Liter als Angela; er hatte seine Studien nach nicht be-endet und lag denselben mit Eifer und Fleiß ob.
Die einzige Hoffnung der gräflichen Eltern auf Er-rettung aus ihrer bedrängten Lage gründete sich auf dieSchönheit und liebliche Anmuth ihrer jüngsten Tochter.Angela sollte einen reichen, einflußreichen Gatten heirathen,Gäste um sich schaaren, unter denen sich zweifellosGrafen oder andere Edelleute für die Schwestern undeine reiche Braut für den Bruder finden würden.
Doch die Entrüstung der Eltern und der drei heirats-fähigen Geschwister spottete jeder Beschreibung, als einjunger, talentvoller Ingenieur, Karl Marlitz, um Herzund Hand der schönen Angela bat und diese seine Liebeauch aus vollem Herzen erwiderte. Die Schale desZornes und der Erbitterung goß sich über die Liebendenaus. Der alte Graf fühlte sich in seiner „Ehre" gekränkt,daß ein Bürgerlicher die Augen zu seiner schönen Tochterzu erheben wagte; seine Gattin und seine drei ältestenKinder pflichteten ihm bei, und sie gelobten sich, dieLiebenden zu trennen. Der junge Ingenieur entstammteeiner guten, achtbaren Familie, hatte kein Vermögen, aberdesto mehr Fleiß und Energie. ES schmerzte ihn wohl,daß der Graf ihm höhnend sein Haus verbot, aber erverlor den Muth nicht, Angela zählte erst achtzehn Jahreund gern wollte er noch drei Jahre warten, bis sieMajoren« war und frei über ihre Hand verfügen konnte
Noch einmal trafen sich die Liebenden. Karl Marlitzhatte unter den günstigsten Bedingungen eine Stellungin den Vereinigten Staaten in Amerika bei Brücken-bauten angenommen. Gern hätte er seine junge Gattinmit in die neue Heimath herüber genommen, aber esWiderstrebte seinem ehrlichen Charakter, sie zu einerheimlichen Flucht aus dem Elternhanse zu überreden;auch wurde Angela zu streng von den Geschwistern be-obachtet, so daß ein Entfliehen ganz unmöglich war.
Karl Marlitz schwur daher seiner Geliebten ewigeTreue und versprach ihr, in drei Jahren zurückzukehren,falls sie bis dahin ihm ihre Liebe bewahrt habe. Siewaren ja beide noch jung, und die kurze Zeit der Tren-nung würde bald vergehen.
Die arme, unglückliche junge Braut! Sie ahntenicht den Betrug ihrer Eltern und Geschwister und wiefrevelhaft mit ihrem ganzen Lebensglück gespielt wurde!
Mit rastlosem Eifer lag der junge, talentvolle In-genieur auf seinem neuen Arbeitsfelde seinen Pflichtenob, und das Glück begünstigte alle seine Unternehmungen.Er spcculirte, wucherte mit seinem Talent; es gelangund er häufte Schätze auf Schätze. Sein Herz hingNicht an Gold und irdischem Reichthum, aber er wußte, fürwen er arbeitete, und mit diesem Ziel vor Augen über-wand er alle Schwierigkeiten. Nur ein Schatten um-düsterte seinen Weg: so häufig er auch schrieb und seinegeliebte Angela um eine einzige Zeile anflehte — keinWort gelangte von ihr in seine Hände, und dieses Schweigenerfüllte sein Herz mit namenlosem Weh. Er konnte jaNicht ahnen, daß daheim seine geliebte Braut sich inheißem Sehnsuchtsschmerz die Augen trüb und roth weinte,daß die vielen Briefe von der Mutter unterschlagen wurden,ebenso wie sie geschickt die seinigen auffing.
So vergingen Monate. Angela welkte sichtlich dahin;ihre Wangen wurden bleich, und die seelenvollen blauenMgen lagen tief in ihren Höhlen. Luftveränderung —Prisen — schlug die Mutter vor und sandte ihr jüngstesTöchterlein «ach der nahegelegenen Residenz zu einer ent.
fernten Verwandten, die sie im Vertrauen bat, keinenBrief nach Amerika zu dem Ingenieur Marlitz abgehenzu lassen.
Die alte Tante war nur allzu gewissenhaft. Sieüberwachte mit Argusaugen ihren Schützling und sandtealle Briefe zur Weiterbeförderung der besorgten Mutterzu. Ja noch mehr, sie führte Angela in die Gesellschaftein und wußte es bald dahin zu bringen, daß ein alter,reicher Junggeselle, der längst ein halbes Jahrhundertüberschritten hatte, dem jungen, geistreichen Mädchen Herzund Hand zu Füßen legte.
Angela war empört. Sie hing mit jeder Faserihres Herzens ihrem Geliebten an und sogar der Umstand,daß alle ihre heißen Liebesverstcherungen, die mit ihrenThränen benetzt waren, unbeantwortet blieben, vermochteihr Vertrauen nicht zu erschüttern. Um aber in demHerzen des alten Grafen nicht falsche Hoffnungen zu er-wecken, kehrte sie in das Elternhaus zurück, nicht ahnend,welcher herbe Schlag sie dort treffen würde.
Achtzehn Monate waren bereits seit der Abreise desjungen Ingenieurs vergangen, als Angela aus der Residenzzurückkehrte. Die alte Gräfin mochte wohl befürchten,daß durch irgend einen unglücklichen Zufall ein Briefaus Amerika in die Hände der Tochter gelangen könnte,darum sandte sie nicht allein den letzten ««eröffnet zurück,sondern schrieb auch selbst, daß Angela sich verlobt habeund die Trauung bald stattfinden werde.
Es war der erste Brief, den Karl Marlitz erhielt.Er glaubte jedes Wort, das da vor ihm geschrieben stand;die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, dann branntensie sich wie Feuer in seine Seele ein. Als er ruhigergeworden war, packte er mit schwerem Herzen die wenigenZeichen seines kurzen Liebesglücks zusammen. Angela'sBild, das sie ihm vor der Abreise geschenkt hatte, eineblonde Haarlocke und zwei Briefe, die er von ihr er-halten, als er noch in Deutschland war; das war MeS— aber sein Herz blutete, als er sich von diesen Schätzentrennte. Nur wenige Worte fügte er hinzu: „Du bistfrei — sei glücklich!" Dann übergab er selbst dieseKleinodien der Post, ohne zu ahnen, daß dieses dieersten Worte seien, die nach achtzehnmonatlichem treuenWarten seiner Geliebten in die Hände gelangten.
Angela starb nicht vor Schmerz beim Empfangdieser Zeilen; sie wurde auch weder krank noch ohn-mächtig ; aber niemand ahnte das tiefe Seeleuleiden unddie Wunden, an denen ihr Herz verblutete. Sie kehrtein die Residenz zu ihrer Tante zurück; äußerlich ruhig,denn ihr Schmerz war ihr zu heilig, um ihn offen derWelt zu zeigen. Der alte Junggeselle erneuerte seinenAntrag — vergebens. Angela gab ihm ernst und freund-lich zu verstehen, daß jede Hoffnung nutzlos sei.
So vergingen die Jahre. Der alte Graf war ge-storben und der älteste Sohn Kurt verwaltete die ver-schuldeten Güter. Der jüngste Sohn Hans war nach Be-endigung seiner Studien nach Indien gereist, um imfernen Lande das Glück zu suchen, welches seiner ganzenFamilie in der Heimath nicht blühen wollte.
(Fortsetzung folgt.)
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Goldköruer.
Unter allen Lagen bleibet stolze Armuth stets die schlimmste.
Calderon.
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