Ausgabe 
(26.5.1896) 44
Seite
332
 
Einzelbild herunterladen

332

abgefaßt wurde, Angela schlug sie aus. Sie wollte keinGlied ihrer Familie sehen, bis sie einen festen Entschlußfür die Zukunft gefaßt hatte. Es war wahr, sie hatteseit einer langen Reihe von Jahren die Schwelle ihresElternhauses nicht wieder betreten; waren ihr doch dieGefühle ihrer Geschwister nicht fremd, denn so lange sieselbst in Dürftigkeit lebte, hatten dieselben es nicht derMühe werth gehalten, ihr die Verlobungen anzuzeigen.

Sie wußte aber, daß die Geschwister verheirathetwaren, auch daß ihr Bruder Hans ihr Lieblingnach dem fernen Indien ausgewandert war, um dortsein Glück zu suchen. Er hatte der Schwester einmalgeschrieben; es war ein ausführlicher, liebevoller Briefgewesen, den Angela auch in derselben herzlichen Weisebeantwortet hatte. Aber damit hatte die Correspondenzein Ende. Das Porto war in jenen Tagen nochtheuer, und im Hospital fand auch Angela sehr wenigZeit für Privatcorrespondenz. Doch bei dem BruderHans weilten ihre Gidanken gern. Er hatte ihr damalsgeschrieben, daß er sehr bald Indien verlassen und nachNew-Zjork gezogen sei; er habe sich dort auch verheirathetund lebe mit seiner jungen, schönen Gattin sehr glücklichund zufrieden.

Aber seit jener Zeit waren viele Jahre vergangen.

Sie war jetzt eine reiche Frau, und sterbend hatte ihrGatte sie gebeten, mit dem Ueberfluß ihres Geldes

Menschen glücklich zu machen.

Das war eine schwere Aufgabe. Heimlich und

vorsichtig stellte sie über die Verhältnisse ihrer GeschwisterNachforschungen an. Von Hans in New-Aork schienjede Spur verschwunden, und trotz der eifrigsten Be-

mühungen war dieselbe nicht zu entdecken. Die andernlebten alle in großer Dürftigkeit. Kurt lebte in der-selben Weise auf dem alten Stammschlosse, wie ihrVater es gethan hatte; die Gläubiger drängten von

allen Seiten, und nur mühsam konnte er sein Daseinfristen. Sie freute sich aber über den Adoptivsohn, derauch in alle Rechte ihres leiblichen Neffen eintreten sollte.Ueber den Anwalt Rieding war sie tief empört. Er hattesich dem Trunke ergeben, mißhandelte seine Familie underfüllte nur sehr wenig die Pflichten seines Berufes.

Wenn sie aber der kinderreichen Familie Berghauptgedachte, so blutete bei dem Gedanken an Helene's Schick-sal ihr Herz. Wenn auch die Hausfrau Alles noch sosparsam einrichtete und in dem Dorfe Ebersheim dasLeben gewiß billiger war, wie in der Großstadt, sokonnte sie doch bei aller Sparsamkeit kaum das täglicheBrod für ihre zehn Kinder beschaffen.

Nach Empfang des letzten Briefes von GräfinMargot wartete Angela noch ein halbes Jahr, dannschrieb sie ihrem Bruder Kurt und ihren beiden Schwestern.

Sie bot ihnen an, die Erziehung des ältesten Sohnesaus jeder Familie zu übernehmen. Die Knaben solltenauf ihre Kosten zuerst ein Gymnasium, dann die Uni-versität besuchen, um sich zu einem Berufe vorzubilden,der ihren Wünschen und Neigungen entspreche; auchwollte sie für Bücher, Kleidung, Taschengeld und alleerforderlichen Bedürfnisse Sorge tragen. Sie stellte nureine Bedingung. Wenn die Knaben leichtsinnig Schuldenmachten oder durch ein schlechtes Betragen ihre Ent-lassung aus den Anstalten verschuldeten, so wolle sie ihreHand von den Unwürdigen zurückziehen.

(Fortsetzung folgt.)

Die radfahrende Menschheit.

(Nachdruck verboten.)

N Berlin, 14. Mai.

Ein gutes Rad ist theuer; aber es hilft Alles nichts,bald wird der Mensch erst beim Radfahrer anfangen. So-eben lese ich in Berliner Blättern, daß ein unternehmenderMann um die Erlaubniß nachsucht, an den Straßeneckenund auf den öffentlichen Plätzen Dreiräder zum Verleihenaufzustellen. Es sind zunächst 230 Standplätze in Aus-sicht genommen; wer nun schnell und billig einen Wegzurücklegen will, miethet sich an der nächsten Ecke einDreirad, liefert es an dem Standplatz, der seinem Zielam nächsten ist, wieder ab, und bezahlt für die ersteViertelstunde 10 Pfg., für jede folgenden 10 Minuten5 Pfg. Dieser Tarif ist unglaublich billig; man kannauch sagen unheimlich billig. Denn wenn derScherz"nur 10 Pfg. kostet, so werden die grünen Jungen inMasse ein Dreirad unter die Beine nehmen, und diearmen Fußgänger auf den Berliner Straßen erhaltendann erst recht Gelegenheit, ihre Sünden abzubüßen.

Auch ohne dieses Leihrad, das man Strampel-Drosche nennen könnte, nehmen die mit Menschen besetztenRäder auf den Straßen schon erschrecklich zu. Ich weißnicht, wo die jungen Leute das Geld zur Anschaffungeines Zweirades pumpen oder stehlen, aber sie bringenes zu Rovers trotz aller schlechten Zeiten, und sie jagendamit, als ob der böse Feind hinter ihnen und das Glückvor ihnen wäre. Dazu kommen diegeschäftlichen" Drei-räder derberittenen Dienstmänner", der Eilboten derPrivatpost, der militärischen Boten, der Austräger der Ge-schäfte usw. Rudolph Hertzog stellt neuerdings 15 hoch-feine Transporträder mit uniformirten Fahrern in seinenDiensthund dieses Vorgehen der berühmten Firma wirdin der feinen Geschäftswelt zur Nachahmung reizen. DiePrivatpost auf Rädern macht der Reichspost auch aufdem Gebiete der Rohrpost-Briefe und Stadt-Telegrammeerfolgreich Concurrenz; das schlimmste Zeichen derRadkrankheit der Zeit" ist aber das Anwachsen derweiblichen Radfahrer. Ueber die Schönheit und die Zuläs-sigkeit der strampelnden Weiblichkeit ist ja schon in Zeit-ungen, diein erster Linie interessant" sein wollen, einegroße Debatte eröffnet worden. Nächstens werden wir inRomanen lesen, daß ,Sie' an einer Straßenecke ,Jhn'umgefahren hat, daß ,Er' sich in ,Sie' verliebt hat, als,Er' neben ,Jhr' im Schmutz lag und ,Ihren' zarten unddoch festen Radfahrstiefel an »Seiner' Nase fühlte usw.,bis die Beiden im letzten Kapitel auf einem Tandem zurHochzeit fahren.

Kommt Zeit, kommt Rad", sagte neulich ein Kalauer-fabrikant, und er hat Recht, da Niemand demRad derZeit" in die Speichen fallen kann. Es wird immer mehrgeradelt werden, und wenn die Fußgänger klug sind, sobitten sie jetzt schon die triuwphirende Partei, die auf demhohen Rad sitzt, um etwas Schonung und Gnade.

Was diestrampelnde Weiblichkeit" angeht, so hoffeich immer noch, daß die große Masse der deutschen Frauenund Jungfrauen es für unschön und unschicklich erachtenwird, nach Männerart auf dem Rade zu sitzen. DieTechniker thäten gut daran, ein elegantes und leichtesFahrzeug für Damen zu bauen, das sich gerade so tretenläßt, wie die Nähmaschine.

Die Männer mögen meinetwegen auf Zwei- oderDreirädern fahren, soweit sie Kraft und Lust dazu haben.Aber es wird Zeit, daß die Radlerei aus den Flegeljahren

»-V-«