Ausgabe 
(26.5.1896) 44
Seite
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Aber-"

Ich weiß, Geliebte, was Du sagen willst," unter-brach er sie.Ich habe höchstens noch zwei oder dreiWochen zu leben, vielleicht auch nur so wenige Tage,aber ich will Dir das Recht geben, um mich zu trauern.Du sollst in Zukunft meinen Namen tragen; in denganzen langen Jahren unserer Trennung hielt ich Dichfür den Gatten eines Anderen. Lass' mich doch dasBewußtsein haben, daß Du die Meine bist, ehe ich sterbe."

Angela schluchzte leise.O, Karl," klagte sie,ichspreche mich selbst nicht frei von Schuld. Ich hätte ahnensollen, daß wir betrogen wurden, und auch in späterenJahren nicht aufhören sollen, zu schreiben; ich durfte janicht denken, Du habest mich vergessen."

Herr Marlitz sah vor seinem Ende den größtenWunsch seines Herzens erfüllt. In aller Stille wurdendie Vorbereitungen zur Trauung getroffen; er selbst sprachmit dem Vorstände des Krankenhauses von seiner ro-mantischen Liebe und bat selbst, nach seinem Ende dieOberin von den übernommenen Pflichten zu entbinden.Es war glücklicherweise ein Privathospital und die Pfle-gerinnen daher auch nicht verpflichtet, sich zeitlebens ihremBerufe zu weihen, und obgleich man Angcla's Hilfe sehrungern entbehrte, legte man ihr doch in keiner Weiseein Hinderniß in den Weg. Im Krankenzimmer fandschon stach wenigen Tagen eine feierliche Trauung statt,und seit diesem Augenblicke wich die junge Frau nichtvom Lager des Kranken.

Am Abend des Hochzeitstages machte Marlitz seinTestament, und gewiß ist niemals ein kürzeres Testa-ment gemacht worden. Es lautete:

Ich vermache mein ganzes Vermögen meiner GattinAngela."

Die junge Gattin hatte keine Ahnung von dem Erbe,das ihr zufallen würde, sie wußte nicht einmal, ob erein Vermögen erworben hatte oder nicht, aber der Krankeselbst sprach vor seinem Ende mit ihr davon.

Du wirst reich, sogar unermeßlich reich werden,Angela," sagte er mit matter Stimme.Ich weiß, Duwirst von dem Gelde einen guten Gebrauch machen, aberich bitte Dich um eine Gunst:Gib das Gold nicht denen,deren Betrug so grausam unser Lebensglück zerstörte."

Karl, das könnte ich niemals thun," versichert! siemit vor Thränen erstickter Stimme und hochgeröthetenWangen.Es käme mir ja selbst vor, als sollte dieSchlechtigkeit belohnt werden. Nein, sei ruhig, ich willalles dem Krankenhause oder wohlthätigen Stiftungenüberlassen."

Doch der Sterbende schüttelte sein müdes Haupt.

Thue das nicht, Angela," flehte er leise,Barm-herzigkeit ist eine edle Tugend, aber es wäre mir dochlieber, wenn Du mit dem Gelde Glieder Deiner Familieglücklich machen würdest. Das Unrecht, das uns ge-schehen ist, ist über zwanzig Jahre her, Geliebte, undnach dieser langen Zeit darf man nicht mehr zürnen.Es müssen viele in Deiner Familie sein, die damals nochnicht geboren waren. Mit den Zinsen Deines Vermögenshilf Deinen Geschwistern, Angela, aber lass' das Capital sieben bis acht Millionen der neuen Generationzukommen, die an unserem Leid keine Schuld trägt."

Ich verspreche es feierlich."

Gut, ich danke Dir. Jetzt küsse mich noch einmal."

O Karl," schluchzte Angela, die erst seit drei TagenGattin war,wollte Gott , ich könnte mit Dir sterben.

ES wird mir unerträglich einsam sein, wenn Du nichtmehr bei mir bist."

In derselben Nacht noch schloß er in den Armenseiner Gattin seine müden Augen für dieses irdischeNeben. Ohne Kampf, mit einem friedlichen Lächeln aufdem Antlitze ging er hinüber zu einem besseren Leben,wo keine Trennung und kein Leid mehr ist.

Angela war seine einzige Erbin, denn Marlitz hattegar keine Verwandten, mit denen sie so gerne den Reich-thum getheilt hätte. Alles fiel ihr allein zu.

Bald nach seinem Tode verließ sie das Hospital.Sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln,wenn sie den Reichthum, den er für sie erworben, auchgenießen sollte. Sie kaufte eine reizende kleine Villa,Roscnheim, am Rhein, im südlichen Deutschland , hieltsich Wagen, Pferde und genügende Dienerschaft, führteaber trotzdem ein einsames, zurückgezogenes Leben.

Sie war kaum vierzig Jahre alt, aber trotzdem ihrHaar stark ergraute, galt sie immer noch als eine be-deutende Schönheit und wurde in der ganzen Nachbar-schaft allgemein geliebt. Sie gab weder Gesellschaften,noch arrangirte sie Festlichkeiten in ihrer Villa, aber siewar gastfrei, und kein Armer verließ ohne Trost undHilfe ihr Haus, so daß sie ein wohlthätiger Engel derganzen Nachbarschaft wurde.

Angela ist eine Thörin," bemerkte Graf Kurt vonWildcnthal zu seiner Gattin.Wie kann sie nur damitzufrieden sein, ihr enormes Vermögen in Staatspapierenanzulegen; wenn sie damit speculirte, so könnte sie das-selbe mindestens verdoppeln."

Aber die Angeredete theilte nicht die Meinung ihresGatten. Sie war ein liebliches junges Mädchen gewesen,als sie vor ungefähr fünfzehn Jahren ihrem Gatten dieHand zum Bunde für's Leben reichte. Ja, Einigenannten sie sogar eine Schönheit und beneideten wohlden verarmten Edelmann, der mit diesem Juwel auchgleichzeitig ein ganz beträchtliches Vermögen heirathete.Aber ihre Reize und Jugendfrische waren so schnell ver-schwunden, wie das letzte Blatt, mit dem der Herbstwindspielt. Die früher nie gekannte aristokratische Armuthdrückte sie wie eine allzu schwere Last darnieder undlähmte ihre Geistes- und Körperkräfte. Ihr junger Gattewar ganz getreu in die Fußstapfen seines Vaters getreten.Um seine zerrütteten Verhältnisse besser zu gestalten, hatteer mit dem Gelde seiner Gattin speculirt und ver-loren. Sie hatte nicht geklagt, aber die Armuth drücktesie schwer, und daher fand sie kein tadelndes Wort fürdie reiche Angela, die so sicher ihr Vermögen depo-nirt hatte.

Ich halte Angela für sehr vernünftig," wandtesie deshalb ein,die Zinsen allein repräsentiren schonein ganz enormes Capital, von dem sie gewiß nur denkleinsten Theil verbraucht, aber was macht sie wohl mitihrem Gelde?"

Sie ist geizig," schalt der Graf gereizt.Denkenur, Margot, ich schrieb vor einigen Wochen und batum die lumpige Kleinigkeit von 20 000 Mark, undDu wirst es kaum glauben sie hat nicht einmalmeinen Brief beantwortet. Ist das nicht empörend?"

Na," lächelte die Gräfin überlegen, denn sie wargerade in der Stimmung, ihrem Gatten zu widersprechen,darüber dürfen wir uns doch nicht wundern. Der-gleichen Bittgesuche wird sie viele bekommen; bedenke,