Ausgabe 
(20.5.1896) 42
Seite
319
 
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Geheimuißtwlle Kräfte.

Unter dem TitelGeheimuißvolle Kräfte"erzählt Graf Nikolaus Bethlen in einem ungarischenBlatt eine räthselhafte Geschichte, die auf den Erleb-nissen eines französischen Richters beruht.Borzehn Jahren hatte ich als Untersuchungsrichter meine Auf-gabe in einem entsetzlichen Mordproceß vollendet; Tagund Nacht sah ich seit Wochen im Geiste nur Leichen,Mordscenen und Blut. Zu meiner Erholung suchte icheinen entlegenen Luftcurort aus, wo es kein Casino undkeine Eisenbahn gibt, nur alte Stellwagen; ich spazierteden ganzen Tag in den Waldungen herum, die dort eineriesige Ausdehnung haben, und verirrte mich eines Abendsderart, daß ich ganz erschöpft war, als ich aus demWalde auf eine entlegene Straße gelangte, von wo meineWohnung noch zehn Kilometer entfernt lag. Nächst derStraße befand sich ein Einkehrwirthshaus mit der Firma:Zum guten Freund." Ich trat ein und verlangte einNachtmahl. Der Wirth und seine Frau hatten ein ver-dächtiges Aussehen, und sonst war kein menschlichesWesen im Hause zu sehen. Nach dem herzlich schlechtenEssen verlangte ich eine Unterkunft, da es bereits zufinster war, um den Heimweg anzutreten; die Wirthinführte mich längs eines Ganges in ein Dachzimmer, dassich oberhalb hes Stalles befand. In dem Zimmerfand ich außer dem Bett nur zwei Sessel und einen Tischmit einem Krug» Wasser. Als vorsichtiger Mann unter-suchte ich das Zimmer und fand eine Thür, die sich aufeine Leiter im Freien, welche zur Stallthür führte, öffnete.Ich verbarrikadirte die Thür mit den Sesseln und demTisch, auf welch' letzteren ich einen Krug stellte, so daßman die Thür nicht öffnen konnte, ohne den Tisch undKrug umzuwerfen. Todmüde verfiel ich in tiefen Schlaf;da erwachte ich plötzlich auf ein großes Geräusch; esschimmerte Licht durch das Schlüsselloch.Wer ist da?"rief ich erschrocken. Keine Antwort; tiefe Stille. Nachlanger Zeit, gegen Morgen zu, schlief ich endlich wiederund hatte folgenden Traum: Es schien mir, daß mandie Falllhür öffnete; der Wirth erschien mit einem großenMesser in der Hand und hinter ihm die Frau mit einerLaterne, vor welche sie ihre Hand hielt; der Wirth nahtemit leisen Schritten und stieß sein Messer in die Brustdes Mannes, der im Bette lag; der Wirth packte denErmordeten bei den Füßen und die Frau beim Kopf,und so trugen sie ihn die Leiter hinunter. Der Wirthnahm den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund.In dem Augenblick erwachte ich, in Schweiß gebadet;die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ich warfmich hastig in meine Kleider und stürmte die Treppehinunter; als ich auf die Straße gelaugte, fühlte ichmich ganz erleichtert und eilte in meine Wohnung inden Curort. Ich vergaß ganz meinen Traum; nachdrei Jahren las ich folgende Notiz in den Zeitungen:Die Gäste des Curortes X. befinden sich in großerAufregung; der Advokat Victor Armand ist seit achtTagen, seit er zu Fuß einen Ausflug in das Gebirgemachte, verschwunden; man fürchtet, daß er verunglücktsei." In dem Augenblick, als ich die Notiz las, erinnerteich mich meines Traumes. Noch stärker ergriff michdiese Erinnerung, als ich einige Tage später folgendeMittheilung fand:Man ist auf der Spur des ver-schwundenen Advokaten; er verbrachte die Nacht vom84. August im EinkehrwirthshausZum guten Freund".Ein Fuhrmann hat ihn dort gesehen; Wirth und Wirthin

sind schlecht beleumundet; vor sechs Jahren verschwand einEngländer in derselben Gegend; andererseits hat einHirtenmädchen ausgesagt, daß es am 26. August sah,wie die Wirthin in einem Tuche unter dem Holze blutigeLeinentücher versteckte. Eine strenge Untersuchung wirdeingeleitet. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, daßmein Traum zur Wirklichkeit geworden, und unwider-stehlich zog es mich nach dem Curort L. Die Richterbemühten sich dort, das Geheimniß zu lüften, doch einunzweifelhafter Beweis konnte nicht gefunden werden.Ich traf gerade den Tag in X. ein, als der Unter-suchungsrichter die Wirthin verhörte, und ersuchte ihn,zu gestatten, daß ich dem Verhör beiwohne. Die Frauerkannte mich nicht; sie bemerkte gar nicht meine An-wesenheit. Sie sagte aus, daß ein Herr am 24. AugustAbends im Gasthaus weilte, aber die Nacht nicht dortzugebracht habe; als Beweis ihrer Aussage führte siean, daß es im Gasthause nur zwei Gastzimmergebe, und daß beide von Fuhrleuten besetzt waren;eine Thatsache, welche die Betreffenden in der Unter-suchung bereits bestätigt hatten. Da griff ich in das Ver-hör plötzlich ein und rief:Und das dritte Zimmer überdem Stall!" Die Frau schrak zusammen und schien michin dem Augenblick zu erkennen. Ich fühlte mich wie in-spirirt und fuhr fort:Victor Armand schlief in diesemdritten Zimmer; Nachts kamen der Wirth und Sie aufder Stallleiter in das Zimmer, indem Sie die Fallthüröffneten; Ihr Mann hielt ein Messer in der Hand undSie eine Laterne. Sie blieben bei der Thür stehen,während der Wirth den Reisenden ermordete und ihmseine Uhr und sein Portefeuille raubte." Das war meinTraum vor drei Jahren; mein College, der Unter-suchungsrichter, war ganz verblüfft; die Frau aber zitterteam ganzen Leib, ihre Zähne klapperten vor Furcht, undEntsetzen sprach aus ihren Augen.Dann" so sagteich weiterergriff Ihr Mann die Leiche bei den Füßen,und Sie hielten den Kopf. Beide trugen die Leiche aufder Leiter hinunter; um zu leuchten, nahm der Wirthden Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund."Leichenblaß stand die Wirthin vor uns und murmelteunwillkürlich die Worte:Der hat Alles gesehen!" Abersofort raffte sie sich auf, verweigerte ihre Unterschrift aufdas Protokoll und sprach kein Wort mehr. Nun wurdeder Wirth vorgeführt. Mein College wiederholte ihmmeine Erzählung; der Wirth glaubte, daß seine Frauihn verrathen habe. Mit einem fürchterlichen Fluche schrieer wüthend:Die Elende soll es mir büßen!" MeinTraum ist also nach drei Jahren bis in die kleinsteEinzelheit wie z. B. daß der Wirth den Ring derLaterne in den Mund nahm zur Wirklichkeit ge-worden. Im Stalle des Wirthshauses fand man unterdem Kehrichthaufen vergraben die Leiche des unglücklichenVictor Armand und noch andere menschliche Gebeine,vielleicht jene des vor sechs Jahren verschwundenen Eng-länders. Mir ist es immer, als ob mir dasselbe Loosbestimmt gewesen wäre. In jener Nacht, als ich träumte,habe ich wirklich durch das Schlüsselloch das Licht schim-mern sehen, oder war das auch nur ein Traum, einegrauenhafte Vorahnung? Ich weiß es nicht. Aber ichfühle auch, daß eine geheimnißvolle Kraft mich als Werk-zeug benutzte, um ein Verbrechen an das Tageslicht zubringen, das sonst ungestraft geblieben wäre. Und wäh-rend meines langjährigen Wirkens als Richter hatte ichöfter Gelegenheit, zu erfahren, daß der Verbrecher um