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baß man auf künftigen Donnerstag alle Läden aufthue,feil halte und den Wochenmarkt, wie alleweg, fortgehenlasse bei ernstlicher Straf." In dieser Schärfe trat derGegensatz zwischen dem weltlichen und geistlichen Regi-ments noch nie in die Oeffentlichkeit, und Jedermannfühlte das Nahen eines folgeschweren Ereignisses. Volks-haufen bildeten sich in den Gassen, die lebhaft die Zu-kunft besprachen, Drohworte gegen die Obrigkeit und dieMitbürger ausstießen und Unfug mancher Art verübten.Berittene Soldaten zerstreuten die lärmende Masse undhielten den öffentlichen Wandel aufrecht. Aufregende Ge-rüchte schwirrten in der Luft, welche erzählten, die Schlüsselzum Perlach, wo die Sturmglocke hing, seien in dasAmtszimmer der Stadtpfleger gebracht, die Fallgatterwerden herabgelassen und die verstärkten Thorwachen un-tersuchen die ankommenden Reisenden, ob sie etwa Waffenmit sich führen. Mit ängstlicher Spannung sah mandeßhalb dem auf Montag den 4. Juni neuen Stils an-gesagten außerordentlichen Rathstage entgegen, überwelchen Etliche geheimnißvoll flüsterten, er sei gegen diePrädikanten gemünzt und gelte hauptsächlich dem Pfarrervon St. Anna, den der Papst begehre und für den inRom schon der Kessel mit Oel über dem Feuer hänge,worin er gesotten werden soll. *) Die Neugierde und dieTheilnahme an dem Loose der Prediger versammelte zahl-reiche Bürger auf dem Platze vor dem Nathhause, welchetn besonnener Ruhe den Ausgang der Berathung ab-warteten; allein sie hörten darüber nichts und sahen nurdie Nathsherren, darunter mehrere evangelische, ernsterals gewöhnlich den Sitzungssaal verlassen.
Ganz unverletzt blieb jedoch das AmtsgeheimnißNicht. Man hörte, daß auf 2 Uhr Nachmittags diePrediger vor die Stadtpfleger geladen seien und daß derStadtvogt der Nathssitzung anwohnte: Vorgänge, welchedie Aufmerksamkeit der evangelischen Bewohner so sehrauf sich lenkten, daß viele die Arbeit verließen und dieBehausungen ihrer von Gefahren bedrohten Geistlichkeitbewachten. Um die Essensstunde entleerten sich aber dieStraßen, und diese Zeit wählte der evangelische NeichL-Stadtvogt Augustin Weyß, den ihm morgens gewordenenAuftrag des Raths zu vollziehen. Nur von einem ein-zigen Diener begleitet, ging er zu Dr. MyliuS, welchener in der Studierstube allein antraf, und indem er ihmein Rathsdekret aushändigte, eröffnete er ihm, daß erVollmacht und Gewalt habe, ihn ohne Verzug und ge-räuschlos aus der Stadt und über deren Eiter hinauszu führen, etwa nach Pferse, in Zobels Sommersitz oderwohin es ihm gefalle. Der Bitte, mit seinen Kollegenund Mitbrüdern sich zu besprechen, konnte der Stadtvogt,der mit Leib und Leben sich verbürgte, daß ihm an Leibund Gut kein Leid widerfahre, nicht entsprechen, und sorüstete sich der Superintendent mit den Worten zum Auf-bruche: „er hätt sich solchen schnellen Prozeß gegen seinenHerren mit Nichten versehen." Alles hatte im Neben-zimmer die Frau Pfarrerin gehört, und sie erhob jetzt amgeöffneten Fenster mit den Ehehalten ein solches Jammer-geschrei, daß viel Volk herbeiströmte, darunter auch Müller'sbeide Schwäger. Diese, tn das Haus eingetreten, schloffensich mit der Erlaubniß des Vogts ihrem Schwager an.Alle gingen durch den Hof und trafen außerhalb derkleinen Gartenthüre gegen den Zwinger einen Wagen,
') Dieses Märchen und ähnliche erzählt Dr. MyliuS selbstin seinem Buche „Augsburger Händel" als glaubwürdige Nach-richten
den sie bestiegen. Als die Kutsche aus dem engen Gäßchenauf den Platz an dem Göggingerthore einbog, sang Dr.MyliuS sammt seinen Verwandten mit lauter Stimmeden 31. Psalm „In dich hab' ich gehoffet Herr, hilf, daßich nicht zu Schanden werde", und plötzlich war derWagen von einer wtldtobenden Menschenmenge umringt.Der Fuhrmann wurde vom Bock gezogen, junge Gesellenschnitten die Stränge der Pferde ab, und mehrere Bürgerforderten unter Trostworten den Geistlichen auf, auszu-steigen, was er that. Sie eilten dann mit ihm in einbenachbartes Haus, wo er ein sicheres Versteck gewann(Schluß folgt.)
Ein gefährlicher Feind.
Bei Gelegenheit der im September v. I. in Stutt-gart stattgehabten Verhandlungen über die Erbauungvon Heilstätten durch die Jnvaliditäs- und Altersver-sicherungsanstalten machte der Direktor deS ReichS-Ge-sundheitsamtes, Geh. Ober-Negierungs-Nath Köhler, Mit-theilungen über die Verbreitung der Lungenschwind-sucht, die wahrhaft schreckenerregend sind. Er führteaus: Von 1000 Todesfällen im Deutschen Reiche findetwa 105 bis 107 auf Tuberkulose zurückzuführen, d. h.diejenige Rolle, die im vorigen Jahrhundert vor Ein-führung der Schutzpockenimpfung die Blattern bei unsspielten, von denen man sagte, daß der zehnte Menschan den Pocken sterbe, dieselbe Rolle spielt die Lungen-schwindsucht, eher noch in verstärktem Maße, denn nichtbloß der Zehnte, sondern ungefähr der neunte stirbtschon daran. Ganz anders wird das Bild, wenn wirdie einzelnen Altersklassen vornehmen. Von 1000Todesfällen in der Altersstufe von 0 bis 1 Jahr —nach den Zahlen des Jahres 1893 — sind 10,8 aufTuberkulose zurückzuführen, von 1000 Todesfällen imAlter von 1 bis 15 Lebensjahren 62,2, vom 15. bis60. Lebensjahre 322 , 3 , über das 60. Lebensjahrhinaus 60. Mit anderen Worten: von der erwerbs-fähigsten Altersklasse unseres Volkes, dassind die von 15 bis 60 Jahren, stirbt vondreien, die in diesem Alter überhaupt dasLeben beende«, immer einer an der Tuber-kulose.
Wenn wir auch in der Hoffnung, den Schwind-suchtserreger zu überwinden, getäuscht waren, so hat sichdoch manches geändert. Man hat den Feind studirtund ihn kennen gelernt; man weiß, daß viele Wunden,die er dem Körper des Einzelnen schlägt, heilbar sind,und daß mancher arbeitsunfähige Tuberkulöse unterrichtiger Behandlung wieder die Fähigkeit erlangt, fürsich und die Seinen zu arbeiten. Mit der Erkenntniß,^daß ein winziger Spaltpilz, der daoillus tuderoulosus,der vergiftende Träger der Ansteckung ist, waren auchdie Mittel gegeben, ihm den Weg von Mensch zu Menschund von Thier — auch ein Theil der Thiere leidet ander Tuberkulose — zu Mensch zu verlegen. DerTuberkelbacillus befindet sich im Auswurf Tuberkulöser und wird von da, wenn der Auswurf eintrocknet undverstaubt, sei es am Boden, sei es in einem Taschentuchs,vom Winde oder dem Luftzuge in Mund und Nase derGesunden getragen und gelangt so mit dem Athmenund Essen in deren Körper. Ebenso befindet sich derBacillns in der Milch perlsüchtiger d. h. tuberkulöser