Ausgabe 
(19.5.1896) 41
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blitzen. Dieselben, die die Leiier niedergeworfen haben,ergreifen ihn, um ihn hinunterzuschleudern. Ein Ge-danke an Sarah durchführt das schwindelnde Gehirn desjungen Mannes, ist es sein letzter? Nein, ein großerSchild schiebt sich plötzlich zwischen Lycidas und seineAngreifer, sie sinken von den Streichen eines furchtbarenSchwertes getroffen, zurück. Die andere Leiter ist vonden Braven mit unwiderstehlicher Ausdauer erstiegenworden. Judas Makkabäus selbst hat seinen Fuß aufdie Bollwerke gepflanzt. Schritt für Schritt treibt erihre Vertheidiger zurück und erscheint gerade in diesemfür das Schicksal des Lycidas entscheidenden Augenblick,um seinem Nebenbuhler das dritte Mal das Leben zuretten. Das Banner des Makkabäus ist auf den höchstenThurm Bethsuras gepflanzt. Es weht im Licht derAbendsonne, und die Sieger lassen ein so lautes, wildesTriumphgeschrei erschallen, daß es wohl meilenweitzu hören ist. Es erreicht auch Sarah in ihrer Hütteund erfüllt ihr Herz mit Hoffnung und Frohlocken! dennsie kennt die Stimme ihres Volkes, niemand anders alsdie Sieger konnten die Luft von solcher Fröhlichkeit er-zittern machen. Dann folgt der Ruf:Jerusalem !Jerusalem !" Dieser, unter allen am meisten geliebteName ertönt nicht nur von den hebräischen Helden injener Stunde des Sieges, sondern von allen KindernIsraels. Jerusalem , die Mutter dieser Kinder, soll freiwerden. Ihre Befreiung von einem drückenden Joch istder Lohn für ihre Arbeit und Gefahr, kein Feind wagtes mehr, die Sieger auf ihrem Marsche gegen die heiligeStadt aufzuhalten.

Makkabäus stimmt in das Jauchzen und Frohlockenein. Seine kleinen Bekümmernisse tritt er unter seineFüße, damit sie den Triumph nicht verdüstern, dessenGott die Waffen seines Volkes gewürdigt. Der Fürsterhebt sein Haupt und seinen siegreichen Arm gen Himmelund ruft laut, nicht mit Stolz, sondern froher Dank-sagung:Siehe, unsere Feinde sind geschlagen! Lassetuns nun gehen, das Heiligthum reinigen und wiederumdem Herrn weihen!"

(Schluß folgt.)

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Tödliches Gift.*)

In frühern Zeiten wurde, besonders auf dem Lande,häufig zur Beseitigung unliebsamer Persönlichkeiten einGift angewendet, das in schleichender Art wirkte, aberstets unausbleibliche tödliche Wirkung hatte. Das Ge-heimniß der Zusammensetzung dieses Giftes war undblieb lange Zeit wohlbehütetes, unaufgeklärtes Geheim-niß; erst spätere Zeiten brachten Licht in die Sachedas so sicher wirkende Gift bestand aus nichts anderem,als einem Glase Wasser, das man unter das Bett einesSterbenden gestellt und während dessen Agonie und Toddort belassen hatte. Der Niederschlag der in der nächstenAtmosphäre des Kranken befindlichen, von demselbenausgesträmten Angststoffe der Todespein verleibt sich demWasser in einer Art ein, daß der Genuß desselben alstödliches Gift für andere wirkte.

Diese gefährliche Thatsache ist zwar freilich nicht sobekannt, daß sie als Warnung zur Vorsicht dienen könnte,jedenfalls aber dürfte sich in diesem Punkte die größte

*) AusProfessor vr. Gustav Jägers Monatsblatt."».Stuttgart , Kohthammer.)

Vorsicht bei schweren Krankenfällen und in den Zim-mern Sterbender empfehlen in Bezug auf Speisen undGetränke. Es wird hierin aus Roheit, Unwissenheit undLeichtsinn vielleicht gar oft gefehlt, und mancher Fallvon Unwohlsein und Krankheit möchte sich auf die Un-vorsichtigkeit zurückbeziehen, die manchen Ortes, besondersbei den untern Ständen, in solchen Fällen geübt wird.Wo peinliche Ordnung und regelrechte Krankenpflegeherrscht, da sind ja die Gefahren solcher Unvorsichtigkeitausgeschlossen, aber manchmal wird mit einer Unklugheitverfahren, die geradezu unbegreiflich ist. Man kannnicht selten die Beobachtung machen, daß Speiseüberreste,die tagelang im Zimmer eines Schwerkranken gestandenhatten, noch einem Kinde verabreicht werden, und dieBetreffenden glauben damit noch etwas Gutes zu thun,da es ja etwasFeineres" war, was das Kind gernißt und was wegzuwerfen schade wäre. In Städten,wo der Raum in den Wohnungen ja oft so sehr be-schränkt ist, habe ich auch schon beobachtet, daß imZimmer eines Schwerkranken ein Büffet oder ein offenerSpeisekasten stand, der zur Aufbewahrung von Speise-resten, von Fleisch, Bäckereien u. s. w., auch Zucker, Thee,Kaffee, Brod und anderm, während der Krankenzeit be-nutzt wurde; es ist anzunehmen, daß dies der Nahrungschädlich ist, während in zweiter Richtung auch der ver-schiedenen Nahrungsmitteln entströmende Geruch für denKranken nicht zuträglich ist; auch die beste Lüftungvermag diese doppelte Gefahr nicht zu beseitigen.

Ebenso zu tadeln ist es, vom Kranken nicht be-rührte oder zum Theil genossene Nahrung im Kranken-zimmer selbst oft gar über Nacht stehen zu lassen,um dieselben dem Kranken später wieder zu bieten; dasheißt den Kranken mit dem eigenen Gift vergiften, ihnnoch schwererer Erkrankung aussetzen. Und gilt diese ganznatürliche Vorsicht schon von Räumen, wo Kranke liegen,so ist sie noch um so viel eher auf Zimmer anzuwenden,wo Todte liegen; man soll etwaige Nahrungsmittel, diedort etwa in der Verwirrung und Bestürzung einesSterbefalles vergessen wurden und liegen blieben, woirgend möglich nicht mehr genießen und benutzen; hierkann übel angewandte Sparsamkeit verhängnißvollenSchaden bringen. In manchen Gegenden ist es Sitte,an der offenen Thür des Zimmers,' wo der Todte ge-wöhnlich drei Tage aufgebahrt liegt, auf einem TischchenBrod aufzulegen, von dem jedes, das zum Beileid undzum Beten kommt, ein Stück erhält. Dem tieferenSinne nach ist ja dieser alte Brauch sehr schön, aber ge-sund kann der Genuß dieses Brodes, das länger oderkürzer der Letchenluft, also den Ausdünstungen einesKadavers in allernächster Nähe ausgesetzt war, nicht sein,und es wäre daher aus hygienischen Gründen das Ab-kommen dieser Sitte zu wünschen.

Blumen, besonders gewisse Gattungen, die besonderssensitiv sind, sterben langsam ab, wenn sie einige Zeitin Krankenzimmern gestanden sind; manche GewächseMieren im Wachsthum und bekommen nach und nachimmer mehr gelbe Blätter und kränkliche Triebe; einGärtner sprach mir einmal davon, daß er Pflanzen nichtsehr gern zur Dekorterung von Sterberäumen hergebe,da er trotz guter Bezahlung oft Schaden habe, indemes nicht selten vorkommt, daß werthvolle Gewächse zurück-gehen, oft auch ganz absterben; dies ist schon genugHinweis für die Schädlichkeit des dort herrschenden Duft-kreises und zeigt, wie schädlich derselbe auf den mensch-