Ausgabe 
(24.4.1896) 34
Seite
255
 
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dieser Wüste der Versuchung zu decken!" rief Sarah,und sie fühlte, was die Kinder Israels in der Wüstegefühlt haben mußten, als das Htmmelsbrod dalag.Der Geist des Mädchens war beruhigt und heiter, sowieihr Körper neu belebt. Sie ließ sich auf einem derDivane nieder und war nun im Stande, ruhiger überdie Ereignisse des TageS nachzudenken.

Wie dankbar bin ich, daß ich bet aller meinerFeigheit und Schwachheit bewahrt geblieben bin, etwasso Abscheuliches zu thun," dachte Sarah.Ich brauchenicht meine Freunde zu verrathen und «einen Gott zuverleugnen, und doch hätte mein Glaube mich beinaheverlassen. Ich konnte kaum die Furcht ertragen, wiehätte ich die Folter aushalten sollen? Aber sollte er,der mich schon einmal unterstützt hat, mir nicht auchdurch das Andere durchhrlfen, wenn ich für meinenGlauben vor jenem schrecklichen König sterben muß? Ichwill mich nicht durch fortwährendes Denken daran er-müden, ich will alles meinem Gott anheimstellen. ESist so süß in seiner Liebe wie ein Kind in seiner MutterSchooß zu ruhen."

Sarah lag eine ganze Weile still, um ihre über-reizten Nerven neue Spannkraft gewinnen z« lassen.Es war ein so großer Trost, ganz allein zu sein undnicht durch das leiseste Geräusch gestört zu werden, außerdem Girren der Tauben in einem Garten, der denPalast von dem Berge Zton trennte. Die junge Ge-fangene stand auf, ging zu dem Gitter und sah hin-durch. Angenehm für ihr Auge war das reiche Blatt-werk des Wachholders, der Akazie, der Terebtnthe, Palme,Orange, Mandel und Citrone, welche von marmorbe-grenzten Weihern bewässert wurden, um die Mrkungder schwülen und trockenen Jahreszeit zu verhindern.Hier und dort warfen Springbrunnen ihre glänzendenWasserstrahlen, Diamanten gleich, in die Sonne. Aberdie Augen des Mädchens von Juda wanderten überdies Paradies, welches zu« Vergnügen eines Tyrannengeschaffen war, hinaus und ruhten auf dem heiligenBerge und dem Tempel, der aus dessen Gipfel stand.

Als Sarah auf den heiligen Thurm vor sich blickte,kamen in die Seele von Hadassah'S Enkelin Worte derheiligen Schrift, welche sie mit einer Freude erfüllten,die, genährt von dem Thau himmlischer Hoffnung, aberihren Ursprung in irdischer Liebe hatten. Leise undnachdrücklich wiederholte sich Sarah die Worte:Undder Fremden Kinder, die sich zum Herrn gethan haben,daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daßsie seine Knechte feien, ein Jeglicher, der den Sabbath hält, daß er ihn nicht entweihe und meinen Bund fest-hält. Dieselben will ich zu meinem heiligen Bergebringen und will sie erfreuen in meinem Bethause;denn mein HauS soll ein BethanS heißen allenVölkern."

O gesegnete Verheißung!" rief Sarah,JSraelist wie Joseph unter vielen Brüdern auserwählt, denbunten Nock, welchen er von seinem Vater geschenkt er-halten hat, zu tragen und durch Gefangenschaft undviel Trübsal zu Würden und Ehren zu kommen. Aberseine Brüder sind nicht vergessen, er soll noch ein Segenwerden für sie alle, die ihn gehaßt und verkauft haben.Durch Israel soll Licht über die finstere Welt verbreitetwerden, und mit dem Brod des Lebens sollen diehungrigen Völker gespeist werden."

Sarah wurde in ihrem Nachsinnen durch den Ein-

tritt «»bischer Sklavinnen unterbrochen, welche still dieVasen wieder stillten, die Silberlampen anzündeten, da'der Tag sich neigte, reiche Kleider auf den Divan legtenund sich dann wieder entfernten. Ihr Kommen hatteeinige Unruhe in dem Herzen der schüchternen Ge-fangenen verursacht, und es war ihr eine Erleichterung,als sie wieder jener Einsamkeit, die man kaum alssolche bezeichnen konnte, da sie an ihren süßen Gedankenso angenehme Gefährten hatte, überlassen war.

Sarah ging zu dem Divan und betrachtete vollBewunderung die seidenen Gewänder und reichgestickte»Schleier.

Diese Kleider soll ich anlegen," sagte das Mädchen,aber ich will sie nicht anrühren. Die Heiden wollenmich verlocken, wie die Schlange die Eva, unsere Mutter,durch Augen- und Fleischeslust. Gestickte Kleider sindnicht für Gefangene, ebenso wenig silberne Gürtel fürMärtyrer. Dieses einfache blaue Gewand, welches vonmeinen eigenen Händen gesponnen und gewebt ist, istgut genug, um darin zu sterben."

Sarah betrachtete darauf die Sonne, wie sie amwestlichen Horizont niedersank und mit ihren Strahlendie Zinnen des Tempels vergoldete.

Vielleicht wird dies mein letzter Abend auf Erdensein," dachte die Gefaugene.Ehe die Sonne zumzweiten Mal untergeht, bin ich vielleicht schon zurewigen Ruhe eingegangen."

Ein tiefer, heiliger Friede kam in des MädchensHerz, obgleich der Ausdruck ihrer schönen Züge betdem Blick in die Zukunft gedankenvoll war.

Sarah kniete nieder und verrichtete inbrünstig ei»Gebet zu Gott .

Zuerst bat sie für Habassah, daß der Herr die> Verlassene trösten und die Wünsche ihres Herzens ge-i währen möchte. Thränen mischten sich mit dem Gebet,als Sarah an die Verlassenheit, in welcher sie die alteWittwe zurückgelassen hatte, dachte.Lass' sie nicht ummtch weinen," murmelte daS Mädchen,und lass' esihr nie fehlen an einem Wesen, das sie in Krankheitpflegt und besser für sie sorgt, als ich dies jemals ge-than habe!" Das junge Mädchen betete dann für ihrVaterland und für die, die für seine Freiheit kämpften,besonders für Judas, daß Gott ihn segnen und behütenund sein Haupt am Tage der Schlacht schützen möge.Sarah vergaß auch nicht ihren unbekannten Vater. Siebat für ihn inbrünstiger, als sie vorher gethan hatte,und durch eine Gedankenverbindung kam ihr die Er-innerung an jenen edelmüthigen Höfling, dessen Da-zwischentreten sie ihren jetzigen Zufluchtsort vor Marterund Gefahr verdankte. Die junge Gefangene flehte Gott inbrünstig an, den Syrer nicht für seine Güte gegeneine Fremde leiden zu lassen, sondern ihm seine guteThat tausendfach zu vergelten. Sarah erhob sich nochnicht von ihren Knieen, sondern ihr Gebet wurdeinniger, als sie für einen Andern, den Theuersten vonallen, betete. ES war für sie, die Sterbende, nichtsündhaft, zu lieben, dachte sie. Ihr Tod konnte dasMittel werden, das Gott gebrauchte, um LycidaS vomHeidenthum abzuwenden. Es würde ihr erlaubt werden»ihrem Geliebten von jenseits des Grabes zuzuwinken.Sarah erhob sich fast selig von ihre» Gebet. ES schienihr, als sei die Bitterkeit des TodeS schon überwunden.Sie nahm wieder mit dankbarem Herzen etwas Nahrungzu sich und legte sich dann nieder, um zu ruhen. Die