Ausgabe 
(29.5.1896) 45
Seite
340
 
Einzelbild herunterladen

340

Die Sonne schien hell und warm. Ihre Strahlenbrachen sich tausendfältig in den Thautröpfchen, die anGräsern, Sträuchern und Bäumen glitzerten; welke Blätter,das Zeichen deS herannahenden Herbstes, bedeckten viel-fach den Boden, auch die Bäume boten durch die mannig-fache Schattirung des Laubes einen eigenartig schönen,malerischen Anblick. Herbstblumen wie Georginen undAstern, auch hier und dort eine verspätete Rose, dieKelche mit Thau gefüllt, bewegten leise und melancholischdie bunten Häupter in dem leichten, frischen Wind, dersich mit Sonnenaufgang erhoben hatte.

Es war ein strahlend schöner Tag, und die frische,fröhliche Mädchenschaar, die sich gruppenweise um dieallgemein beliebte Vorsteherin des Familienpensionates,La Nochette, schaarte, um Einige für immer. Anderenur für oie füufwöchentliche Ferienzeit Abschied zu nehmen,konnte wohl zufrieden sein, solch selten herrliches Wetterzu ihrem Reisetage zu haben.

Das große, peinlich sauber gehaltene Schulzimmerwar jetzt still, öde und leer. Große Landkarten hingenan den Wänden, in der Ecke auf einem Seitentischestand ein riesengroßer Globus, Tische und Bänke warensorgfältig weiß gescheuert, nur zahlreiche Tintenfleckezeugten von dem Fleiß der Schülerinnen. Weiße, duftigeMullgardinen bewegten sich leise vom Winde, der durchdie geöffneten Fenster strich, und hinter denselben ver-borgen stand-eine junge, bleiche Dame, allein

und verlassen in dem großen, öden Schulzimmer. Siehatte die bleichen, schmalen Lippen fest aufeinanderge-preßt, und die mit Thränen gefüllten, tiefblauen Augenblickten träumend in den sonnigen Herbsttag hinein, ohneanf die sie umgebende Schönheit zu achten.

(Fortsetzung folgt.)

-.^SWWS-°--

Die Nörltgeirsirahlen sichtbar!

Die Röntgenstrahlen können unter Umständenfür das menschliche Auge sichtbar gemacht werden, diesist wieder eine Entdeckung an diesem so wunderbarenPhänomen. Sie wurde von dem Privatdozenten Dr.Brandes in Halle gemacht, worüber Folgendes berichtetwird. Dr. Brandes kam durch eine Mittheilung desitalienischen Physikers Salvioni über die sehr geringeDurchlässigkeit der Linse des thierischen Auges für Nönt-genstrahlen auf die Vermuthung, daß dieser Umstandvielleicht die Unsichtbarkeit der neuen Strahlen erklärenkönne. Er ließ daher ein wegen eines Augenleidens beiderLinsen beraubtes Mädchen an die gänzlich verdunkelteStrahlenquelle herantreten. Als der Strom durch dieRöhre ging (es wurde für den Versuch ein sehr starkes Jn-duktorium benutzt, und die große birnförmige Hittoif'scheRöhre war an der kritischen Stelle bedeckt mit Jod-rubidium, das ganz hervorragende Wirksamkeit bei Erzeu-gung der Röntgenstrahlen besitzt), meldete das jungeMädchen eine Lichtempfindung im linken Auge. Ursprüng-lich wurde an die Möglichkeit des Eindringens wirklicherLichtstrahlen ((Überspringen des Funkens) gedacht, aberauch als diese eventuelle Fehlerquelle ausgeschaltet war,hatte das Mädchen immer noch dieselbe Empfindung.Eine Nachprüfung ergab dann das überraschende Resultat,daß auch die Forscher eine Lichtempfindung im Auge hatten.Dr. Brandes hat dann diese Erscheinung weiter unter-sucht und festgestellt, daß es wirklich die Röntgenstrahlen

sind, welche den Reiz auf die Netzhaut ausüben. Bringturan den in einen völlig undurchsichtigen Behälter einge-schlossenen Kopf in die Nähe der Strahlenquelle so tretenauch bei geschlossenem Auge Lichterscheinungen auf, diean der Peripherie am stärksten sind; sie bleiben in gleicherWeise bestehen, wenn eine große Aluminiumplatte, diealso die elektrischen Reizungen völlig ausschließen würde,zwischen Hittorf'scher Röhre und Beobachter eingeschaltetwird. Bringt man dagegen eine dicke Glasscheibe, diebekanntlich die eigenartigen Röntgenstrahlen nur in sehrgeringem Maße hindurch läßt, zwischen Strahlenquelleund geschlossenes oder verdecktes Auge, so tritt vollkom-mene Dunkelheit ein. Ob nun die Röntgenstrahlen dienervösen Elemente des Auges direkt zu reizen im Standesind, oder ob sie nur irgend welche innere Theile desAuges fluoresziren machen und dadurch indirekt eineLichtempfindung verursachen, hofft man durch neue Expe-rimente entscheiden zu können. In.Charlottenburg be-treibt Pros. Dr. Buka von der technischen Hochschule Ver-suche über die unmittelbare Beobachtung innererKörpertheile mittelst der Röntgenstrahlen. Er ver-wendet dabei einen Barium- und Platincyanürschirm.An einem zehnjährigen Knaben konnte man, wie in derDeutsch , med. Wochenschr." mitgetheilt wird, was zu-nächst das Skelett angeht, die Rippen und deren Be-wegung bei der Athmnng, die Wirbelsäule, Schultcrgclenk,Schlüsselbein, Scapula , Oberarm, Ellbogengclenk, dieBeckenschausel u. a. m. zur Anschauung bringen. Voninneren Organen konnten in ihren Umrissen das Herzund die Leber erkannt werden, wenn der Rücken desKnaben der Hittors'schen Röhre zugewandt wurde. Gün-stige Ergebnisse lieferte das Buka'sche Verfahren auch beider Aufsuchung von Fremdkörpern.

--

Zeitungen.

Ein ZeitungSblatt gewähre nur,

Der Wünsche höchstes Ziel."

Holtcl's Lenore.

. Pfingstmontag fder Artikel kommt etwas verspätetzum Abdrucks ist einer von den wenigen zeitungsleerenTagen im Jahre, was von dem zeilungshnngerigeu Lcse-publicnm gewiß nicht mit solcher Befriedigung empfundenwird, wie von den vielgeplagten Hervorbringern diesertäglichen Kost. Man ist so verwohnt jetzt, wo die Meistenaußer einer größeren Zeitung auch noch einige Localblätterhallen oder doch lesen und so immerfort anf dem Laufen-den des Neuen, Neuesten und Allerneuesten bleiben unddabei noch den Kopfzerbruch und die Muthmaßungen überzukünftige Ereignisse mit in den Kauf bekommen. VieleBlätter erscheinen zudem zweimal im Tage; da kommt dannzum Neuen immer noch das Neuere hinzu. Und dasalles muß der Zeitungswolf entbehren an diesem schönen,freundlichen Pfingsttage oder den wenigen andern Tagenseines Gleichen. Wie gern hörte er anstatt des Blättcr-gesäusels vom Baume vor seinem Fenster das leise Knisternder Blätter seiner geliebten Zeitung! Stirnrunzelnd gehter an denTisch des Hauses", sucht aus dem ZeitungS-packet das Neueste heraus und versucht sich in gewohnterWeise zu amüsiren. Aber es gelingt ihm nicht, es istalles schon viel zu alt. Es ist eben Pfingstmontag under uiuß sich noch 24 Stunden gedulden. Aber auch beiMenschen, die weniger heißhungerig auf die Zeitnngs-