Ausgabe 
(22.5.1896) 43
Seite
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Kühe und wandert mit dieser beim Trinken in denMenschenkörper. Daraus ergeben sich folgende Vorfichts-regeln: Man halte für den Auswurf stets einen mitWasser gefüllten Spucknapf bereit, man sorge, daß vonden benutzten Taschentüchern kein feiner Staub auffliegt,man vermeide das Ausspeien auf der Straße, und mantrinke Milch von unbekannten Kühen nicht anders,als gekocht, weil der Bacillns durch das Kochen ver-nichtet wird.

Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß nichtjede Kugel im Kampfe trifft. Genau so liegt es auchhier. Nicht jeder Tuberkelbacillus, der in unseren Körpergelangt, hat seine bösen Folgen, sondern diese stellensich nur dann ein, wenn er in dem Körper einen ge-eigneten Boden zum Wachsen findet, d. h. einen ge-schwächten Organismus. Ererbte Körperschwäche, odereine durch die Lebensweise, durch schlechte Nahrung, engeund ungesunde Wohnungen, körperliche oder geistigeUeberanstrengungen oder ausschweifendes Leben unter-grabene Gesundheit sind Diener, die dem Schwindsuchts-bacillus den Boden zum Gedeihen zurecht machen. DieSchwindsucht zeigt sich darin als eine eng mit den socialenVerhältnissen verknüpfte Krankheit und sie ist zum großenTheil auch auf dem Gebiete socialer Neformarbeit zubekämpfen. Ferienkolonien für kränkliche Kinder, Ver-besserungen der gemeindlichen hygienischen Verhältnisse,Schaffung gesunder Wohnungen, Beseitigung der über-langen Arbeitszeit, Einrichtung gesunder Arbeitsräume,genügender Arbeitslohn, billige und gute Lebensrnittelund ein vernünftiges, solides Leben das sind Waffen,mit denen man dem Tuberkelbacillus Terrain abgewinnen,Gesunde vor ihm schützen und viele Erkrankte noch vonihm befreien kann.

Als weitere vorzügliche Kampfmittel treten dazudie Sanatorien für Schwindsüchtige. Diesean klimatisch günstigen Orten gelegenen Heilanstaltenversprechen, richtig und frühzeitig angewendet, die schönstenErfolge. Nicht nur wird durch Entfernung des Er-krankten aus seiner Familie und Umgebung die Gefahrder Ansteckung für diese beseitigt, sondern es erwächstauch für den Patienten durch die geregelte Lebensweisebet Arbeit und Erholung und durch die das Gemüths-leben anregende neue und gesunde Umgebung die größteHoffnung auf Heilung.

Nun gibt es zwar schon eine Anzahl solcher Sana-torien, aber dieselben find fast ausschließlich den Wohl-habenderen zugänglich; für die Unbemittelten, die denharten Kampf um's Dasein zu kämpfen haben und vonder Hand in den Mund zu leben gezwungen sind, fehlteS bisher noch an Heilanstalten. Und doch sind eS ge-rade diese Kreise, die durch unzulängliche Lebenshaltung,gesundheitsschädliche Arbeit und ungenügende Wohnräumeder Gefahr besonders ausgesetzt find und die von denWunden, die die Schwindsucht schlägt, doppelt schmerz-haft betroffen werden. Der seelische Schmerz, einennahen Verwandten leiden zu sehen und ihn durch denTod zu verlieren, ist Reichen und Unbemittelten gemein-sam, dazu kommt aber für letztere noch die materielleSorge. Jeder Kranke drückt bei den Unbemitteltenschwer auf die Lebenshaltung der ganzen Familie, undder Tod oder auch nur die ernste Erkrankung der er-nährenden Mitglieder bedeutet für die Familie Noth undVerarmung. Deßhalb ist die Schaffung von Sanatorienfür unbemittelte Schwindsüchtige eine wichtige soziale

Aufgabe, an deren Lösung das ganze Volk das größteInteresse haben muß.

Die Aufgabe ist so groß, die Hilfe so dringendund der Heilstätten fehlen so viele, daß private Arbeitallein, so dankenswerth sie auch ist, hier nicht genügt,sondern daß es dazu der systematischen und kräftigenMitarbeit aller staatlichen und kommunalen Organisationenbedarf. Selbstverständlich wird damit die private Thätig-keit nicht überflüssig, sondern sie soll von den Behördenin der ausgiebigsten und vorurtheilslosesten Weise ge-pflegt und gefördert werden.

In den Vordergrund drängt sich dabei der Wunscy,und die letztjährige Versammlung des VereinS für öffent-liche Gesundheitspflege hat ihn eingehend erörtert, daßdie großen Zwangsorganisationen der Arbeiter in denKrankenkassen und der Jnvaltditäts- und Altersver-sicherung und vor Allem die dabei aufgehäuften Kapita-lien, die bereits rund eine Viertelmilliarde betragen,diesem Zwecke dienstbar gemacht werden, sei es, daß dieVersicherungsanstalten allein, oder in Verbindung mitden Krankenkassen und Kommunaloerbänden die Erbau-ung von Volkssanatorien in die Hand nehmen, oder sichdaran mit der Tragung der Kosten betheiligen. Denglücklichen Anfang damit hat die hanseatische Versicherungs-anstalt mit ihrem Harzer Sanatorium in Andreasberg gemacht. Daß die auf den Bau von Sanatorien ver-wandten Kosten durch Ersparnisse auf anderen Gebietenwett gemacht werden, liegt auf der Hand; wurden dochnach dem Ergebniß von 23 Versicherungsanstalten, wieder Direktor der hanseatischen Versicherungsanstalt inLübeck auf der Versammlung des Vereins für öffentlicheGesundheitspflege mittheilte, 12,82 pCt. oder 8500 in-folge der Tuberkulose arbeitsunfähig.

Freilich ist es, wenn die aufgewandten Kapitalienfür Sanatorienban Frucht tragen sollen, nothwendig,daß die Sanatorien nicht Siechenhüuser und Sterbeasyle,sondern Gesnndungsanstalten, Sanatorien im wahrstenund schönsten Sinne des Wortes werden. UnheilbareSchwindsüchtige, für die in anderer Weise zu sorgen ist,sollen nicht ausgenommen werden, sondern nur solche,die vom Arzt für heilbar erklärt werden, diese aberso früh als möglich. Sache der Aerzte wird eS sein,die Krankheit schon in ihren Anfängen festzustellen unddarauf zu halten, daß der Erkrankte Aufnahme in einSanatorium findet. Zu vermeiden ist bei der Organi-sation der Volkssanatorien Alles, was manches unsererIrrenhäuser und Krankenanstalten so unbeliebt im Volkemacht. Die Sanatorien sollen durch und durch volks-tümlich sein und der Erkrankte soll gern hineingehenin dem Gedanken, daß er dort sich an Leib und Seeleerholt und dann gesund zu neuem Schaffen und Wirkenins Alltagsleben zurücktreten kann.

Man hat in letzterer Zeit viel von einem innerenFeind geredet und zu seiner Bekämpfung aufgefordert.Hier in dem winzigen Tuberkelbacillus ist ein Feind,der viel schlimmer ist, als jene meist nur eingebildetenSchrecknisse und Gespenster. Ihn zu bekämpfen istsoziale Pflicht.

Auslösung des TelegrvphenräthselS in Nr. 42:

Wer einmal lügt, muß oftZu lügen sich gewöhnen,

Denn sieben Lügen braucht's,

Um eine zu beschönen.