Ausgabe 
(15.5.1896) 40
Seite
307
 
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Erinnemngen von Karl von Wertach.

Nachdruck verboten.

Und vergessen Sie ja den ^.sbi nicht!"

Das war der stete Refrain, wenn ich meinen FreundS., welcher viele Jahre in Italien zugebracht hatte undLand und Leute aus dem ff kannte, um einige Anhalts-punkte für meine bevorstehende Hochzeitsreise bat.

Ich notirte mir all' seine guten Rathschläge überTouren, Museen, Hotels und dgl., war ich doch zumersten Male im Begriff, das vielgepriesene Land zu be-suchen; ich notirte mir pflichtschuldigst also auch denohne speziell aus letztere Notiz großen Werthzu legen, da ich als echtes Münchner Kind kein be-sonderer Freund des Bacchus war und Gambrinus denVorzug gab. So kam es denn auch, daß ich die Mahn-ung meines Freundes bald vergessen hatte, umsomehr,da überall, in Mailand, Venedig, selbst Rom , vortreff-liches Münchner Bier zu haben war, wenn auch etwastheuer. Wer wird aber auch auf der Hochzeitsreise stetsseine Moneten nachzählen und Bilanz machen!

Die Flitterwochen sind gewiß etwas Herrliches,Italien ebenfalls; die F-litterwochen in Italien zubringen,kann man sich etwas Schöneres denken?-

Meine liebe Clara hatte von der Welt noch nichtsgesehen, aber ein äußerst empfängliches Gemüth für alleNaturschönheitcn und einen hohen Kunstsinn, den ichselbstein halber Künstler bewundern mußte. Es war alsofür uns Beide ein beständiges Schwelgen in den edelstenGenüssen, welches wir während unserer Reise empfanden,und nur zu schnell verflog mein vierwöchentlicher Urlaub.Was sind auch vier Wochen für Italien ! Wir mußtenAlles nur so im Fluge genießen und dursten uns nirgendslange aufhalten.

Die nobelste Stadt Italiens , das wunderbareFlorenz , berührten wir erst auf dem Heimwege undkonnten ihm nur einen Tag widmen. Vormittags be-suchten wir die berühmten Gcmäldegallericn in den Usfizicnund im Palazzo Pitli, der Nachmittag war dem Besucheiniger Kirchen, den Cascinen und einem Ausflug nachSau Miniato gewidmet. Am andern Tag hieß esfort", unerbittlich fort mit dem Schnellzug bis Bozen .Dieser letzte Tag in Italien war einer der schönstenunserer Reise. Hatten uns Vormittags die unvergleich-lichen Kunstschätze des Palazzo Pitti entzückt, so warenwir Nachmittags hingerissen vom Zauber der Landschaft,die sich von Sau Miniato aus vor den trunkenen Blickenentfaltete. Die Seele voll unvergeßlicher Eindrücke, wandertenwir dem in nächster Nähe des Bahnhofes gelegenenHotel Bonciani zu, in welchem wir die letzte Nacht aufitalienischen Boden zuzubringen gcdachicn. In einemder kleinen, lauschigen Rcstaurationszimmcr nahmen wirPlatz. Es gab um jene Zeit viel Fremde, und deshalbfüllten sich allmählig die Appartements. An unsermTisch nahm ein Justizrath R. aus Coblcnz mit seinerjungen Frau und einem allerliebsten blondlockigen Knabenvon vielleicht 67 Jahren Platz; später kamen nochzwei Brüder M., Techniker aus Bahreuth, die mitrührender Zärtlichkeit aneinanderhingen. Wir tauften

* Lsti sxumauts ist ein vortrefflicher» im District Asti(Piemont) aus Muscat-Trauben bereiteter moussirender Weinvon eigenthümlicher duftiger Blume. Er wird fast ausschließlichim Inland getrunken. WaS man anderswo unter diesemNamen bekommt, ist meist ein Gepantsch, bei welchen! wohl-riechende Stoffe die natürliche Blume ersetzen sollen.

sie scherzweise Castor und Pollux. Alle waren rechtliebe Leute, so daß bald eine angenehme Unterhaltungin Fluß kam.

Ich hatte Alles gewissenhaft beobachtet, was mirFreund S. anrieth, und sein Rath hatte mir einerseitsmanche schöne Stunde bereitet, andererseits manche unange-nehme Erfahrung erspart. Da auf einmal, als ich währendder Erzählung in meinem Notizbuch blätterte, fiel meinBlick auf das ominöse Wort:^.str." Ich hatte den^,3tü ganz vergessen gehabt. Was thun? Sollte ichmeinem Freund, der mir so oft zugerufen hatte:ver-gessen Sie ja den l^sti nicht!" den Schmerz anthun,daß ich gerade diesen Wink nicht befolgte? Oder sollteich lügen? Das bin ich nicht im Stande! Er würdemir die Lüge sofort angemerkt haben. Aber wir warenja noch in Italien , das Versäumte konnte in letzterStunde nachgeholt werden. Ein Blick in die Weinkarteüberzeugte mich, daß es sxumanto" gab. Icherzählte meinen Tischgenossen mein Versprechen, und eswurde allgemein beschlossen, das fröhliche Beisammenseinmit einigen Flaschen zu beschließen und sie auf einglückliches Wiedersehen zu leeren.

Nachdem der blondlockige Alfred zu Beste gebrachtworden war, standen bald drei Eiskübel da, indenen sich die Flaschen befanden, und vor jedem Tisch-genossen ein Pokal. Ein fröhlicher Knall ertönte beimOesfnen der Pfropfen und das schäumende Naß ergoßsich in die Pokale. Erwartungsvoll tranken wir den erstenSchluck des uns Allen unbekannten Weines.

Wahrlich ein Göttertrank", riefen Castor und Pollu;in inniger Scelengcmeinschast gleichzeitig aus und auchwir mußten gestehen, daß uns der Wein vortrefflichmundete, ja ich bedauerte sogar, nicht früher der Weisungmeines Freundes S. gefolgt zu sein.

Die Unterhaltung wurde immer animirter, nochmanche Flasche wurde geleert und als schließlich beimletzten Glas Castor begeistert ausrief:ovviva Itulia!"und Pollux sccundirte: »ovvlva, 11 virro ä'^sti!", daerreichte die Fröhlichkeit ihren Höhepunkt.

Dieser letzte Abend in Italien war unser ver-gnügtester .

Es war die erste und letzte FlascheL^sti sxu-

nannte", welche ich trank und trinken werde.

Nur einen einzigen Schluck sollte ich später noch einmalgenießen.

Wer hätte das gedacht?

* *

*

Den glücklichen Tagen auf meiner Hochzeitsreisefolgten glückliche Monate.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet!"

sagt unser Lieblingsdichker.

Unsere Herzen hatten sich zusammengefunden,wie es vielleicht nicht oft der Fall ist. Meine Clarabesaß alle Eigenschaften, welche einen Mann glücklichmachen können. Nicht der Liebreiz ihrer äußeren Er-scheinung allein war es, was mich so mächtig fesselte,sondern viel mehr noch ihr edles, reiches Gemüth. Siewar wahrhaftig es ist nicht zu viel gesagt einEngel in Menschengestalt, so gut, so mild.

Liebes Kind, Dein Andenken bleibt gesegnet beiAllen, die Dich kannten!.

Ein Jahr war verflossen und unser Glück solltegekrönt werden durch eiu freudiges Ercigniß, ein