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Lcctüre sind, macht sich — so groß ist die Macht derGewohnheit — eine gewisse Unzufriedenheit geltend.
Es ist nicht immer so gewesen. Vor mir liegt einealte, ja recht alte Zeitung, deren Titel ist: „KaiserlicheReichs-Ober-Post-Amts-Zeitung zu Köln . 176. Stück.1780. Mit Seiner römisch-kaiserlichen Majestät aller-gnädigster Freiheit. Freitag, den 3. November." Dieganze Zeitung besteht aus einem vergilbten Quartblatt,noch nicht so groß wie das Ergänzungsblatt der Köln.Volkszeitung, hat einen schönen, leserlichen Druck undweiß uns, unbeschadet ihres geringen Umfanges, allerhandInteressantes zu erzählen.
Den Anfang macht ein Bericht über einen in Ober-Oesterreich im August 1780 stattgefundenen Waldschwundmit Baumsturz. Von Oberösterreich führt uns die K. R.-O.-P.-A.-Z. direct nach Frankreich , was bei dem da-maligen Uebergcwicht des französischen Wesens nicht zumVerwundern ist. Es handelt sich aber nicht um Haupt-und Staats-Actionen, deren Zeit — neun Jahre vor demAusbruch der Ncvolirtion — noch nicht gekommen war,sondern um die Ankunft einer Kaufsahrteiflotte im Hafenvon Marseille . „Es läßt sich von selbst ermessen", sagtder Berichterstatter, „in welche Freude das Handlungs-wesen durch diese glückliche Ankunft versetzt wurde, um somehr, da die Schiffe theils zu Constantinopel, Smyrnaund Salonichi, theils in Syrien mit morgenländischenWaaren befrachtet worden." Folgen noch von Naelisund Brest Schiffs- und Truppen-Nachrichten; dann überParis , etwa ein Viertel der Zeitung einnehmend, ein Be-richt über Vorgänge aus der Revolutionszeit in Amerika .Von da geht's wieder zurück nach Deutschland , und zwarnach der Weser, von woher die Entsendung kurhannover-scher Truppen nach „Aengland" berichtet wird, und nachNegensburg, in dessen Nähe im Hause eines Taglöhncrswährend des Gottesdienstes eingebrochen und einer LasHaus bewachenden Frau der Kopf gespalten und zugleichFeuer angelegt wurde. „Dasselbe hat man zwar gelöschet,den Mörder hat man aber noch nicht entdecken können",was man bei uns, 116 Jahre später, bekanntlich auch nichtimmer fertig bringt.
Zur Erholung von dieser in elf Zeilen erzähltenSchauergeschichte kommt etwas Kurzweiliges, wobei mansich freilich müde lesen muß an all den langen Titula-turen; handelt es sich doch um einen Kurfürsten, dessenCoadjntor, und einen Freiherr« von Hoesch, „Seiner letzt-verstorbenen Kurfürstlichen Durchlaucht ehemaliger Oberst-hoskanzlcr und hernächst Sr. Kaiserlichen Majestät Carl VII. gewesener wirklicher geheimer Rath und Hofkanzler". DerHerr mit dem langen Titel hatte, als besondere Ehrungfür Kurfürst und Coadjntor, „ein musikalisches Hochamtunter Lösung verschiedener Böllerschüsse feierlich absingenlassen". „Die Vormittags zur Erwccknng mehrerer An-dacht gebrauchten musikalischen Instrumente dienten amNachmittag den Dorfschaften Strümp , Ossnn undBosig-horen zur Ermunterung einer ehrbaren, bis heute frühgeendigten Lustbarkeit, zu welcher des gedachten kaiserlichenRathes Exzellenz die in dergleichen Fällen für männ-und weibliche Geschlechter nothwendigen Sachen vollkom-men besorgt haben."
Dann kommt von Karl Theodor von der Pfalz die„gnädigste Bestätigung" eines Urtheils, erlassen gegeneinen wegen Betrugs, Fäschung, Unbotmäßigkeit usw.seiner Ehrenämter beraubten und entadelten Adeligen, dessen„Frau und wirklich habenden ehelichen Kinder gleichwohlen
davon nicht betiöffen werden. Düsseldorf , bett 25. October1780".
Man würde diese Verfügung als „amtlich" jetzt gc»wiß auf der ersten Seite einrücken, anstatt gerade vorden Inseraten. Es sind nämlich auch solche da, aber ver-schwindend wenig, im ganzen vier. Zuerst die Ankündig-ung, daß das Porträt Maximilians, Erzherzogs vonOesterreich , Coadjutors des Erzstiftes Köln, in derHaasischen Buchhandlung für 36 Stüber verkäuflich ist.Die drei folgenden Inserate sind Mittheilungen über kur-fürstlich kölnische Lotterie-Augelegenheitcn, und das istalles. Wie man sieht, sind wir den Leuten der vorigenJahrhunderts-Neige in betreff der Inserate jedenfalls„über". Das buntscheckige, vielgestaltige Ungethüm Neclamewar damals noch nicht erfunden. Besonders stark sinddarin die Localblätter, zur Erheiterung harmloser Leser.Vor zwei Jahren stand wochenlang in allen Kölner Blät-tern die Nachricht: Corona kommt! Corona ist noch nichteingetroffen! Corona wird nächste Woche kommen! Werwar Corona ? Eine Schauspielerin, eine Kunstreiterin, eineRicsendame? O nein, Corona war ein Corset, welchesdem Publicnm angekündigt werden sollte. Inzwischen hatteaber ein Pfifficus inserirt, sein Schnaps „Corona " seiangekommen und von unvergleichlicher Güte. Der empörteeigentliche Corona -Besitzer theilte nunmehr dem Publicnmden Sachverhalt mit und überließ es demselben, über dasVerfahren des andern sein Urtheil zu bilden. Das thates auch — es lachte. Den Nutzen von der Geschichtehatten aber die Blätter.
Ein glücklicher junger Papa hat die Geburt einesKnaben kurz und bündig mit den Worten: „Ein Jüngcl-chen!" angezeigt. Aus dem einen wurde aber eineMenge „Jüngelchen", denn ein Schalk hatte sich denbilligen Spaß gemacht, mehrere Tage hintereinander inverschiedenen Blättern das Jüngelchen, wenn auch ohneNennung des Vaternamens, zu inscriren. Am erstenTage stand es auf allen vier Seiten an hervorragenderStelle. Es waren gewiß viele harmlose Leser eben-so heiter darüber wie der junge Vater über dieAnkunft des „Jüngelchcns". Den Umschwung der Ver-hältnisse merkt man in dem erwähnten Zeituugsblatteganz besonders an dein gänzlichen Fehlen aller parla-mentarischen Nachrichten, Land- und Neichstags-Nedenusw. Woher hätten .die auch kommen sollen, da der-beschränkte Untcrthancuverstand noch nicht ein Mal er-funden war? Deshalb waren die damaligen Bericht-erstatter nicht im Stande, den kannegießernden Zeitungs-lescrn die collegialischcn Grobheiten der Reichsbotcn untersich und die olympischen Reden vom Ministcrtische zumMorgenkaffee oder Abendschoppen vorzulegen. Es mußteauch so gehen.
Auch an dem, was man Klatsch nennt, fehlt es indem alten Blättchcn ganz, was wohl hauptsächlich derCensur zuzuschreiben ist. Es werden weder Persönlich-keiten angegriffen, noch wird dem Urtheil über zukünftigeEntwickelungen und Ereignisse vorgegriffen.
Wie oft ein solches trügt, zeigt sich jedem, der sichdie Mühe geben will, alte Zeitungen durchznlesen. Ar-thur Milchhöfer erzählt in einem Reisebericht aus Griechen-land , da ihn die Zeitungen nicht täglich erreichen konnten,habe er sich dieselben in großen Packeten nachschickenlassen und dann immer wieder eingesehen, daß alles ge-wöhnlich anders kommt als man dachte — wie wir jaauch bei Kanzlerkrisen, Schul- und Umsturz-Vorlagen