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Freitag, den 1. Mai
189b.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Judas Wasrkaöäns.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS.
(Fortsetzung.)
26. Kapitel.
Müde Wanderer.
Hadassah hatte geglaubt, daß sie bereits bis andie äußersten Grenzen menschlichen Ertragens gelitten,daß es keine Tiefe wehr geben könne, in die sie nochhinabsteigen müsse; aber die Nachricht, die ihr Salathielin jener verhängnißvollen Nacht gebracht, zeigte ihr, daßsie sich geirrt habe. Der Gedanke, daß Sarah, ihreheißgeliebte Sarah, sich in den Händen der Syrerbefinde, verursachte ihr beinahe unerträgliches Herzeleid.So sorgfältig war das Mädchen gepflegt und vor allemSchaden behütet und beschützt worden, wie ein unge-fiederter Vogel unter dem warmen, weichen, schützendenFlügel, daß die Verlassenheit seiner gegenwärtigen LageHadassah mit Schrecken erfüllte.
Und wie — die Wittwe konnte nicht umhin, sichdiese Frage vorzulegen — vermochte ein so schüchternes,empfindliches Geschöpf der Probe der Verfolgung Standzu halten, vor welcher oft die Wüthigsten znrückbebten?Sarah weinte bei Erzählungen von Leiden anderer undwurde beinahe ohnmächtig, wenn sie Blut sah. Sie warnicht im Geringsten beherzt, und ihre jungen Vettern,Salome's Söhne, pflegten ihren Scherz bei dem Ent-setzen Sarah's zu haben, wenn ein Tausendfuß sich untereinem Kissen in ihrer Nähe eingenistet hatte. Vermochteein so weicher Seidenfaden einen Windstoß auszuhalten,welcher das stärkste Tau zerreißen konnte? Hadassahzitterte für ihren Liebling und würde gern eingewilligthaben, die größten Martern zu ertragen, für Sarah, diesie so wenig fähig glaubte, die Probe auszuhalten. DerGlaube der hebräischen Frau wurde hart geprüft. WieHütte sie auch ahnen sollen, daß die Gebete vieler Jahregerade vermittelst desselben Unglücks, das jetzt ihr Herzzerriß, erhört werden würden!
In ihrer Scelenangst schien Hadassah ihre körper-lichen Leiden zu vergessen. Vor Tagesanbruch schlepptesie ihre müden Schritte zu dem Thor des Gefängnisses,welches ihr Kind festhielt, in Begleitung der treuenHannah. Vergebens flehte Hadassah um Einlaß, ver-gebens erbot sie sich, die Gefangenschaft Sarah's zutheilen, wenn es ihr nur erlaubt würde, sie zu sehen.
Sie wurde von den Wächtern mit Hohn fortgetrieben,um nur immer wieder und wieder zu kommen, wie einVogel zu seinem geplünderten Nest. Aber keine Klage,kein Murren wurde von Hadassah wider den, der diesesLeid verhängt hatte, gehört, nur jener erhabene Aus-druck unerschütterlichen Glaubens: „Ob er mich schlägt,so will ich ihm vertrauen." Dann dachte die Wittwean den Griechen Lycidas. Sie hatte Anspruch auf seineDankbarkeit und wußte, daß er Sarah liebte. Konnteer nicht mit seinem Reichthum, seinen Talenten undseiner Beredsamkeit ihr Kind retten helfen?
„Hannah," sagte die Wittwe, „könnten wir nurden Griechen finden, er würde uns Rath und Hilfegewähren in dieser unserer großen Noth, aber ich weißnicht, wo er wohnt."
„Joab weiß es," bemerkte die Dienerin, „und ichweiß das Stadtviertel, in welchem dieser mit seinerMutterschwester Hephzibah wohnt; denn ich habe Oliven,Melonen und andere Früchte von ihr erhandelt. AberHerrin," fuhr sie fort, „Du bist müde, die Hitze derSonne ist jetzt so groß, suche einen geschützten Platzund ruhe, während ich gehe, Joab aufzusuchen."
„Für mich," entgegnete Hadassah bestimmt, „gibtes keine Ruhe, bis ich meine Sarah finde, und warumsoll ich für mich Schutz suchen, während sie nur den desGefängnisses über sich hatt" - -
Die beiden Frauen machten sich auf den Weg undkamen in ein Viertel Jerusalems, welches nur von denAermsten des Volkes bewohnt wurde. Obgleich dasGewand der Hadassah nur einfach war, trug sie dochso unverkennbar den Stempel ihres hohen Standes ansich, daß ihr Erscheinen unter den halbbekleideten undhalbverhungernden Kindern, die ihr beim Vorübergehennachstarrten, Staunen erregte. Die Straße war so eng,daß die Frauen, als sie einem beladcnen Kameel be-gegneten, sich dicht an die Mauer drückten mußten, umdas schwerfällige Thier vorüber zu lassen. Hungrige,abgemagerte Hunde knurrten über abgenagten Knochen,die auf der Straße umherlagen. Pestartige Gerüchtemachten die erstickende Luft noch drückender. AberHadassah eilte, unempfindlich für jede äußere Plage,vorwärts.
Hephzibah, ein erbärmlich aussehendes altes Weib,mit halb blinden, von Entzündung entstellten Augen,stand im Thorwege und warf gerade den Ausschuß vonGemüse, mit welchem sie handelte, fort. Hannah hatte