Ausgabe 
(26.5.1896) 44
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sie ist daS einzige reiche Glied in dieser ganzen, armenFamilie."

Das ist wenig schmeichelhaft für uns," erwiderteder Gatte stirnrunzelnd.Ich höre es nicht gern, unsereFamilie so zu nennen."

Ich spreche ja nicht von uns allein," beharrteMargot,aber es ist doch sonderbar, daß alle DeineSchwestern spät und, mit Ausnahme von Angela, schlechtgehetrathet haben."

,Jch bin ganz zufrieden," lenkte der Graf ein, derseine schnell verblühte Gattin aufrichtig liebte und esoft bedauerte, deren Vermögen so leichtsinnig verlorenzu haben.Du warst reich, Margot, und es ist meineSchuld, daß Du jetzt Noth leidest."

Lass' es gut sein, sprich nicht von Dingen, die sichnicht ungeschehen machen lassen," sagte die Gräfin sanft.Aber denke an Deine Schwestern. Marie war dreißigJahre alt, als sie den AnwaltRieding heirathete, und Helenewar nur ein Jahr jünger. Ichverabscheue den Juristen, dennich bin überzeugt, er ist keinguter, rechtschaffener Mann, auchfürchte ich, daß Deine Schwesteran seiner Seite nicht das Glückgefunden hat, welches sie er-hoffte. Was nun Helene an-belangt, so finde ich ihre Wahlhöchst thöricht. Bedenke nur,ein einfacher Elementarlehrerauf dem Lande mit einem Ein-kommen von höchstens 151800Mark! Das ist rein lächerlich!"

Meine Liebe!" sagte Kurtfreimüthig,ich halte die Wahlmeiner Schwestern gewiß nichtfür sehr günstig oder Vortheil-haft, aber bedenke wohl wennsie nicht ihr eigenes Heim hät-tten, so müßten sie doch beiuns leben. Was den Anwaltanbelangt, so halte ich ihn fürehrgeizig und strebsam, aber ichmuß offen gestehen, daß ichseine Handlungen oft nicht billi-gen kann. Der Lehrer Berghaupt, lebt aber in dem DorfeEbersheim mit Helene sehr glücklich; die Beiden liebensich innig, und ich bin überzeugt, sie würden nicht mitder ganzen Welt tauschen. Es war eine romantische Liebe,die auf Gegenseitigkeit gegründet ist."

Und sie haben zehn Kinder!" sagte Margot mitunverhohlenem Neid, denn sie konnte zu dem Stamm-baum der Familie kein Blatt hinzufügen und dieser Ge-danke war oft ein bitterer Wermuthstropfen in den Kelchihres Lebens.

Nun," lächelte der Graf,ich glaube kaum, daßAngela für ihre Schwestern auch nur einen Fingerrühren wird; sie widersetzten sich zu sehr ihrer Ver-bindung mit Marlitz. Ich weiß nicht, ob Marie oderHelene mehr dagegen war, aber gewiß ist, daß wir Alleihr die Verbindung unmöglich machten."

Aber sie hat Deinen Brief unbeantwortet ge-lassen," beharrte die junge Gräfin nachdenklich,soll ichschreiben und sie auf einige Wochen zum Besuch bitten?"

Warum wozu sollte das führen?"

Ich möchte gern, daß sie unseren Leo kennenlernte, er ist ein hübscher, aufgeweckter Knabe unserStolz und unsere Freude Angela wird gewiß Ge-fallen an ihm finden und ihn vielleicht zu ihrem Erbeneinsetzen."

Gräfin Margot hatte in ihrem ehelichen Leben vieletrübe Erfahrungen gemacht und manche bittere Stundeverlebt, aber am meisten schmerzte es sie, daß ihre Ehekinderlos geblieben war. Sie fühlte die Lücke im Hause,die nur das Band ersetzt, das Ehegatten vereint, glaubtesie doch zu bemerken, daß ihr Gatte ihr innerlich Vor-würfe mache, und in diesem schmerzlichen Gefühl welktesie sichtlich dahin.

So reifte der Entschluß in ihrem Herzen, einearme kleine Waise an Kindesstatt an ihr Herz zu drücken,ihm Heimath, Namen und Eltern zu geben, ihn einzu-setzen als Erben des Titelsseines Pflegevaters, aber auchErben seiner Armuth unddrückenden Schuldenlast. Sokam der kleine Leo als zwei-jähriges Knäblein in das Schloßund unter der sorgfältigsten undliebevollsten Pflege entwickeltensich seine bedeutenden Geistes-und Körperkräfte auf's herr-lichste. Gräfin Margot lebtesichtlich auf, seitdem sie ihr Da-sein nicht mehr als ein völligzweckloses erkannte, und auchder Graf konnte nach und nachden Entschluß seiner Frau nurloben, da er solchen Umschwungin ihr hervorgebracht hatte.

Meine liebe Frau," nahmjetzt der Graf wieder das Wort,ich gebe zu, daß Leo, ein hüb-scher, stattlicher Knabe gewordenist, aber daraus geht keines-wegs hervor,daß meineSchwesterihn zu ihrem Erben einsetzensoll. Wenn er auch alle Rechteunseres ^eigenen Kindes genießtund ich ihm gerne eine bessereZukunft wünsche, so kennt Angela ihn gar nicht; sie hatja ihn noch nicht einmal gesehen."

Sie hat die kleinen Rieding's und Berghaupt's auchnoch nicht gesehen," schmollte Margot.

Nein. Angela hat in der That ihre ganze Fa-milie schmählich vernachlässigt. Als sie nach dem Todedes Vaters das Schloß verließ, hat sie sich von unsallen losgesagt. Es fanden seitdem in der Familie dreiHochzeiten statt, aber keine dieser Festlichkeiten, nicht ein-mal der Tod unserer Mutter konnte sie zur Rückkehrbewegen. So lange sie im Hospital Krankenpflegerinwar, kümmerten wir uns auch wenig um sie, jetzt aber,seit zwei Jahren, da sie unermeßlich reich ist undallein eine reizende Villa bewohnt, ist die Sache dochanders."

Ganz entschieden. Soll ich sie einladen? Vielleichthat sie jetzt in den veränderten Verhältnissen Sehnsucht,den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen."

Aber obgleich die Einladung höflich und freundlich

Mustaffer Eddin.

der neue Schah von Pei sien.

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