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sie schon oft gesehen und es bedurfte daher keiner Vor-stellung. „Wo ist Joab ?" fragte die Magd auf Geheißder Hadassah. Das alte Weib schielte mit ihrentriefenden Augen nach Hadassah, während sie der Magdantwortete: „Joab ist, wie immer, beim Hahnenschreifortgegangen, um sein Maulthier mit Früchten undGemüsen zu beladen, er wird vor Einbruch der Nachtnicht zurückkehren."
Hadassah legte die Hand an die brennende Stirnund wandte sich nun selbst an die Alte: „Hast Duvielleicht von Joab gehört, wo ein Grieche, ein Athener wohnt, Lycidas mit Namen?"
„Lycidas? Nein, in unserm Viertel wohnt niemand,der diesen Namen trägt," war die leise gemurmelteAntwort.
„Hat Joab niemals zu Dir von einem sehr gutaussehenden Fremden gesprochen, schön von Gestalt,"beharrte Hadassah in ihren Fragen, indem sie hoffte,daß die Schönheit deS Lycidas es vielleicht wenigerschwieriger machen würde, ihn aufzufinden.
Hephzibah schüttelte den Kopf und zeigte ihrewenigen Zähne mit einem Grinsen, wobei sie sagte:„Und wäre er schön wie David, ich habe weder vonihm gehört, noch mich um ihn bekümmert."
„Der Fremde hat eine offene Hand, er gibt reich-lich," bemerkte Hannah.
Diese Worte übten eine erstaunliche Wirkung aufdas Gedächtniß der alten Jüdin.
„Ach ja," sagte sie, „ich erinnere mich eines Fremde«,der dem Joab Gold gab, wo ein Anderer Silbergegeben hätte. Hil hi! hil unser Maulthier ist einstarkes Vieh, aber niemals brachte es uns bisher eineso starke Miethe!"
„Wann war das?" fragte Hadassah.
„Zwei Tage, nachdem Joab den Jüngling nachHause gebracht hatte."
„Kannst Du mir sagen, wo jenes Heimath ist?"fragte Hadassah eifrig.
„Warte, lass' mich denken," murmelte Hephzibah.
Hadassah warf eine Münze in die Hand der Frucht-verkäuferin. Hephzibah drehte sich um und um, indemsie dieselbe ansah, als ob sie glaubte, daß das Be-trachten des Geldes ihr helfen würde, eine Antwort zugeben. Endlich sagte sie langsam: „Ach, ich erinneremich, daß Joab sagte, er hätte den Fremden nach demgroßen Hause mit einem Hofe an der linken Seite deswestlichen Thores gebracht, welches Apollonius — siestieß einen Fluch aus — niederriß."
Dies war genügende Auskunft, und Hadassah ver-ließ, dankbar, so viel gewonnen zu haben, mit ihrerBegleiterin die- erstickende Umgebung von Hephzibah'sWohnung, um diejenige des Griechen aufzusuchen.Schrecklich war der Glanz und die Hitze der Sonne anjenem Nachmittage, und groß schien die Entfernung,die noch zurückgelegt werden sollte. Doch gönnte sichHadassah keine Nutze, bis sie sich dem GymnasiumNäherten, welches der abtrünnige Priester Jason er-richtet hatte. Mit Mühe bahnten sie sich einen Wegdurch Haufen von Syrern und anderen, die nach Ver-gnügungsplätzen eilten.
Hadassah seufzte, aber nicht vor Müdigkeit; siewandte ihre Augen von dem Gebäude ab, welches fürso viele ihres Volkes eine Pforte des Verderbens ge-worden war, und die lustigen Stimmen 6ex" Herbei-
eilenden tönten trauriger in ihr Ohr, als die Wehklagenüber einen Todten. Kostbare Seelen wurden in jenemGymnasium gemordet, die hebräische Mutter dachte un-willkürlich an ihren Sohn.
Beinahe vor Mattigkeit umsinkend, erreichte Hadassahendlich den Ort, welchen Hephzibah beschrieben hatte.Es machte der Hadassah keine Schwierigkeit, eine Zu-sammenkunft mit dem Wirth zu erlangen, der sie mitder Höflichkeit empfing, die sich für den Bürger einerder cultivirtesten Siädte der Welt ziemte.
Cimon bot der Hadassah einen Sitz unter demSchatten des Thorweges, der in feinen Hof führte.
„Wohnt der Herr Lycidas hier?" fragte Hadassahschwach. Sie konnte kaum sprechen, ihre Zunge schienihr am Gaumen vor Hitze, Anstrengung und Aufreguugzu kleben.
„Der Herr Lycidas verließ diesen Ort gestern,"antwortete der Grieche.
„Wohin ist er gegangen?" keuchte Hadassah.
„Ich weiß es nicht, er sagte nicht wohin," ant-wortete Cimon, indem er seinen Gast voll Mitleid undNeugierde betrachtete. „Monate sind vergangen, seitder athenische Herr plötzlich verschwand, nachdem erdieses Haus eine Zeitlang mit seiner Anwesenheitbeehrt hatte. Gesucht wurde er vergebens. Ich fürchtete,daß meinem Gast Uebles begegnet sei, und da Zeitverrann, ohne daß eine Nachricht von ihm kam, schriebich an seine Freunde in Athen und fragte an, was mitdem unter meiner Obhut befindlichen Eigenthum dessengeschehen solle, der, wie ich vermuthete, ein frühzeitigesEnde genommen. Bevor die Antwort kam, erschienLycidas selbst vor meiner Thür, aber in einem schlimmenZustande, mit elendem Körper und unruhigem Gemüth.Er wollte nicht über das Vorgefallene berichten undsagte nicht, wo er gewesen. Und gestern Morgen bestieger, obgleich er kaum stark genug war, um sich im Sattelzu halten, sein Pferd und ritt fort, ich weiß nicht,wohin; auch sagte er nicht, wann er wiederkäme. WennDu eine Freundin des Lycidas bist," fuhr der Athener ,dessen Neugierde stark erregt war, fort, „so kannst Dumir vielleicht die Gunst erweisen und auf das Ge-heimniß, welches seine Bewegungen begleitet, ein Lichtwerfen."
Aber Hadassah war gekommen, um Auskunft zugewinnen, und nicht zu geben. „Ich kann hier nichtlänger weilen," sagte sie, „aber wenn Lycidas zurück-kehrt, sage ihm, ich bitte Dich ernstlich darum, daß dasKind einer Frau, die ihn in Krankheit gepflegt hat, jetzteine Gefangene des syrischen Königs ist."
Bekümmert, enttäuscht und verzagt über das Fehl-schlagen ihrer Hoffnungen, wandte sich Hadassah von derWohnung des Griechen weg.
„O Herrin, ruhe aus, oder Du sinkst um vorMattigkeit!" rief Hannah, deren eigene, rüstige Gestaltschon unter der Anstrengung litt, deren Hälfte zu er-tragen sie einen Tag vorher ihre Herrin für unfähiggehalten haben würde.
Hadassah antwortete nicht; sie sank mehr, als siesich setzte, unter einen kleinen Schatten, den eine zer-fallene Mauer gewährte. Darauf bedeckte sie ihr Antlitz,und Hannah bemerkte an der leichten Bewegung ihresKopfes, daß Hadassah betete.
Dann erhob diese ihr Haupt. Sie war todtenblaß,aber ruhig.