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dem Apfelbaum ein Vogelnest belauerte, und verirrte sich un-glücklicherweise in das Fenster der Nachbarin. Zwar lief er,sobald er die Glasscherben klirren hörte, spornstreichs davon,aber die Nachbarin batte ihn doch noch gesehen und rief ihmzornig nach, daß sie die Unthat seinem Vater melden würde, derfür den Schaden aufkommen müsse. Und da ist sie nun wirk-lich gekommen und hat das ganze Fenster als eorxus äoliotigleich mitgebracht. Kaum hat der schuldbewußte Sünder sie inder Thüre erblickt, als er auch schon, vor Schrecken den Stuhlumwerfend, mit mächtigem Satze aus dem gefahrdrohendenArmbereiche des Vaters entfloh und bei der weniger strengenMutter vor dem heranziehenden Ungewitter Schutz suchte. Hoffenwir, daß die Sache für diesmal noch gnädig abgegangen ist,und daß der kleine Schütze ein andermal heim Steinwerfenvorsichtiger ist. _
Ker Kreml in Moskau mit der Krönungskirche.*)
Der Kreml war und ist auch jetzt noch für Moskau , wasdas Kapitol für Rom war; in ihm gipfeln alle Reminiszenzender Vergangenheit. Für den rechtgläubigen Russen ist er, wieKiew , ein heiliger Wallfahrtsort, zu dessen Reliquien jährlichTausende von Frommen aus dem weiter: Reich Pilgern. Durchseine hohen, zinnengekrönten und thurmgeschmückten Mauernführen fünf Thore (darunter das Erlöserthor, „LMglchHVarotg,",mit cinern wunderthätigen Heiligenbild, vor dem auch jederFremde das Haupt entblößen muß) ins Innere, welches vonkirchlichen Bauten, Palästen, Staatsgebänden und großen Plätzenbedeckt ist. Die bemerkenswerthesten Gebäude sind: Der UsspenskiSabor (die Mariä-HimmelfahrtSkathedrale), 1326 unter JohannKalita aus Holz erbaut, 1475 79 von: Baumeister Fioravanteaus Bologna von neuem in Stern aufgeführt, halb in byzan-tinischem, halb in tatarischem Stil. Sie birgt ebenso wie diefolgenden Kirchen eine Menge Reliquien, ist mit alten Fresken,mit von Edelsteinen bedeckten Heiligenbildern, Mosaiken undverschiedenen Kostbarkeiten überfüllt und dient seit ihrem Be-stehen als Krönungskirche der russischen Zaren, sowie als Grab-stätte der Metropoliten von Moskau . Ihr gegenüber steht derArchangelski Sabor (Katbedrale des Erzengels Michael ), 1333errichtet, 1805 von dem Mailänder A. Novi umgebaut, mit denGräbern der russischen Zaren von Jobann Kalita bis JohannAlexejewitsch (gest. 1696), dem Bruder Peters d. Gr. Denhöchsten Punkt des Kremls kiönt der Blagowjeschtschenski Sc-hor (Kathedrale der Verkündigung Mariä), 1489 erbaut, nacheinem Brand 1554 neugebaut, mit neun Kuppeln. Die KircheSpass na Boru (des „Heilands im Walde", 1330 aus Steinneuerbaut) wird als älteste aller Kirchen betrachtet. Bemer-kenswerth ist der 1600 von Boris Godunow erbaute, 82 m hoheGlockenthurm Iwan Welikis (Johanns d. Gr.), von dessenSpitze man eine prachtvolle Auösicht über die Stadt genießt.Am Fuß des Iwan Weliki steht die berühmte, 1731 gegossene,ca. 1960 metr. Zir. schwere Rieseuglocke „Zar-Kolokol." Ins-gesammt gibt es in Moskau (die Klosterkirchen mit eingerechnet)355 griechisch-katholische, 2 lutherische, 2 reformirte, 2 römisch-katholische Kirchen, 3 armeno-gregorian. Kirchen und 3 der Alt-gläubigen, dazu eine Synagoge und eine Moschee. Unter ihnennennen wir nur die auf dem Rothen Platz im Kitai Gorodstehende, durch ihre phantastisch-bizarre Bauart bekannte Ka-tbedrale des hl. Basilius (Wassili Blashenni). 1554 unter Iwandem Schrecklichen erhaut. Andere interessante Gebäude im Kremlsind: der 1487 erbaute alte Zarcnpalast (Tremni Dworßz); derFacettenpalast (Granowitaja Palata), unter Johann III. er-baut, mit einem kolossalen Saal, dessen Gewölbebogen von einerin der Mitte stehenden Säule ausgehen; der durch architektonischeSchönheit ausgezeichnete große kaiserliche Palast; die 1851 voll-endete Orusheinaja Palata, welche unschätzbare Sammlungenvon Kostbarkeiten (Kronen, oldsachen, Waffen, Kunstwerke desAlterthums, Prunkwagen rc.) enthält (neben derselben steht dieunter Feodor Jwanowitsch gegossene, 393 metr. Ztr. schwereRiesenkanone „Zar Puschka"), und das 1701—36 erbaute Ar-senal, vor dessen Fronte die 1812 erbeuteten Geschützrohre (über800) liegen; ferner das Synodalgebäude, vom Patriarchen Nikongegründet, mit einer kostbaren Bibliothek und einer Sammlungvon Kirchengewändern und Silbergeräthen. Im Kitai Gorod,an dem mit dem Denkmal von Minin und Posharski (vonMarios) geschmückten Rothen Platz, befindet sich das Kaufhaus(Gostinnoi Dwor) mit über 1200 Perkaufsläden, Wohl die
*) Einen eingehenden Artikel über den Kreml und seineGeschichte hat die „Augsburger Postzeitung" in ihren BeilagenNr. 53 u. ff. Jahrgang 1889 aus der Feder des Herrn I.Baumann gebracht. Die Nummern sind vergriffen.
größte beständige Waarenniederlage Europas ; im Bielgorod dasExerziei haus (151 m lang, 47 m breit).
Die Kronen der russischen Aaren
sind von ausgesuchter Kostbarkeit und theilweise von großerSchönheit. Bei der bevorstehenden Krönung des Kaisers Nicolaiwerden sie mit all den andern Schätzen und Prunkgeräthenaus der kaiserlichen Schatzkammer hervorgeholt werden, um denGlanz und Reichthum des mächtigen Herrschergeschlechtes allenBesuchern zu zeigen. Eins der schönsten Stücke im russischenKronschatz ist die seit Jahrhunderten vererbte Zarenkrone, dieim Kreml zu Moskau aufbewahrt wird. Sie ist aus wunder-vollem Goldfiligran gearbeitet und wird durch ein massiv gol-denes Kreuz überragt, das an seinen vier Enden mit großen,außerordentlich werthvollen Perlen geschmückt ist. Auf demoberen Theile der Wölbung sind zwischen drei edlen Perlen einTopas, ein Saphir und ein Rubin eingelassen; den unterenTheil der Krone schmücken vier Smaragde, vier in Gold gefaßteRubine und fünfundzwanzig Ormuz-Perlen auf goldenen Füßen.Sie ist, wie alle anderen russischen Kronen, am Rande mit demschönsten Zobelpelz eingefaßt und innen mit roiber Seide ge-füttert. — Ein ebenfalls sehr werthvolles Stück unter denSchätzen des russischen Herrschergeschlechts ist die Krone desZaren Simeon von Kasan. Iwan IV. hatte 1553 den musel-manischen Khan Ediger von Kasan endgültig besiegt und ihngezwungen, sich taufen zu lassen. Ediger erhielt bei dieser Ge-legenheit den Namen Simeon, und Iwan IV. verlieh ihm groß-müthig, um den immer noch mächtigen Mann an sich zu fes-seln, den Titel „Zar von Kasan" und schenkte ihm die oben er-wähnte prächtige Krone. Sie besteht aus Goldfiligran, das mitschwarzem Scbmelz überzogen ist. An der Spitze trägt sie einenschön geschliffenen Topas. Ursprünglich befand sich an dieserStelle ein großer Rubin ; dieser wurde aber im Jahre 1625ausgebrochen, um bei der Krone, die sich Zar Michael Theo-dorowitsch machen ließ, Verwendung zu finden. Ueber undunter dem Steine sind zwei große Perlen angebracht. Die Kronewird geschmückt durch 33 Rubine, 18 große und 12 kleinereTürkise und 12 halbirte Perlen. — Eine Art Aufsehen erregtim russischen Kronschatz zu Moskau noch ein drittes Stück: deralte Reichsapfel mit dem großen Kreuze. Er trägt 58 Dia-manten, 89 Rubine, 23 Saphire, 50 Smaragde, die in Goldgefaßt sind, und 37 feine Perlen. Die Emailminiaturen, welcheden Reichsapfel schmücken, stellen die Salbung Davids , seinenSieg über Goliath, seine Rückkehr nach dem Siege und seineVerfolgung durch Saul dar; zwffchen diesen Miniaturen sindsymbolische Figuren (Adler, Löwe, Greif und Einhorn) ange-bracht. Der Reichsapfel des griechischen Kaisertums war, wieman es auf den alten Münzen sieht, stets von einem großenKreuze über agt, dessen Form sich bis zum XI. Jahrhundertnickt änderte. Der oben beschriebene russische Reichsapfel bezeugtdurch sein großes Kreuz und die schöne Transparenz seiner aufCiselirungen gemalten Reliefemaillen, daß er aus der Blüthe-zeit der byzantinischen Emaillirkunst stammt.
lDas Porträt des Zarenpaars haben wir in No. 411894des Unterhaltungsblattes gebracht.)
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Mmmeksscstau im Monat Mai.
—X. Merkur im Stiere nahe bei Aldebaranerreicht um die Mitte des Monates seine größte östlicheEntfernung von der Sonne und ist abds. im Westenzu finden.
Venus Z im Widder erscheint gegen 4 U. mgs.im Osten.
Mars in den Fischen geht anfangs gegen 3 U.,zuletzt um 2 U. früh auf.
Jupiter H im Krebs bleibt bis nach 1 U. nachts,in den letzten Tagen bis Mitternacht über dem Horizont.
Saturn H in der Waage steht der Sonne gegen-über, erreicht um Mittern. seine größte Tageshöhe undist die ganze Nacht sichtbar.
In der Nähe des Mondes befinden sich Mars am7., Venus am 11., Merkur am 14., Jupiter am 18.,Saturn am 25. Vom Mond werden bedeckt Regulusam 20. früh 5 U., Antares am 27. früh 3 U.
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