Ausgabe 
(1.5.1896) 36
Seite
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«Ich kann hier nicht bleiben," muMelte sie.Ichmuß das Schicksal meines Kindes wissen. Hannah, lass'uns zn dem Gefängniß umkehren." Selbst mit Hilfeder Magd war Hadassah kaum fähig, aufzustehen.

Die Beiden erreichten das Thor des Gefängnisses.Eine Gruppe syrischer Krieger hielt dort Wache. DieErscheinung der ehrwürdigen, von solcher Last der Be-trübniß gebeugten Dulderin bewegte einen der Kriegerzum Mitleid.

Du kommst vergebens, Weib," sagte er, «dasMädchen, das Du suchest, ist nicht hier."

Todt?" stieß Hadassah schwach hervor.

Nein, nein, nicht todt," antwortete der Kriegerschnell.Ich weiß nicht alles, was sich begeben hat,aber sicher ist das junge Mädchen vor den König ge-bracht worden."

Vor den, der Salowe und ihre Söhne mordete den unbarmherzigen Feind," war der vernichtendeGedanke, der Hadassah in's Herz schnitt.Und wasfolgte?" Sie fragte mit den Augen, denn ihre Lippenkonnten die Frage nicht hervorbringen.

Vielleicht dachte der König, es sei schade, einenso schönen Vogel zu tödten, und ließ ihn am Leben,damit er ihm Musik in seinen Lustgärten mache," sagtedie Wache.Alles, was ich sagen kann, ist, daß dasMädchen nicht in das Gefängniß zurückgebracht wordenist, sondern im Palaste blieb."

Im Palast l" rief Hadassah, mehr betrübt als be-ruhigt durch diese Nachricht.

Natürlich!" sagte ein anderer Krieger mit einemrohen Scherz.Das Mädchen beging nicht die Thor-heit, für ihren Aberglauben zu sterben, wie ein fröm-melndes, fanatisches altes Weib, das nicht mehr Ver-stand besitzt, als der Stab, auf den sie sich stützt. Natür-lich that das Mädchen, was jedes vernünftige Weib auchgethan haben würde: sie betete alles an, was der Königihr befahl, anzubeten, die Musen, Grazien oder Furien.Bekehrungen sind leicht bei ihrem Alter gemacht, mitjeder Art von Qualen auf der einen Seite und allerHerrlichkeit der Welt auf der anderen."

Hadassah wandte sich ab von dieser Stelle. Konntendie Worte des Kriegers wahr sein? Hatte Sarah ihremGlauben abgeschworen, wie ihr Vater gethan, obgleichunter so anderen Umständen?O, Gott wird ihr ver-geben er wird meinem armen, verlorenen Kinde ver-geben, wenn es einer so schrecklichen Versuchung erlegenist!" murmelte die hebräische Frau, indem sie die Handauf das Herz preßte, das ihr zu brechen drohte. AberHadassah glaubte keinen Augenblick, daß Sarah's Stand-haftigkeit sie verlassen haben könne. Sie beschloß, trotzaller Gefahr, sie auf jeden Fall zu sehen und steuerte,indem sie alle Kräfte zusammennahm, sogleich nach demPalast. Das unglückliche Weib hatte sich freilich wohldenken können, daß es vor der Hand ein hoffnungsloserVersuch sein würde, in jenes prachtvolle Gebäude vollLuxus, Grausamkeit und Verbrechen Eintritt zu ge-winnen. Ueber ihr dringendes Flehen um Einlaß zndem gefangenen hebräischen Mädchen wurde seitens derWache nur gespottet.

Dann muß ich den König selber sprechen!" riefHadassah,ich will warten, bis er das Thor verläßt."

Der König geht heute nicht aus," sagte einsyrischer Edler, der soeben den Palast verließ, und derbei dem Anblick der alten Frau von dem Ernst und

der Angst in den edlen Zügen derselben ergriffen war.Aber Antiochus reitet Morgens bald nach Sonnenauf-gang fort," bemerkte er.

Dann," dachte Hadassah,soll der TagesanbruchMich hier finden. Ich will den Antiochus bei seine«Aufbruch erwarten. Ich will den Tyrannen zwingen,mich zu hören. Gott wird mir eingeben, was ich sagenmuß. Er wird das Herz des Königs rühren. Vielleichtläßt sich der Tyrann erbitten, ein Leben für ein andereszu nehmen. O, meine Sarah, Kind meines Herzens,es wäre Seligkeit, für Dich zu leiden!"

Im Vertrauen auf die letzte verlorene Hoffnungwilligte Hadassah endlich auf die Bitten Hannah's ein,die Wohnung einer hebräischen Familie aufzusuchen,mit welcher sie ein wenig bekannt war, um dort etwasSpeise zu sich zu nehmen und sich zur Nutze nieder-zulegen. Endlich kam ihr der Schlummer, aber mitTräumen; Hadassah glaubte ihren Sohn, ihren Abnerzu sehen, heiter und sorgenlos wie in seiner Jugend. Dannänderte sich die Scene. Hadassah träumte, Sarah wäreunerwartet zurückgekehrt. Entzückt schloß sie das ge-rettete Mädchen in ihre Arme; dann sah sie zu ihremErstaunen, daß es nicht Sarah, sondern Sarah's Vaterwar, den sie in den Armen hielt. Es war sonderbar,daß sie inmitten so vieler Angst so wonnige Träumehatte, infolge deren ein Lächeln die gramerfüllten Zügeder alten Wittwe überflog. Flüsterte da vielleicht einguter Geist ihr in's Ohr:Während Du schläfst, betetDein Sohn, Deine Gebete für ihn sind nun endlicherhört."

Aber Hadassah verlor mit Schlafen nicht viel Zeit.Als die Sterne noch am Himmel flimmerten, weckte sieihre Dienerin, die zu ihren Füßen in tiefem Schlummerlag. Hanuah stand auf und Hadassah verließ mit ihr,ohne die Hausbewohner zu wecken, geräuschlos die gast-liche Wohnung, die ihnen Schutz gewährt hatte, undwandte ihre Schritte zu dem Palast des AntiochusEpiphanes .

Als die beiden Frauen durch die stillen, engen,leeren Gassen schritten, stießen sie plötzlich in einemWinkel, der durch eine Querstraße gebildet wurde, aufeinen jungen Mann, dessen schneller Schritt Ungeduldund Angst bekundete. Er eilte mit solcher Hast vorwärts,daß er Hadassah beinahe anlief, bevor er stillstehenkonnte.

Ha, Hadassah!"

Lycidas! Gott sei gepriesen!" riefen in einemAthem der Grieche und die Hebräerin.

Ist es kaun es wahr sein Sarah ge-fangen in Gefahr?" rief der junge Mann, den dieNachricht von dem Angriff auf Salaihiel's Wohnungund der Gefangennahme eines Mädchens erreicht hatte.Und zwar traf ihn dieselbe zu Bethlehem , wo er sich injener Nacht aufhielt, und er eilte nun sofort nachJerusalem . Lycidas war zuerst nach dem Hause desCimon geritten, wo die von Hadassah hinterlassene Bot-schaft seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Indemer sein Pferd, welches auf der felsigen Straße lahmgeworden war, zurückließ, eilte er zn Fuß nach demPalast mit keiner geringeren Absicht, als um jedenPreis eine Zusammenkunft mit dem Könige zu erlangen.

Sarah ist in jenem Palaste eine Gefangene,"sagte Hadassah.Du würdest alles thun, waS inDeiner Macht steht, um sie zu retten?"