Ausgabe 
(19.5.1896) 41
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lichen Organismus wirken kann, wenn er durch von ihmverdorbene Nahrungsmittel oder Getränke in denselbeneingeführt wird.

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Erinnerungen von Karl von Wertach.

(Schluß.)

Lange Jahre waren vergangen, Jahre emsigenSchaffens, rastloser Arbeit. Durch Anspannung allerKräfte bis zum Aeußcrsten wollte ich den Seelenschmerzbetäuben, den der Verlust meiner geliebten Clara in mirerzeugte. Es gelang mir nur halb. Mitten in derArbeit trat gar oft das Bild der Unvergeßlichen vormeine Seele und die Erinnerung an den Verlust lahmtemeine Hand, lahmte meinen Geist. Der Anbl'ck meinesKindes konnte mich nicht trösten, im Gegentheil, erriß die alte Wunde stets von Neuem auf, trat mir dochin dem aufblühenden Mädchen das volle Ebenbild derMutter entgegen, nicht nur im Aeußcrn, sondern auchin den seelischen Eigenschaften. Die kleine Clara warebenso sanft und gut wie ihre Mutter, ebenso der Liebling

Aller, die sie kannten.-

Von den zwei Brudern Castor undPollux hatte ich nichts mehr gehört,dagegen blieb ich in freundschaftlicherCorrespondenz mit der Familie desJustizraths.

Auch hier trennte der unerbittlicheTod liebende Herzen. Einige Jahrenach unserer Begegnung in Florenz fielder noch in den besten Jahren stehendeMann einem tückischen Leiden, für daser in Italien Genesung gesucht halte,zum Opfer. Von Zeit zu Zeit cor-respondierte ich noch mit der Wittwe,

aber immer seltener.--

Lange Jahre waren vergangen, meinTöchterchen war zur Jungfrau heran-geblüht. Sie hatte noch nichts vonder Welt gesehen, denn ich fühlte seit meiner Hoch-zeitsreise nie mehr das Bedürfniß, eine Vergnügungsreisezu machen, und war so egoistisch, auch von Andern vor-auszusetzen, daß sie gleich mir ihr Leben hinter denallbekannten vier Mauern vertrauern sollten.

Da sagte Clara eines Tages, nachdem sie in einerReisebeschreibung gelesen hatte.-

Es ist recht schön hier, Papa, aber wo es Bergeund Seen gibt, da muß es noch weit schöner sein!Ich kann mir's gar nicht vorstellen, die Bilder, dieman sieht, sind doch nur ein schwacher Abklatsch dergroßartigen Natur!"

Gewiß mein Kind, erwiderte ich. Du bist freilichnoch nirgends hingekommen und schon eine stattlicheJungfrau geworden. Würde es Dich denn freuen, ein-mal mit mir in fremde Länder zu reisen?"

Oh Papa, es würde mich namenlos glücklichmachen! Schon lange ist so eine unbestimmte Sehn-sucht in mir, eine Reise mit Dir zu machen, ich getrautemir nur nicht, es zu sagen. Gelt, Popa, Du nimmst'smir nicht übel, wenn ich heule so offen spreche?" . . .

Ich erfüllte gern den Wunsch meiner Tochter.

Zum ersten Male nach 20 Jahren nahm ich wieder

Urlaub. Daswohm" war mir bald klar. Wer weiß,ob ich später nochmal eine Reise machen konnte?

War es nicht am besten, mit meiner Tochter, demgetreuen Ebenbild ihrer Mutter, all' die Plätzchen aufzu-suchen, wo ich einst glückliche Stunden verlebte? Eswurden dadurch wohl die alten Wunden aufgerissen,aber ich wollte die Erinnerung nicht verbannen, eswar mir ein süßer Schmerz, darin zu schwelgen.

So reisten wir denn nach Italien . Unser erster Aufent-halt war am Comersee. Das Entzücken Clara's, welche,wie bereits gesagt, nie eine andere Gegend gesehen hatte,als das bescheidene, von sanften Hügeln begrenzte Thal,in welchen wir lebten, kannte keine Grenzen und machtemich auf Stunden meinen Schmerz vergessen.

In Bellaggio nahmen wir unser Absteigequartier.Wie groß war meine Ueberraschung und Freude, als ichdort die Justizräthin traf. Sie war im Begriff, ihrenSohn, der zu einem blühenden, schönen jungen Mannherangereift war, nach Rom zu begleiten, wohin er sichzu seiner wettern Ausbildung begab, und hatte zuersteinige Zeit im prächtigen Bellaggio zubringen wollen.

Wie viel hatten w r uns zu erzählen, freilich meisttrauriger Natur.

Während wir uns über vergangeneZeiten unterhielten, gingen die beidenjungen Leute amUfer des See's spazieren.

Es war ein hübsches Paar, Alfred,ein in der Fülle der Jugend strotzen-der, junger Mann und meine um siebenJahre jüngere Clara, die aufbrechendeKnospe!

Sie verkehrten so kindlich unbefangenmiteinander, als ob sie sich schon längstkannten und Geschwister wären . . . .Die Weiterreise erfolgte gemeinsam.Wir fuhren nach Florenz .

Unser erster Besuch galt Sän Miniatomit seiner herrlichen Aussicht und denpoesievollen Grabinschriften. Da sahenwir, an eine Cypresse gelehnt, einenMann, der, vonSchmerz überwältigt, keinAuge hatte für diejihn umgebende Schönheit. Wir wolltenihn in seinem Sinnen nicht stören und schlichen unsvorbei. Er hob ein wenig den Kopf und träumteich oder war es der lebensfrohe Pollux, dessen einge-fallenes Gesicht mir entgegenstarrte? Einen Momentzögerte ick, dann schritt ich auf ihn zu. Er erkannteuns sogleich und reichte uns beide Hände entgegen,während ein trübes Lächeln auf einen Augenblick seinAngesicht verklärte.

Oh wie freut es mich, Sie noch einmal zu sehen,rief er, haben wir doch eine schöne, unvergeßliche Stundegemeinsam verlebt. Ich war seither jedes Jahr aufdiesem schönen Fleckchen Erde , aber nie mehr so glücklich", und eine Thräne rollte über seine Wange.

Langsam gingen wir der Stadt zu und erzähltenuns gegenseitig unsere Erlebnisse.

Auch Pollux hatte die eiserne Hand des Schicksalsberührt: er verlor seinen geliebten Bruder und damitwar jede Lebensfreude für ihn entschwunden!-

Die Reise-Saison für Italien war vorüber undder Fremdenverkehr deßhalb ein spärlicher. In demlauschigen, kleinen Restaurationslokal des Hotel Boncianiwaren wir die einzigen Fremden. Wir saßen am selben

Geh. Justizrath! GestrkenZch.

HM-