tu dem gewöhnlichen Namen Abner den beinahe ver-gessenen früheren eines seiner Günstlinge nicht wieder-erkannte.
„Ich weiß es nicht," war die Antwort.
„War er nicht bei Dir in der aufrührerischen Ver-sammlung?" fragte Antiochus Eplphanes.
„Nein, ich kam mit meinem Oheim, welcher er-schlagen wurde, er war mein einziger Begleiter dort-hin," sagte das zitternde Mädchen, froh, ein wahresWort sagen zu dürfen, welches niemand in Gefahrbrachte.
Es folgte eine kurze Pause, welche für Sarah un-aussprechlich schrecklich war. Dann sagte Antiochus, derdie Todesangst Salomes. und ihrer Söhne gesehen hatte,mit der strengen Stimme des Befehls:
„Ich bin nicht gewohnt, dreimal zu bitten, undwehe denen, die meinem Befehl nicht gehorchen: WirfWeihrauch auf jenes Feuer, oder die Folgen kommenüber Dein Haupt. Schon Andere haben erfahren, wases heißt, meinem Mißmuth zu trotzen oder meinemBefehl nicht zu gehorchen!"
Betäubt und erschreckt, kaum der Wichtigkeit dieserHandlung sich bewußt, duldete Sarah, daß man einigeKörner Weihrauchs in ihre Hand legte; dann aber warfsie, nachdem sie ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen,die Körner mit einem Blick des Abscheus und Schreckensweit hinter sich.
„Ha, ist das so?" donnerte Antiochus, „wenn derWeihrauch nicht in's Feuer geht, dann soll die Hand,die ihn hielt, hinein! Scharfrichter, thut EureSchuldigkeit!"
Vier der wilden, schwarzen Sklaven näherten sichdem Mädchen. Sie schlug die Hände zusammen undrief: „Vater, rette mich!"
Es war kein Sterblicher, an den sie jenen flehendenHilferuf richtete. Aber der Ruf wurde von einemSterblichen beantwortet. Pollux sprang, wie von einemunwiderstehlichen Drang getrieben, vorwärts, gebot denScharfrichtern durch eine Handbewegung Stillstand undbeugte das Knie vor Antiochus.
„Der mächtige König," begann er mit einer großenAnstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen, „dermächtige König hat von Zauberern gesprochen, welchedie Geschicklichkeit besitzen, Stumme zum Sprechen zubringen. Ich setze die Macht jener schwarzen Magikernicht in Zweifel, aber die Kunst, Gesang anstatt Ge-schrei hervorzubringen, achte ich höher, und ist es gleich-falls höher zu schätzen, den starken Willen durch Ueber-redungskunst als durch Marter zu beugen. O, er-habener Beherrscher der Welt, lasse mich nur einmalvierundzwanzig Stunden meine Zaubersprüche an dieserjungen Widerspenstigen versuchen, und ich will mit meinemKopf dafür haften, daß sie, bevor vierundzwanzig Stundenvergangen sind, gern und willig jedem Gott des Olympopfert, Schweinefleisch ißt, wie. eine Bacchantin tanzt,oder Wein trinkt, wie vor alters Belsazar aus den Ge-fäßen des Tempels. Versuche meine Macht, o König,und von dem Verfehlen oder Gelingen meines Vor-habens hänge mein und des Mädchens Schicksal ab."
Antiochus zögerte und betrachtete mit argwöhnischenBlicken den vor ihm knieenden Höfling. Sarah be-obachtete mit athemloser Angst des Königs Züge, eineFrist von vierundzwanzig Stunden erschien der armenGefangenen schon als eine Gabe von unschätzbarem
Werth. Sie hörte, wie der Tyrann dem Pollux ant-wortete:
„Eine vierundzwanzigstündige Frist hast Du erbeten,und ich gewähre sie. ES ist doch ein größerer Triumph,einen Ketzer zu bekehren, als ein Opfer hinzumorden.Ich selbst feierte einst," fuhr der Tyrann mit bitteremNachdruck fort, „wie Du wohl weißt, Pollux, einensolchen Triumph. Nimm jene widerspenstige Jüdin undversuche an ihr Deine Zaubersprüche, welcher Art sieauch sein mögen, aber höre meine endgiltige Entscheidung.Wenn Dir bis morgen," sagte der König, welcher zudiesem feierlichen Eide seine Hand erhoben hatte, „DeinVorhaben nicht gelungen ist, und das Mädchen in ihrerWiderspenstigkeit verharrt, so wird der Augenblick, dasie das Opfer verweigert. Dein letzter auf Erden sein;sie soll zum Schmelzofen gehen und ihr Beschützer zumBlockt" Darauf verließ Antiochus die Versammlung.
22. Kapitel.
Eine kleine Frist.
Die Gefangene war nicht in das Gefängniß, welchessie in der vergangenen Nacht innegehabt hatte, zurück-gebracht worden, sondern in ein Zimmer deS Palastes,welches zu der Reihe von Gemächern gehörte, welchePollux bewohnte. Sarah befand sich in einem so pracht-voll ausgestatteten Raum, daß sie, abgesehen davon,daß die Thür verschlossen war, um ihr Entkommen zuverhindern, und auch eine Flucht durch die vergittertenFenster unmöglich geschehen konnte, gar nicht zum Be-wußtsein kam, noch eine Gefangene zu sein. Der Fuß-boden des Gemaches war mit kostbarem Marmor aus-gelegt, an den Wänden sah man Malereien, Scenenaus der Mythologie darstellend. Schwellende Divaneluden zur Ruhe ein. Vasen mit herrlichen Blumen, ge-füllt mit Nosenwasser, daneben andere mit einer Mengeder schönsten Früchte und Leckereien standen umher.
Das junge hebräische Mädchen, welches an die Ein-fachheit von Hadassah's bescheidener Wohnung gewöhntwar, blickte verwundert umher.
Als die Wachen sie verlassen hatten, drängte eSsie zunächst, vor ihrem himmlischen Beschützer niederzuknieenund ihm für die so gnädig gewährte Frist innig zudanken. Sarah war jung und die Hoffnung stark inihr. WaS konnte nicht innerhalb vierundzwanzig Stundengeschehen, um die Freiheit zu ermöglichen? Sie wuschsich Gesicht, Hände und Arme in duftenden Wasser,flocht ihr langes Haar und fühlte sich dadurch sehr er-frischt. Dann genoß sie mit einem gewissen Wohlbehagenvon den Früchten, die vor ihr standen. Die Naturdieses zarten Wesens war sehr erschöpft und hatte nichtallein von der entsetzlichen Aufregung, die sie durchge-macht, sondern auch von Schlaflosigkeit und Hunger sehrgelitten.
Grobes Brod, das man ihr in'S Gefängniß ge-bracht, war unberührt geblieben, nicht allein, weil diearme Gefangene keinen Appetit zum Essen gehabt hatte,sondern auch, weil es gesäuertes Brod war, welches zujener Zeit den Juden gesetzlich verboten war. Sarahenthielt sich sorgfältig jeder Berührung mit Speisen, dieMose für unrein erklärt hatte und nahm nur von denFrüchten, welche rein waren, da Gott sie selbst gemachthatte, und welche sie auch am meisten erfrischten undihre brennenden Lippen kühlten.
«Wie gut ist mein Herr, mir selbst den Tisch in