Ausgabe 
(29.5.1896) 45
Seite
337
 
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M 45,

Freitag, den 29. Mai

1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).

Z-chicksttisWege.

Erzählung von Einrisse Borges.

(Fortsetzung.)

Dieser Brief blieb nicht unbeantwortet. Die Elternnahmen für ihre Söhne daS Anerbieten an, aber jedeFamilie machte eine Bedingung. Kurt schrieb, daß erfür Leo das Anerbieten annehme; er wünsche aber, daßder Knabe nicht mit seinem Vetter, Martin Nieding, zu-sammen dieselbe Anstalt besuche. Er halte gerade nichtviel von dem Charakter seines Neffen und fürchte einenschlechten Einfluß auf Leo. Marie Rieding schriebauch; es war der erste Brief, den sie in ihrem Lebenan die Schwester richtete. Sie wünschte, ihr talentvollerund reich begabter Sohn Martin solle in einer der vor-nehmsten Pensionen untergebracht werden, die nur zufinden sei. Er müsse sich die Söhne reich begüterterLeute zu seinen Freunden machen, denn nur durch vor-nehme und hervorragende Bekanntschaft sei es heutzutagemöglich, später in der Welt ein gesichertes Fortkommenzu haben. Die reiche Frau lächelte verächtlich beimLesen dieser Zeilen, dann nahm sie Helene's Brief zurHand. Die Schwester hatte einen langen, ausführlichenBrief geschrieben und von all' ihren zehn Kindern be-richtet. Sie war glücklich im Besitz dieser großen Fa-milie, aber dennoch war der Brief mit ihren Thränenbenetzt, die deutliche Spuren hinterlassen hatten. AmSchlüsse schrieb sie:Um unseres Kindes willen nehmenwir Dein Anerbieten an, aber ach, Angela, erwecke nichtein Gefühl nach Glanz und Reichthum in seinem jungenHerzen, damit er dem Elternhause nicht entfremdetwerde."

Frau Marlitz ging auf alle Bedingungen ihrer Ge-schwister gern ein. Sie sandte die drei Knaben, diealle im vierzehnten Lebensjahre standen, nach verschiedenenLehranstalten, aber vorher nahm sie dieselben jeden alleindrei Tage in ihre Villa auf. Sie war nicht umsonsteine lange Reihe von Jahren Krankenpflegerin gewesenund hatte in ihrem Leben hinreichend Gelegenheit gehabt,die verschiedenen Charaktere zu studiren, und so lerntesie auch in wenigen Tagen die drei Knaben genau kennen.

Leo von Wildenthal's offener, ehrlicher Charaktergefiel ihr gut und erfüllte sie mit den besten Hoffnungenfür die Zukunft. Martin Rieding war scheu, listigund verschlagen; er hatte keinen offenen Blick, und seinegeistigen Fähigkeiten schienen auch nur sehr unbedeutend

zu sein. Willy Berghanpt dagegen war ein schwächlicherKnabe, mit einem müden Ausdruck in seinem bleichenAntlitz. Ein lästiger Husten quälte und schmerzte ihn,dabei war er über sein Alter hinaus früh gereift, unddie häuslichen Sorgen, unter denen er aufgewachsenwar, hatten ihm die fröhlichen Kinderjahre geraubt.

Angela beschloß, zunächst für das« körperliche Wohlihres kranken Neffen zu sorgen, darum übergab sie ihnder Pflege einer ihr sehr befreundeten Familie, die ineiner gesunden und stärkenden Gebirgsgegend wohnte.Sie wußte, daß hier alles zur Wiederherstellung seinerGesundheit gethan wurde, und die Fortsetzung seinerStudien sollte nur langsam und nebensächlich betriebenwerden.

Die Bedingungen wurden von beiden Seiten treu»lich gehalten. Angela bezahlte alle Unkosten ihrer dreiNeffen, aber keiner erhielt von ihr auch nur eine Zeile,und auch die Briefe der Eltern ließ sie unbeantwortet.Die Ferienzeit verbrachten die Knaben in ihrem Eltern-hause; aber so wenig sie es auch ahnten, war die Tantedoch ganz genau über die Fortschritte und das Betragenihrer Schützlinge unterrichtet. So wußte sie, daß Leomit Fleiß und Energie seinen Studien oblag, daß erdie besten Zeugnisse und die ersten Preise seinen Elternheimbrachte. Es war sein Wunsch, sich der Landwirth-schaft zu widmen, er wollte später die landwirthschaftlicheSchule besuchen, um dann selbst die Güter seines Vater-wieder in die Höhe zu bringen.

Martin Rieding war weniger strebsam und fleißig,und es wollte ihm auch nicht gelingen, sich mit seinenMitschülern zu befreunden. Trotz seines reichlichen Taschen-geldes hatte er stets eine leere Börse, die er mit Listvon seinen Schulkameraden zu füllen suchte. Sein ganzesStreben ging darauf aus, Geld zu erwerben, und dabeischeute er vor keinem Mittel zurück, und dann vergeudeteer das Geld in leichtsinniger Weise. Willy Berghanpterholte sich bei liebevoller Pflege und stärkender, hin-reichender Nahrung sichtlich; er konnte jetzt regelmäßigdas Gymnasium besuchen, machte gute Fortschritte undwollte Arzt werden.

So waren zehn Jahre vergangen. Die Jünglingshatten ihre Studien beendet und standen auf eigenen'Füßen, da raffte der unerbitterliche Tod die reiche Wittweplötzlich dahin und vereinte sie mit ihrem Gatten, densie so sehr geliebt hatte.