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M 43. Kreitag, den 22. Mai 1896.
Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Schick salsrvege.
Erzählung von Clarisse Borges.
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I
Ein trüber Herbsttag neigte sich seinem Ende zu.Am Stand der Sonne hätte man dies allerdings nichtentdecken können, denn dieselbe hatte sich schon längsthinter undurchdringlichen, schwarzgrauen Wolken ver-schanzt, aus denen der Regen in Strömen herabrieselteund deren Dunkelheit den Tag in Nacht einhüllte.
War auch für zahllose Menschen, die Wind undWetter Trotz bieten mußten, diese trostlose Witterungwenig erfreulich, so kümmerte es nicht die Herrin derVilla Nosenheim, die am Kamin in dem großen, saal-artigen Wohngemach mit Wohlbehagen in das lustigknisternde Feuer schaute und wohl den Regen gegen dieFenster schlagen hörte, sich aber in ihren vier Wändenvor aller Unbill der Jahreszeiten gesichert und geschütztfühlte.
Die prasselnde Flamme des Kaminfeuers war dereinzige Schein, der das große prunkvolle Gemach matterleuchtete; denn Frau Marlitz liebte das trauliche Dämmer-dunkel und saß oft Stunden lang in Träumereien ver-sunken, ohne darauf zu achten, wie flüchtig die Zeitdahin eilte. Die feingeschnittenen, bleichen Züge derDame des Hauses und die dunkeln Ringe um die großenblauen Augen schienen wenig zu den freundlichen Bildernzu Passen, die ihre Umgebung ihr bot. Ihr Haar warlängst gebleicht, und es mußten wohl schwere Seelen-kämpfe und bitteres Leid gewesen sein, die mit ehernemGriffel ihrem Antlitz tiefe Furchen eingegraben hatten.— Armuth und Reichthum! Wie nahe wohnen sie nebeneinander! Solche Gedanken mochten wohl das Herz derreichen Dame erfüllen, als sie seufzend sich von ihremSitz erhob und ihre müden Blicke in den strömendenRegen Hinausschweifen ließ. Jetzt gedachte sie längst ver-gangener Jahre; und Wenige ahnten wohl, daß die reicheWittwe mit ihrem traurigen, sanften Ausdruck in ihremedeln Antlitz schweres Herzeleid erfahren hatte, und hättendie Menschen es gewußt, so wäre der Neid um ihreirdischen Güter gewiß in Mitleid verwandelt worden.
Angela, Comtesse von Wildenthal , war die jüngstevon neun Geschwistern. Ihr Vater, früher ein reich be-güterter Edelmann, hatte durch Leichtsinn und verfehlteSpeculationen nicht allein längst vor der Geburt seinerjüngsten Tochter sein ganzes Vermögen verloren, sondern
auch sein Landgut im südlichen Deutschland so hoch mitSchulden belastet, daß er sich mit seiner zahlreichen Fa-milie dem Ruin gegenüber sah.
Keiner der vielen Gläubiger wollte sich durch Ver-sprechungen dazu verstehe«, dem verarmten Edelmannneue Summen vorzustrecken, und es war fast ein Wunder,daß die gräfliche Familie ihr Dasein fristete. Armuth!Das war das Schreckgespenst, das die kleine Angela vonfrühester Kindheit auch in des Wortes tiefster Bedeutungkennen lernte. Ein neues Kleidchen, eine Puppe odersonstiges Spielzeug war ein Luxus, den sie nie kennenlernte und daher auch kaum entbehrte. Ihre Kleidungwurde aus der Garderobe ihrer Mutter oder Geschwisterhergestellt, und diese selbst waren so einfach und dürftiggekleidet, daß für die Jüngste kaum das Nothwendigsteübrig blieb.
Mit ihrem zwölften Lebensjahre hatte sie schon eintiefes Verständniß für die Angst und Sorge ihrer Mutterbei dem Erscheinen des Postboten, der nur neue Rechnungenbrachte; noch schlimmer war es, wenn die Gläubiger selbstkamen, sich Eingang erzwängen und sich hartnäckig weigerten,das Schloß zu verlassen, bevor sie den Grafen gesprochenhatten, selbst wenn sie stundenlang auf ihn warten mußten.
Der Tod lichtete die kleine, hilflose Schaar, so daßnur fünf heranwuchsen. Es blieben Angela nur zweiBrüder und zwei Schwestern, und als sie ihr achtzehntesLebensjahr vollendet hatte, entfaltete sie sich trotz ihrerhöchst einfachen, ja fast dürftigen Kleidung als eine derherrlichster. Mädchenknospen der ganzen Umgegend. Oftbeweinte sie bitter die sich täglich mehr entwickelndeSchönheit, der sie allein die Ursache ihres tiefen Seeleu-letdens Zuschrieb.
Keines der Geschwister war verheirathet, so sehr diegräflichen Eltern es auch gewünscht hatten. Kurt, derälteste Sohn und Erbe des Titels und der enormenSchuldenlast des Vaters, durfte nur eine reiche Erbinheirathen, denn nur mit fremden Gütern konnte er seinWappenschild neu vergolden. Dann folgten zwei Töchter,Marie und Helene, beide waren aber höchst einfach undunansehnlich, ja ihr eckiges, schroffes Wesen ließ sie nochhäßlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, undbis jetzt hatte sich noch kein reicher Edelmann gefunden,um diesen armen Comtessen Herz und Hand und mitdenselben ein Heim zu bieten. Nun folgte Hans; erwar ein frischer, aufgeweckter Jüngling, nur ein Jahr