Ausgabe 
(29.5.1896) 45
Seite
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II.

Die einzelnen Glieder der gräflichen Familie vonWildenthal zeichneten sich nicht durch große Herzlichkeitund hingebende Liebe aus. Vielleicht hatte auch dieArmuth ihre Herzen verbittert, und die drei von derreichen Tante bevorzugten Jünglinge beobachteten einandermit Mißtrauen.

Der Graf und die Gräfin von Wildenthal warenempört, daß Leo vor seinen Vettern von der reichenTante nicht den Vorzug erhielt. Der Anwalt Niedinghielt seinen Knaben für drn besten der drei Neffen undverlangte dafür Anerkennung, die ihm nicht gewährtwurde, während die arme Lehrerfamilie sich oft bekümmerte,daß die beiden Vettern mitleidig auf ihren ältesten Sohnherabsehen möchten.

Die Jahre waren auch an diesen drei Familienspurlos vorüber gegangen. Graf Kurt konnte sich vorseinen Gläubigern kaum retten. Leo war theoretisch undpraktisch als Landwtrth ausgebildet und hatte auf einemgroßen Rittergute in der Nähe von Ebersheim eine Stelleals Inspektor angenommen. Martin Nieding hatte diejuristische Laufbahn erwählt und half seinem Vater, aberohne Energie und Ausdauer in seinem Berufe zu zeigen,und deshalb mißglückten auch alle seine Unternehmungen. Willy Berghaupt hatte sein Ziel erreicht, als jungerArzt hatte er sein letztes Staatsexamen glücklich bestandenund weilte jetzt auf kurze Zeit bei seinen Eltern, umsich körperlich zu erholen, da seine Gesundheit in letzterZeit wieder bedenklich gelitten hatte.

Da kam plötzlich die ganz unerwartete Nachrichtvon dem Tode der reichen Wittwe, die der Anwalt derVerstorbenen, Herr Rnthberg, den Verwandten mittheilte.

Beim Himmel, wie plötzlich I" rief Graf Kurt, alser das Schreiben flüchtig überlesen hatte.

Was ist geschehen?" fragte seine Gattin bestürzt,wollen die Gläubiger nicht länger Frist gewähren, daßwir unser Heim verlassen müssen, oder was ist es?"

Angela ist todt! Ich wußte gar nicht einmal, daßsie krank war. Wir müssen zur Beerdigung Hinreisen."

Ich nicht," verbesserte Margot.Wenn Du undLeo hinreist, so ist das wohl genug. O, Kurt, ich hoffe,sie hat uns in ihrem Testamente bedacht."

Das hoffe ich ganz bestimmt," versetzte der Gattesinnend.Sie kann kaum in all den Jahren den viertenTheil ihrer Zinsen verbraucht haben; das angehäufteKapital muß jetzt ganz enorm sein."

»Ich glaube aber nicht, daß sie uns bedacht hat,"wandte Leo ein, der gerade zum Besuch bei seinen Elternweilte;rechne wenigstens nicht darauf, Vater, sonst istdie Enttäuschung hernach zu bitter."

Leo hatte seit der ersten Zusammenkunft vor zehnJahren die reiche Tante noch einmal beim Verlassen derUniversität gesehen und die Ueberzeugung gewonnen, daßsie seinem Vater noch immer nicht gewogen sei.

Wie kommst Du zu dieser Meinung?" fragte derGraf erschreckt,sie war doch gegen Dich stets nobel undgroßmüthig."

,Sie war die Güte selbst; aber sie wünschte aus-drücklich, ich solle mir als Jnspector wein Brod ver-dienen, um nie abhängig zu sein. Ich glaube, sie ver-pachte ihr ganzes Vermögen für wohlthätige Zwecke."

7Unmöglich! Na, wir werden es bald genug er-ifghren. Die Beerdigung ist am Mittwoch. Nieding

wird mit seinem Sohne auch dort sein; der junge Martingefüllt mir durchaus nicht."

Leo lachte.Er ist ein erbärmlicher Feigling,"versicherte er,aber wir werden nicht viel zusammen-kommen, und im Testament wird er ebenso wenig bedachtsein, wie wir."

Es war ein lieblicher Maientag. Die Frühlings-sonne sandte ihre goldenen Strahlen vom azurblauenHimmel als letzten Scheidegruß in die kühle Gruft, diedie irdische Hülle der Entschlafenen deckte. Ungesehenund unerkannt hatte sie auf Erden so viele Noth derArmen gelindert, so viele Thränen getrocknet, und dieLiebe und Dankbarkeit der Bedrängten folgte ihr überdas Grab hinaus.

Die feierliche Ceremonie war beendet. Im Garten-saal der Nosenvilla waren die wenigen Leidtragendenversammelt. Graf Knrt, Herr Nieding und der LehrerBerghaupt, jeder mit seinem Sohne; dann der AdvokatNuihberg und ein alter Kommerzienrath Ambach, der>nächste Nachbar und treu erprobte Freund der Ent-schlafenen.

Ich kenne den alten Herrn," flüsterte Leo seinemVater zu.Sein Enkel ist mir ein lieber Studienfreund,und der Großvater besuchte ihn oft. Da erzählte eroft von Tante Angela, die er stets lobte und mit derer sehr befreundet schien."

Der Anwalt Nuthberg öffnete das Testament. DieDienerschaft war nicht zugegen, obgleich sie reichlich be-dacht war. Doch er hatte versprochen, derselben späterdie für sie gemachten Bestimmungen mitzutheilen, da ereine Scene, wenn nicht einen Sturm der Entrüstungunter den Verwandten befürchtete.

Ehe ich mit dem Vorlesen beginne," sagte er, sichgegen die Anwesenden verneigend,möchte ich bemerken,daß meine Klientin sich bei der Abfassung des Testamentesweder beeinflussen, noch von Anderen bestimmen ließ,und daß die pünktliche Ausführung desselben ihr letzterWunsch war. Herr Kommerzienrath Ambach ist von ihrals Testamentsvollstrecker ernannt, und ich bin überzeugt,daß er nur auf dringendes Bitten der Entschlafenen diesePflichten übernommen hat. Frau Marlitz versäumte auchnicht die Vorsicht, ihrem Willen ein ärztliches Attest bei-zulegen, daß sie bei der Abfassung des Testaments imVollbesitz ihrer Geisteskräfte war."

Eine Wolke des Unmuths lagerte sich auf deSGrafen Stirn; das Testament fiel gewiß nicht zu seinemGunsten aus, da seine Schwester diese Vorsichtsmaßregelngetroffen hatte. Anwalt Ruthberg las mit klarer, ver-nehmlicher Stimme. Die Dienerschaft war reichlich be-dacht. Die Villa mit sämmtlichen Mobilien, Silber-und Kunstgegenständen fiel dem Watsenhause zu. Dannvermachte sie ihren neun Nichten zwei Töchter desAnwalts Nieding und sieben Töchter des Lehrers Berg-haupt jeder ein Capital von 15 000 Mark, welchesihnen am Tage ihrer Verheirathung oder an ihremdreißigsten Geburtstage ausgezahlt werden solle. In-zwischen erhalte jede Nichte bis zur Auszahlung desKapitals eins jährliche Nente von 1000 Mark.

Der Lehrer Berghaupt athmete erleichtert auf. DieZukunft seiner sieben Töchter hatte ihm schwerer auf demHerzen gelegen, als Worte es beschreiben können. Jetztschien mit einem Schlage alle Noth vorüber; er hatte sieben-tausend Mark jährliche Rente, so lange sie unverheirathetblieben, das war eine Hilfe, die er weder erträumt noch