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Herz an und gibt wenig auf das Beugen der Kniee."Der Höfling suchte das Mädchen in seine falschen Phi»losopbieen zu verwickeln, aber der einfache Glaube unddie Liebe eines weiblichen Herzens durchbrach alles.
„Verlasse mich — verlasse mich!" rief Sarah leiden-schaftlich, als Pollux die erste Pause machte. „ES istsündhaft und grausam, mich so zu versuchen. Duwürdest auch jene Drei in Babylon versucht haben, dasgoldene Bild anzubeten. Ich kann mit einem, der sogelehrt wie Du ist, nicht rechten und streiten; aber ichweiß, daß in der Schrift steht: „Du sollst anbeten GottDeinen Herrn und ihm allein dienen," und das ist fürmich genug!"
„Aber Du wirst die Qualen, die Dich erwarten,niemals ertragen, wenn Du in Deinem hartnäckigenWiderstände so unsinnig beharrst!" rief Pollux.
„Ich weiß, daß ich tu mir selbst keine Kraft habe;ich weiß, daß ich ein schwaches, zitterndes, feiges Mädchenbin!" rief Sarah, in Thränen ausbreckend, „aber Gott ,«ein Gott machte eine Mauer von Wasser, und er, derdie Versuchung sendet, wird auch die Kraft geben, siezu bestehen!"
„Sarah, Du treibst mich zum Aeußerstenl" riefPollux, durch die Beständigkeit eines so schüchternen,gebrechlichen Wesens beunruhigt. „Wende Dich nichtab, ich will, daß Du mich anhörst. Ich befehle Dir,dem König zu gehorchen, und ich habe ein Recht, Dirdies zu befehlen, Sarah! — der mit Dir redet, ist DeinVater!"
Hatte nicht eine bestimmte Ahnung dies vorher-gesagt? War da nicht etwas in der Stimme, demGesicht des Höflings gewesen, das sie an Hadassaherinnerte und das Herz des Mädchens mächtig zu ihmhinzog?
Abner'S Tochter sprang mit einem Schrei auf;ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, währendihr Haupt an seiner Brust ruhte, und indem sie mitihren Thränen seine Kleider benetzte, schluchzte sie: „MeinVater! Mein Vater!" und vergaß in diesem Augenblick -alles vor Entzücken, den Verlorenen endlich gefunden zu lhaben und einen Vater umarmen zu dürfen.
Und Pollux konnte auch eine Weile nichts anderesdenken, als daß er seine Tochter in den Armen hielt.Er drückte sie an sein Herz, hielt sie dann von sich, umihr Gesicht zu betrachten, drückte dann Kuß auf Kuß auf ihre Lippen und nannte sie seinen Liebling, seinenStolz, sein schönes Kind!
Aber als dieser Sturm vorüber war, ließ PolluxSarah sich an seine Seite setzen, und, indem er ihrenArm um ihre leichte Gestalt schlang, nahm er dieUnterhaltung, die durch Offenbarung der nahen Ver-wandtschaft unterbrochen war, wieder auf.
„Du siehst nun, mein Kind, daß Du mit leichtestemHerzen nachgeben kannst. Der Eltern Befehle sind fürein hebräisches Mädchen Gesetz. Wenn irgend eineSünde ist in dem, was Du thust, so liegt sie aufmir allein."
„Und gedenkst Du Sünde auf Dein Haupt zubringen?" fragte Sarah. „O nein, das würde ein zuböser Vater sein!"
„Ich habe eine solche Last mit mir umherzu-fchleppen," sagte Pollux bitter, „daß ich eine so kleineZugabe kaum fühle. Sarah, es ist Deine Pflicht, nach-zugeben, denn «eine Sicherheit hängt davon ab. Wenn
Du Dich weigerst, dem Antiochus zu gehorchen, so be-siegelst Du daS Schicksal Deines Vaters."
Voll tiefer Angst hielt Sarah beide Hände an ihrehämmernden Schläfen. Selbst der Weg der Pflicht er-schien vor ihren Augen dunkel und unsicher. Dannkam ihr plötzlich ein Gedanke wie eine Eingebung.
„O nein, ich will meinen Vater retten!" rief sie,„retten vor etwas Schlimmerem als dem Tode! Lass'uns zusammen fliehen! Obgleich," fuhr sie fort, —„nein, nicht zusammen, ich würde Dir bei Deiner Fluchtbeschwerlich fallen, aber fliehe, mein Vater, von diesembösen Hof, diesem barbarischen König, diesem Leben, dasfür einen Sohn Hadassah's Elend und Gefangenschaftsein muß. O fliehe, fliehe! sei sicher, sei frei! Seiwieder, wie Du einst gewesen bist! Es ist nicht zu spät,eS ist nicht zu spät!
Sarah war bei dieser neuen Hoffnung, ihren Vateraus dieser Höhle der Schande, diesem Abgrund der Ver-dammniß zu ziehen, voll seliger Freude.
Pollux starrte vor dieser neuen plötzlichen Ein-gebung.
„Wohin könnte ich fliehen?" fragte der Abtrünnigefinster.
„Zu Judas MakkabäuS , unserm Helden," sagteSarah. „Sein Lager ist ein Zufluchtsort für alleFlüchtlinge."
„MakkabäuS?" wiederholte Pollux. „Er würdeeinen Abtrünnigen verschmähen und verabscheuen."
„O nein, er würde den Vater Sarah's niemalsverschmähen!" rief das Mädchen, indem sie innerlichüber die geheime Macht, welche sie über den Anführerder Hebräer ausübte, frohlockte. „Judas würde Dichwillkommen heißen, seine Gefährten würden Dich will-kommen heißen, wenn Du kommst, um das Vergangenezu sühnen und Dein Schwert dem Vaterlands zu weihen.Gott würde Dich wieder annehmen, und Hadassah,"fuhr Sarah fort, indem ihre Begeisterung sich bis zumEntzücken steigerte, „Hadassah, Deine Mutter, würde inihrer Freude all ihren Kummer vergessen. In ihrerGlückseligkeit, ihren lange verlorenen Sohn bei Makka-bäus zu wissen, würde sie sich auch darüber freuen, daßihre Sarah bei Gott ist."
«Unmöglich, unmöglich!" rief Pollux, indem ervon seinem Sitz, wie um fortzugehen, aufstand. Sarahbemerkte in dem Tone seiner Stimme einige Unent-schiedenheit. Sie warf sich zu seinen Füßen, umklammerteseine Kniee und bat mit leidenschaftlicher Inbrunst, dennsie sah, daß Seele und Leben ihres Vaters auf demSpiele standen.
„O, mein Vater, wenn Du Dich doch entschließenkönntest, diesen schrecklichen Ort zu verlassen und zuDeinem Volke, Deiner Mutter, Deinem Gott zurück-zukehren, dann wollte ich gern sterben. Wir würdenuns in einer besseren Welt, alle für immer vereinigt,wiederfinden!"
Dem Abtrünnigen war. als hörte er die Stimmeseines Schutzengels, als erschiene ihm sein einst geliebtesWeib in menschlicher Gestalt, um ihm zu rathen, ihn zuwarnen, zu bitten, ihm zu sagen, daß es noch Gnadefür ihn gäbe, wenn er nur umkehre und Neue empfände.Ein schrecklicher Kampf tobte in seinem Innern. Erkonnte sich nicht entschließen, einen so kühnen und plötz-lichen Sprung zu thun, obwohl er sich des Elends undder Gefahr seiner gegenwärtigen Lage am Hofe wohl