Ausgabe 
(19.5.1896) 41
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schwebte der Rückzug das Sammeln des Heeresdas Blitzen der Waffen, die vom Blute trieften, vor.Sie bedeckte voll Entsetzen ihre Augen, als ob sie dadurchden schrecklichen Anblick abwehren könnte.

Stundenlang dauerte diese Angst. Die Erregungim Kampfe kann wüthige Herzen durch die Schlacht tragen,ohne daß dieselben zum Bewußtsein der Schrecken undder Furcht kommen. Selbst die edelsten und bestenKrieger können mit heißem Blute Dinge sehen und thun,vor welchen sie in ruhigen Augenblicken zurückschreckenwürden; aber das Weib, dessen irdisches Glück auf demSpiele steht, und welches das Wesen, das ihr auf Erdendas Theuerste ist, nicht vor dem zermalmenden Schlage,oder dem tödtlichen Stoße schützen kann ihr ist derTag der Schlacht ein Tag von unerträglicher Qual undfürchterlicher Ungewißheit, und doch fürchtet sie die Un-gewißheit mit Gewißheit, welche ihren Schmerz noch un-erträglicher machen könnte, zu vertauschen. Das Mädchenfand eine kleine Erleichterung in der Beschäftigung, diesie mit ihrer Magd vornahm, die darin bestand, daß sieVorbereitungen zur Pflege der Verwundeten traf, obgleichsie zu gut wußte, daß, wenn die Syrer bie Schlacht ge-wännen, kein verwundeter Hebräer zu pflegen sein würde,sondern, daß vielmehr des Siegers Schwert sein scheuß-liches Werk vollenden würde.

Judas Makkabäus hatte wie gewöhnlich es vorge-zogen, selbst der Angreifer zu sein, anstatt den Angriffder rohen syrischen Schaaren abzuwarten. Sein plötzlichunerwarteter Angriff brachte den Feind in einige Ver-wirrung und gab anfangs den geringen Streitkräften deshebräischen Fürsten Vortheil.

Seine Männer stürzten in den Kampf wie solche,die ihres Erfolges gewiß sind. Hatten sie nicht bereitsmit Apollonius und Seron die Schwerter gekreuzt?Hatten sie nicht die Tausende des Nikanor zerstreut undGorgias zur schimpflichen Flucht gezwungen? War nichtMakkabäus ihr Anführer, und sahen sie nicht in vordersterReihe das Blitzen seines Helmes? Doch der Kampf warhartnäckig, und als die Syrer endlich von den hebräischenHelden zum Rückzüge gezwungen wurden, warf sich eineAbtheilung unter Lystas in die Festung Bethsura, in derAbsicht, hinter ihren Mauern Schutz zu suchen und neueKräfte zu sammeln, um am folgenden Tage den Kampfvon neuem aufzunehmen. Aber es lag nicht in der Ab-sicht ihres Gegners, ihnen Zeit zur Erholung zu lassen,oder zu dulden, daß sie seine Nachhut angriffen, wenner gegen Jerusalem vorrückte. Der Sieg durfte nichtunvollständig bleiben. Bethsura mußte sein werden, be-vor die Dunkelheit dem Kampfe ein Ende machte.

Seht Ihr jenes syrische Banner dort oben aufdem Thurme?" rief Makkabäus .Wer will der Erstesein, es niederzureißen?"

Ein einstimmiger Ruf, ein Jauchzen war die Ant-wort:Auf die Mauern! Auf die Mauern!" undvorwärts stürzten die Hebräer auf den fliehenden Feind.

Bethsura war keine sehr starke Festung, obgleich die

Höhe ihrer Thürme die Vertheidiger in den Stand setzte,ihre Angreifer sehr zu quälen, zu ermüden und zu stören,indem sie einen Hagel von Pfeilen und anderen Wurf-waffen auf die Heranstürmenden herniedersandten. Makka-bäus hatte in richtiger Voraussetzung, daß der Kampfdoch noch in Bethsura selbst entbrennen würde, aus Baum-stämmen roh zusammengefügte Sturmleitern, die seineKrieger mit ihren Streitäxten gefertigt hatten, in Bereit-schaft. Mit Rufen und Jauchzen wurden zwei derselbenherbeigeschleppt, und ungeachtet des heftigsten Widerstandesder Syrer an die Mauern gelegt. Wer wird sie er-steigen, wer wird zuerst die Höhe erreichen durch dentödtlichen Hagel von Wurfspießen und zuerst den nieder-fallenden heftigen Schlägen und Stößen derer wider-stehen, die oben von der Mauer aus die belagerte Festungvertheidigen?

Lycidas hatte sich in der Schlacht tapfer gehalten,er hatte die Ehre des Landes, das der ungeheuren Machtdes Terxes Widerstand geleistet, vertheidigt; jetzt war seinFuß der erste auf der Letter. Es war ein gefahrvollerAugenblick. Die rauhen, mit Zweigen kreuzweise befestigtenSprossen schwankten beim Kampfe hin und her. Die

Vertheidiger wollten die Leitern niederwerfen, die An-greifer hielten dieselben fest. Es war für die Kletterndenäußerst schwer, nicht auszugleiten. Steine und Pfeileraffelten auf den Schild nieder, den der junge Griecheüber seinem Kopfe mit dem einen Arm hielt, währender den andern zum Steigen gebrauchte. Aber Lycidaswich und wankte nicht.

Wohl gethan! brav gethan!" jauchzten dieHebräer, die ihm nachstürmten.Er ist kein Heide,

wenngleich er ein Grieche ist!" schrie Jascher mit gellenderStimme.Vorwärts aufwärts Krieger von Juda,noch ein kurzer Kampf, und Bethsura ist unser!"

Beinahe an der Spitze der Leiter, beinahe dicht ander Mauer, keuchend, blutend strebt der junge Griechevorwärts. Da fällt ein Stein auf seinen Schild, zer-schmettert diesen, betäubt den jungen Helden und schwächtihm den linken Arm, mit welchem er den Schild hält.Der Hebräer hinter ihm stürzt, von einem Wurfspießgetroffen, von der Leiter. Der Kopf schwindelt dem

Lycidas, sein Ohr hört das Getöse, er weiß nur, daß

Ehre und wahrscheinlich der Tod vor ihm sind, und doch er steigt, er steigt. Zwei mächtige Syrer haben dasobere Erde der Leiter ergriffen. Mit einer riesenhaftenAnstrengung stoßen sie dieselbe von der stützenden Mauermit ihrer lebenden Bürde daraufstehender Männer bisauf einen den obersten! Lycidas fühlte die Leiterunter sich wanken. Mit einer ungeheuren Anstrengungund großer Geschicklichkeit springt er, indem sie fällt, aufdie Mauer, ergreift diese mit der rechten Hand und wirftsich auf die Brustwehr. Aber nicht einen Augenblickwird ihm Zeit gelassen, um Athem zu schöpfen, auf seineFüße zu springen und das Schwert zu ergreifen, das erum seinen Hals trägt. Er kann nicht aufstehen undWiderstand leisten, während die Schwerter über ihm

Der: Liebe Koti geht öurch öen Wcrlö.

Früh morgens, wenn die Hähne kräh'n,Eh' noch der Wachtel Ruf erschalltUnd wärmer all' die Lüfte weh'n,

Vom Jagdhornruf das Echo hallt:Dann gehet le.se nach seiner WeiseDer liebe Herrgott durch den Wald!

(Zu nebenstehendem Bild.)

Die Blümlein. wenn sie aufgewacht,

Sie ahnen auch den Herrn alsbaldUnd schütteln rasch den Schlaf der NachtSich aus den Augen mit Gewalt,

Und flüstern leise ringsum im Kreise:Der liebe Gott geht durch den Wald!"

Die Quelle, die ihn kommen hört,

Hält ihr Gemurmel auf sogleich,

Stuf daß sie nicht die Andacht stört'

Von Groß und Klein im Waldbereich.Die Bäume denken:Nun laßt uns senkenVor'm lieben Herrgott das Gezweig!"