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1896 .
„Augsburgrr Postzeitung".
Dinstag, den 26. Mai
Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler ).
Pfingsten.
Komm', heiliger Geist, von oben,Lehr' uns den Vater loben,
Die Menschheit ist erschlafft.Wohl sausen Dampf und Räder,Doch fehlet dem Geäder,
Des rechten Oeles Kraft.
Gib Deiner Kirche Zeugen,
Die sich der Welt nicht beugenIn hohem, edlen Muth.
Laß nie den Geist vergehen,
Der einst mit SturmeswehenGebar das Martyrblut.
Und über Land und KroneAls treuer Hüter throne,
Du Geist der Heiligkeit!
Daß in der Zeit GewitternNicht Volk, nicht Fürst erzittern;Denn Du hast sie gefeit.
In alle Hütten gehe,
Durch alle Häuser wehe,
Dein ernster Friedenshauch,
Auf daß in steten TreuenDie Bande sich erneuenUnd Sitte bleibt und Brauch.
In Seelen, die verzagen,
In Herzen, welche klagen,
Kehr' ein als trauter Gast!
Daß sie gleich Adlern fliegenUnd Jugendkräfte kriegen,
Weil Du durchweht sie hast.
Schon blüht's auf allen Fluren
In allen Kreaturen
Der frische Trieb sich regt:
Komm, Schöpfer Geist, auf Erden,Die Menschenherzen werdenDurch Dich allein bewegt.
Schick salsrvege.
Erzählung von Llarisse Borges.
(Fortsetzung.)
Angela war jetzt dreiundzwanzig Jahre. Die Nothund die Sorge in dem täglichen Kampfe um's Daseinim Elternhause war ihr längst zuviel geworden, und sieentschloß sich, die Heimath zu verlassen, um sich alleineinen Weg in der^Welt zu bahnen. Sie trat in einKrankenhaus ein und suchte durch treue Pflege die Nothder Leidenden zu lindern und durch gewissenhafte Pflicht-erfüllung ihren eigenen Schmerz zu vergessen.
Nach zweijähriger, musterhafter Krankenpflege folgtesie einem Rufe als Oberin in eine norddeutsche Hafen-stadt, wo sie von jetzt an in einem Privat-Krankenhausesegensreich wirkte.
Hier war es, als nach langer, langer Zeit dieLiebenden wieder vereint wurden. Zwanzig Jahre warenvergangen, seitdem der junge, energische Ingenieur seineHeimath verlassen hatte, jetzt, vor den Thoren der Ewig-keit angelangt, bis zum Tode krank und elend, wurdeer treu und liebevoll von derjenigen gepflegt, die er alsGattin so gerne glücklich gemacht hätte. Nur wenigeWorte genügten, um beiden zu erklären, wie grausamund frevelhaft mit ihrem Lebensglück gespielt wordenwar. Ihre Jugend und das verlorene Glück konnteihnen keine Macht der Erde ersetzen, aber der Schmerzum das zerstörte Liebesglück verlor seinen Stachel indem Bewußtsein der gegenseitigen Treue. Es war einbeglückendes Gefühl, zu denken, daß in all' diesen Jahrendie Liebe in beider Herzen nicht erloschen war.
Der Ingenieur war in der neuen Welt in allenseinen Unternehmungen glücklich gewesen. Jedes Vor-haben wurde mit Erfolg gekrönt, und nach einem Zeit-raum von zwanzig Jahren hatte er ein unbesiegbaresVerlangen, in sein Vaterland zurückzukehren. Er machteseinen erworbenen Grundbesitz zu Geld; als vielfacherMillionär war er kaum im Stande, den dritten Theilseiner Zinsen zu verbrauchen, selbst wenn er ein ver-schwenderisches Leben führte.
Ein wehmüthiges Lächeln umspielte seine bleichenLippen, als er jetzt seines Reichthums gedachte, den erso nutzlos aufgespeichert und den er so gern mit seinerGeliebten getheilt hätte. Er verließ Amerika , landetenach glücklicher Ueberfahrt in der Norddeutschen Hafen-stadt, fiel aber beim Verlassen des Schiffes so unglücklich,als er zuerst den Fuß auf heimathlichen Boden setzte,und trug dabei so schwere innere Verletzungen davon,daß er in ein Krankenhaus getragen werden mußte.
Es war dasselbe Hospital, in dem Angela schonseit Jahren so segensreich wirkte. Von der ersten Stundean war es dem Patienten eine Gewißheit, daß an eineGenesung nicht zu denken sei, aber dieser Gedanke be-unruhigte ihn keineswegs. Er war mit seiner geliebtenAngela wieder vereint, und der Gedanke, daß sie ihmdie ganzen langen Jahre hindurch Treue bewahrt hatte,machte ihn so zufrieden und glücklich, daß ihm selbst dasScheiden nicht schwer wurde.
„Aber Du mußt erst meine Gattin werden." flehteer mit glücklichem Lächeln. „Wir haben uns doch längerals zwanzig Jahre treu geliebt. — Werde doch meinlicbes treues Weib, ehe ich sterbe."