus hielt unverzagt, wenn auch ein wenigdurch den Verlust der Hälfte seiner Truppen entmuthtgt,unmittelbar vor Sonnenuntergang eine kurze Anrede andie Männer, die ihm noch geblieben waren:
„Rüstet Euch und bewahret Euere Unerschrockenheit,daß Ihr morgen bereit seid, wider diese Heiden, dieuns und unser Heiligthum zu vertagen gedenken, zustreiten. Für uns ist es besser, daß wir im Streiteumkommen, als daß wir solchen Jammer an unseremVolk und Heiligthnm sehen. Aber, was Gott im Him-mel will, das geschehe."
So zogen sich die Hebräer, fest entschlossen, zusiegen oder zu sterben, jeder an seinen bestimmten Platzin dem kleinen Lager zurück, bis die Morgenröthe siezu dem verzweifelten Kampfe wecken würde.
16. Kapitel.
Die Schlacht bei Emmans.
Der Kampf sollte nichtz bis zum Morgen verschobenwerden. Die Nacht hatte bereits den Schleier derFinsterniß über die Erde gebreitet, und Simon hatte sich,um sich für die bevorstehenden Anstrengungen des nächstenTages zu kräftigen, klugerweise, in seinen Mantel ge-hüllt, auf einige Stunden niedergelegt, um zu ruhen,als er durch eine Hand, die seine Schulter berührte,geweckt wurde. Als er die Augen öffnete, sah er beidem Lichte einer Fackel, welche der Waffenträger desJudas hielt, daß Makkabäus vor ihm stand.
„Erwache, stehe auf, mein Bruder!" rief er, „diesist keine Zeit zum Schlafen."
Simon war augenblicklich auf den Füßen undhörte aufmerksam zu, als sein Bruder fortfuhr:
„Ein Kundschafter hat soeben aus dem syrische«Lager die Nachricht gebracht, daß Nikanor fünftausendMann Fußtruppen und tausend auserlesene Reiter