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erhofft hatte. Der Advokat fuhr mit dem Lesen desSchriftstückes fort:
„Das meinen neun Nichten ausgesetzte Kapitalwird von den in den letzten zehn Jahren angehäuftenZinsen meines Vermögens genommen. Das Vermögenselbst besteht in sicher angelegten Staatspnpieren in einerHöhe von acht Millionen Mark, über die Herr Ambachein Jahr nach meinem Tode in meinem Sinne, den ergenau kennt, verfügen wird. Es ist mein Wunsch undWille, daß diejenigen meiner Verwandten mich beerben,die des Erbes würdig sind, und ich habe volles Ver-trauen in das Urtheil meines Freundes Ambach, deraber in der Austheilung des Erbes keinem meiner Ver-wandten Rechenschaft abzulegen hat."
Eine peinliche Pause entstand, die der junge MartinNietung zuerst unterbrach.
„Das ist eine lächerliche Idee; das Testamentdarf nicht bestehen, es muß umgestoßen werden," riefer gereizt.
„Durchaus nicht," widersprach Herr Nuthberg. „Ichmuß sogar darauf aufmerksam machen, daß meine Klientinbefürchtete, das Erbe könnte in unwürdige Hände kommen.Sie wollte mit Recht dem Kommerzienrath zwölf MonateZeit geben, um die Charaktere ihrer Verwandten zuprüfen."
„Ich verstehe ihre Meinung," sagte der Lehrer nach-denkend. „Sie wollte sehen, wie ihre drei Schützlingesich nach ihrem Tode machen würden. Sie hat ihnenallen dreien eine sorgfältige Pflege angedcihen lassen, sodaß sie ihr Fortkommen in der Welt haben."
„Da haben Sie vollkommen Recht," rief Herr Am-bach, dem Lehrer kräftig die Hand schüttelnd. „Daswar der einzige Wunsch der guten Frau Marlitz. Siehielt es für ein Unglück, ein Mädchen mit einem großenKapital zu bedenken, darum setzte sie ihren Nichten nurein geringes aus. Ich darf Ihnen vor Jahresfrist dieAbsicht der Entschlafenen noch nicht sagen, aber so vieldarf ich verrathen, daß die drei Neffen, für die sie sichso sehr interesstrte, ihre Zukunft in ihren eigenen Händenhaben. Die Rente Ihrer Töchter ist halbjährig fällig,und werde ich Ihnen die erste Sendung zugehen lassen.Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen und empfehle michden Herren," mit leichter Vernetzung des Hauptes verließer das Gemach, gefolgt von dem Anwalt Nuthberg.
Die sechs Herren blieben allein — drei Vater unddrei Söhne. Graf Kurt biß die Zähne aufeinander, soschwer wurde es ihm, seine Gefühle zu beherrschen. Erwar empört, daß seine Schwester ihm kein Vermögenausgesetzt hatte, dann aber auch freute er sich, daß demKommerzienrath Zeit gegeben war, seinen Sohn Leokennen zu lernen, und er zweifelte nicht daran, daßdieser feine beiden Vettern übertreffen werde. Wenn esihm nur gelingen wollte, die vielen lästigen Gläubigernoch ein Jahr hinzuhalten, so war er aller Noth enthoben.
Der Lehrer Berghaupt ließ nur ein Gefühl inseinem Herzen aufkommen — Zufriedenheit und Dank-barkeit. Er hatte sich sein ganzes Leben so kümmerlichhindnrchgeholfcn, daß ihm jetzt die Rente seiner Töchterein unermeßlicher Reichthum erschien; drei seiner Töchterwaren freilich schon heirathsfähig, aber sie waren nochnicht verlobt, und wenn sie später einen Bund für'sLeben schließen wollten, so verließen sie doch nicht dasElternhaus mit leeren Händen.
Martin Nicding und sein Vater waren weder
hoffnungsvoll, wie Graf Kurt, noch dankbar, wie derLehrer. Sie zürnten über das ungerechte Testament,das sie nicht anerkennen wollten, und äußerten ihrenUnmuth unverhohlen.
Die beiden Töchter waren längst verlobt, und dasLegat konnte die Trauung nur beschleunigen, aber Martinvertröstete sich, daß der Kommerzienrath Ambach zu weitvon der Residenz entfernt wohne und unmöglich erfahrenkönne, wie schlecht und nutzlos er seine Zeit zubringe.
„Es scheint mir wie ein Unrecht, jetzt noch undank-bar zu sein," wandte sich Herr Berghaupt an seinenSohn, als sie in die Heimath zurückfuhren, „aber ichhatte doch gehofft, Frau Marlitz hätte Dir ein kleinesVermächtniß hinterlassen."
Willy lächelte wehmüthig. „Lass' eS gut sein,Vater, ich werde ganz gut fertig," beruhigte er. „Mirist die Stelle als Assistenzarzt in B. angeboten, das istnur zwei Stunden Entfernung von Ebersheim, undimmerhin ein guter Anfang für mich."
„Du wirst dort sehr viel zu thun haben, mein Junge."
„Vielleicht, aber Mutter wird sich freuen, daß ichhier in Eurer Nähe bleibe; ich kann bei gutem Wettersogar zu Fuß nach Ebersheim gehen."
„Gibst Du denn jede Hoffnung auf das Erbe DeinerTante auf, mein Sohn? Du hast doch dieselben Aus-sichten dazu wie Deine beiden Vettern."
„Ich denke gar nicht daran," versicherte Willy ent-schlossen. „Die Ungewißheit würde mich nur beunruhigenund mir die Freudigkeit zu meinem Berufe rauben.Ich wünsche, Leo wäre der Erbe; sein Vater kann dasGeld gut gebrauchen, und bei Martin würde es nur inschlechte Hände fallen."
Helene Berghaupt war bet der unerwarteten Nach-richt überglücklich; war doch mit einem Male alle Nothverschwunden und für ihre sieben Töchter reichlich ge-sorgt. Ihr ältester Sohn Willy war Arzt; Paul, derzweite, war Kaufmann und hatte feine Lehrzeit bereitshinter sich; Albert, der jüngste, zählte erst zehn Jahre,aber die guten Verhältnisse der Schwestern sollten ihmauch zum Vortheil werden.
„War Hans nicht in dem Testament bedacht?"fragte sie plötzlich, als sie am Abend mit ihrem Gattenallein war.
„HanS? meinst Du etwa den Anwalt Niedingdamit?"
„Nein, ich meine meinen Bruder Hans. Er warAngela's Lieblingsbruder und lebte zuletzt in New-Aork;ich weiß aber nicht, was aus ihm geworden ist."
„Sein Name ist gar nicht erwähnt. Der alte HerrAmbach kann eigenmächtig über das Erbe verfügen,vielleicht hat die Verstorbene ihm nähere Anweisungengegeben. Hoffe aber nicht zu sehr, daß Willy der Erbewird, Du sparst Dir damit eine herbe Enttäuschung."
„Nach meiner Meinung hätte das Vermögen indrei gleiche Theile getheilt werden müssen," sagte Helenegedankenvoll. „Graf Kurt bedarf das Geld, denn eSgeht ihm schlechter denn je."
„Er war fast verzweifelt, der arme Mann," gabder Lehrer zu, „er erwartete bestimmt eine bedeutendeSumme."
Helene schüttelte traurig ihr Haupt.
Angela hat uns Allen nicht vergeben, daß wir UNSihrsr Verbindung mit Marlitz widersetzten; Kurt wirbebenso wenig bekommen wie wir Schwestern."