Ausgabe 
(24.4.1896) 34
Seite
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Gefangene hatte während der vergangenen schrecklichenNacht keinen Schlaf gehabt, und nun waren ihre Augen»lider schwer. Im sanften Schlummer kamen Sarah dieWorte deS Psalmisten über die Lippen:Ich liege undschlafe ganz im Frieden, denn Du, Herr, hältst mich anDeiner rechten Hand."

23. Kapitel.

Endlich gefunden.

So tief war der Schlummer des ermatteten Mäd-chens, daß sie nicht hörte, wie die Thür leise geöffnetwurde, noch, wie sich jemand auf marmornem Fußbodenleise dem Divan näherte.

Lieblich, sehr lieblich schöner noch als ihreMutter!" murmelte Pollux, als er an dem RuhebetteSarah's stand, auf deren schlummernde Gestalt daSLicht der Silberlampe fiel.Eben so schön und reinlag meine Noemi da, als der Engel des Todes ihreSeele wegholte und mich eines Gutes beraubte, dessenich unwürdig war!" Was für bittere Erinnerungenfrüherer Jahre mochten bei diesen Worten durch dieSeele des Abtrünnigen gehen! Glückliche Tage mochtenes gewesen sein, als noch kein Makel an feiner Stirnhaftete! Gesegnete Tage, die niemals, niemals wieder-kehren konnten.

Horch, sie spricht im Schlaf, was sagt sie?"Pollux beugte sein Haupt und fing die Worte auf:Mein armer, armer Vater!"

Der tiefe Seufzer des Abtrünnige» weckte dieSchlüferin. Sarah fuhr in die Höhe und warf mit un-ruhiger Gebärde die langen Flechten, welche theilweiseüber ihre Stirn gefallen waren, zurück.

Fürchte nichts, armes Kind, ich wollte Dich nichtbeunruhigen," sagte Pollux in einem so sanften Tone,daß Sarah's Ruhe sogleich zurückkehrte.

O nein, ich fürchte Dich nicht!" rief sie, ihrenBeschützer erkennend,Du warst es der Gott Jakob's segne Dich dafür der mich heute rettete."

Und der es wieder thun wird," warf Pollux ein,indem er sich an Sarah's Seite setzte,aber ohne DeinZuthun kann ich Dich nicht retten, Du mußt Dich vonmir leiten lassen."

Was willst Du, daß ich thun soll?" fragteSarah.

Dich den Umständen anbequemen," antwortetePollux,den König befriedigen, seinem Willen einenäußerlichen Gehorsam zu gewahren. Ich habe mich selbstzum Pfande gesetzt, baß Du es thun würdest. Schließ-lich ist es ja auch nicht so schlimm," fuhr der Höflinggezwungen lächelnd fort,die Kniee, wie andere es thun,zu beugen," oder ein paar Körner Weihrauch zu ver-brennen. Es ist ja eigentlich nur eine Kleinigkeit!"

Eine Kleinigkeit?" wiederholte Sarah, die Augenin unschuldigem Erstaunen aufreißend.Ist es fürmich eine Kleinigkeit, meine Seele fortzuwerfen und dasHerz meiner Großmutter Hadassah zu brechen?"

Pollux fuhr bei Erwähnung dieses Namens zu-sammen, aber schnell sich fassend, bemerkte er:KeinesWeibes Herz wurde jemals auf diese Weise gebrochen.Dein zeitweiser Abfall wird nicht solchen Kummerverursachen, als wenn Du durch deS Henkers Handfüllst."

Du hast Hadassah nie gesehen, Du kennst sienicht rief Sarah.Sie hat mir selbst gesagt, daß

sie lieber sieben Kinder durch den Tod, als eines durchAbfall von Gott verlieren möchte."

Pollux biß seine Unterlippe, bis sie blutete. Alser wieder anfing zu sprechen, klang seine Stimme hartund strenge.

Wenn Du Dich nicht um Deine eigene Gefahrkümmerst, Mädchen, so denke an die «reinige. MeinKopf hängt an Deiner Unterwerfung."

Sarah sah für einen Augenblick bekümmert undverwirrt aus, dann klärte ihr Gesicht sich wieder auf:Selbst der grausame Antiochus würde niemals einenseiner Edlen, dem es nicht gelungen ist, ein hebräischesMädchen dahin zu bringen, ihr Gewissen zu verletzen,tödten. Du kannst nicht durch mich in Gefahrkommen."

Und dennoch ist es so. Du magst eS glauben odernicht," sagte der Höfling.Aber mich dünkt, wenn manwie Du noch im Morgen des Lebens steht, mit sovielem, was das Leben angenehm macht," Polluxblickte auf die prachtvolle Ausstattung des Gemachessollte man glauben, daß Musik, Tanz und Feste bessersind, als Tortur; Leben besser, als Tod; Sonnenscheinund Liebe besser, als ein namenloses Grab. Der Königist gegen diejenigen, die sich seinem Willen nicht wider-setzen, freigebig; feine Hand ist gütig und offen. Höremich an, schönes Mädchen: Antiochus hat versprochen.Dich, wenn Du seinem Willen nachgiebst, zu verheirathen;eS soll meine Sorge sein, Dir einen Edlen und Vor-nehmen auszusuchen, einen, der Dich, wenn Du Deineeigene Religion beibehälst, gewähren läßt, und der Dirvollkommene Freiheit läßt in Deinem Hause, wenn Duwillst anbeten."

Pollux überlegte, welcher von den Edlen am Hofewohl am ersten auf diese Bedingungen eingehen würde,und dann, laut dsikend, sagte er:So einer wie Lyci-das, der Athener."

Wie erbebte Sarah's Herz bei diesen Namen!

Die Versuchung war furchtbar stark. Sie sahdas gerettete Leben und Lycidas auf der einen Seite,und auf der anderen den kalten Stahl, das glühendeFeuer und jene schwarzen, furchtbaren Diener des Todes.Die Erinnerung machte sie schaudern.

Pollux, der nach Art der Höflinge Geschick besaß,die Gedanken der Menschen auf dem Gesicht zu lesen,sah in dem Gesicht seiner Gefangenen Anzeichen vonNachgiebigkeit und benutzte seinen Vortheil. BtS dahinhatte er auf Sarah's Gefühle seine Hoffnung gesetzt,jetzt suchte er ihren Verstand zu verwirren. Mit schlauerBerechnung brachte er Beweismittel vor, mit denen seineSeele nur zu vertraut war. Pollux sprach von derNothwendigkeit jener schlauen Ausrede des Versuchers,der Gott den Herrn selbst für die Sünden seiner Ge-schöpfe verantwortlich macht, da er sie in Versuchungenführt, gegen welche Widerstand nicht möglich ist. Alsob die Größe der Versuchung den, welcher derselbenunterliegt, hinlänglich entschuldigte. Dann sprach Polluxvon dem Unterschiede zwischen wirklichem Leben einesMenschen, dessen Seele von einem hohen Glaubensbe-kenntniß durchdrungen sei, und der blos äußerlichenStellung deS Körpers. Der letztere, meinte er, könneja knieen im fremden Tempel, während der Geist feineAnhänglichkeit dem einen wahren Gatte bewahre. Ja,der Versucher führte, wie der Teufel dies oft thut, sogardie Heilige Schrift an und meinte:Gott sieht daS