Ausgabe 
(29.5.1896) 45
Seite
342
 
Einzelbild herunterladen

usw. erfahren habend Solche Ueberraschnirgen konnteman freilich den frühern ZsitungSlcsern nicht allzu oftbieten, und wir würden es auch verschmerzen, wenn sieseltener kämen.

Am Feuilleton scheint es den damaligen Zeitungenganz gefehlt zu haben. Man kann sich das jetzt kaumvorstellen. Manche Herren behaupten, sie Hütten keineZeit, daS Feuilleton zu lesen. Das mag ja zutreffen.Die Damen aber studiren es jedenfalls um so eifriger,und gerade deßhalb ist die Auswahl durchaus keine gleich-gültige Sache. Das tägliche Lesen einer unsittlichen,wenn auch fesselnd geschriebenen Erzählung wirkt geradein der Zeitung, wo man es, weil es weniger ist, auchmit größerer Aufmerksamkeit liest als in einem Buche,für junge und unreife Leute wie eine langsame Ver-giftung. Und wenn es auch reinen Frauen nicht schadet warum sollen sie ihre Seelen damit betrüben? Siekönnen ihre Zeit besser verwenden. Das sittenreine, an-muthig geschriebene Feuilleton dagegen hat ein freundlichesInteresse für die ganze Familie, besonders den jüngerenTheil derselben. Es läßt sich ja sonst selten einrichten,daß alle das Gleiche lesen. Bei den Zeitungen geht esaber, und dann ist nachher der Gedankenaustausch überdas Gelesene, die Muthmaßung über das, was morgenkommen mag, eben so anregend als den Geschmack bildend.

In einigen Familien hat man die löbliche Ge-pflogenheit, die Zcitnngsgeschichten zu verwahren undspäter einzuheften, und vieles ist auch werth, auf solcheWeise erhalten zu werden. Es kommt eben alles daraufan, daß die Zeitung gut, daß sie in religiöser und sitt-licher Beziehung einwandfrei ist. Darauf wird bei Aus-wahl der Hauszeitungen noch immer zu wenig geachtet.Und doch sollte man bedenken, daß für viele Menschendie Zeitung wie das tägliche Brod ist und es gewißdarauf ankommt, daß dasselbe rein und unverfälscht sei.Man hört so oft das Wort:Mir schadet das nicht."Das mag sein; aber wer weiß denn, ob es nicht andern,

besonders der heranwachsenden Familie, schadet? Man

läßt sich immer mehr oder weniger durch die täglicheZeitungslectüre beeinflussen. Auf den eigenen Doctorund die eigene Zeitung halten wir wie auf etwas, das

zu uns selbst gehört. Wer schlechte Zeitungen lesen

muß, thue das möglichst auswärts, halte zu Hause aber

gute, bewährte Blätter, woran es Gott Lob jetzt nicht

mehr fehlt, die aber noch immer nicht genug unterstütztwerden.

----*S>--

Der KasenderstreiL und srlue Folgen in Nngsburg.

( 1583 - 1591 .)

(Schluß.)

, Nachdem der Stadtvogt durch die unter das Gewehrgetretene Thorwache einige Alarmschüsse hatte abfeuernlassen, um das in der Nähe postirte Fähnlein herbeizu-rufen, wollte er über den Vorfall auf dem NathhauseMeldung erstatten, erlitt aber unterwegs, als er mitseinem Hauptmann Peter Gleim von Mellerstadt redete,durch einen aus einem Kaufmannshaus abgegebenenSchuß eine schwere Verwundung am Arm. Auch in derAnnastraße wurde trotz des Befehles, nur durch Luft-schüsse die Nebcllen zurückzutreiben, ein einziger Mensch(eine tolle und ganz lüderliche Person, die gegen alleErmahnung von ihrer Unsinnigkeit nicht ablassen wollte,durch Müller aber zu einem Heiligen erhoben wird")

durch eine Kugel tödtltch verletzt. Der Lärm und daSSchießen rief die Bürger in Waffen auf die Sammel-plätze, doch gingen sie ohne Ausschreitungen wieder nachHaus, da sie Gewißheit über die glückliche Rettung deSDr. Mylius, und daß die übrigen 13 Prediger nicht ge-fährdet seien, erlangt hatten. Bis zum Abend war derAufruhr gestillt, und während der Nacht kam mit Hülfeseiner Freunde Pastor Müller aus der Stadt. Er be-gab sich nach Mm, wo er eine gastliche Aufnahme fand?)Nach wenigen Tagen erreichte ihn dort die Trauerbot-schaft von dem plötzlich erfolgten Ableben seiner Frau;doch wagte er nicht, deßhalb nach Augsburg zurückzu-kehren angesichts des ihm zugefertigten Dekrets, worinihm der Rath eröffnete,daß er wegen Anstiftung deSUngehorsams gemeiner Bürgerschaft gegen die Obrigkeit,und weil nicht Willens von diesem Unwesen abzulassen,alsbald aus der Stadt zu weichen, seinen Pfennig an-derswo zu verzehren und des Zugangs und PraktizirenSunter und mit den Bürgern sich gänzlich zu enthaltenhabe. Sein Platz und Stell soll sogleich mit einem an-, deren Prediger der Augsburger Konfession wieder ersetzti werden."

Die überraschend schnelle und unfreiwillig erfolgtejBeurlaubung" des Superintendenten verfehlte nicht dieerwartete Wirkung, daß in dem Ministerium die Be-seitigung des verwirrenden Einflusses dieses Mannes alseine Erleichterung empfunden wurde. Es genügte jetzteine einzige Besprechung der Stadtpfleger mit den Prä-dikanten zur Gewinnung des Bodens einer Verständi-gung. Gerne bot der Rath die Hand zum Frieden, undindem er dem Predigtamte die gewünschte Erlaubniß er-theilte, noch einmal das Pfingstfest an dem Tage nachdem alten Kalender feiern zu dürfen, erklärte sich das-selbe bereit, fortan in der Kirche der neuen Zeitrechnungsich zu bedienen und die Gemeinde zu ermähnen,deneingeriffenen Unfrieden und alle Widerwärtigkeit zu ver-graben." Dem entsprechend wurde am Sonntag den 17.Juni 1584 stxlo novo und am nächsten Montag vonallen Kanzeln verlesen:dieweil leider große Zerrüttungund Unruhe, ja auch gar gefährliche Verbitterung zwischengemeiner Bürgerschaft eine Zeit lang gewesen und diesesschädliche Uebel aus Ungleichheit der Feier- und Werk-tage nach altem und neuem Kalender meistentheils ent-standen ist, so hat man sich der Nöm. Kais. Majestätund E. Rathe allhier zu Ehren und Gehorsam also ver-glichen, daß es in dieser ganzen Stadt mit Feiern undArbeiten forthin nicht nach dem alten, sondern nach demneuen Kalender durchaus gleichförmig soll gehaltenwerden." ^

Der leidige Kalenderstreit war nach hitzigem Kampfeauf beiden Seiten sonach beendet?)

Pflichtschuldig berichtete der Rath über den Vorgangam 4. Juni (25. Mai a. St.) nach Wien , worauf einskaiserliche Commission zur Untersuchung und Schlichtung

2) Nach einem Aufenthalt von 10 Minuten in Ulm beriefibn der Kurfürst von Sachsen nach Wittcnberg als Kanzler derAkademie und Propst der Schloßkirche, auch lelnte er als Pro-fessor an der Universität zu Jena und leitete 1592 die Kirchen-vlsitation im ganzen Kurfürstenthum; er starb 1607 in diesemDienst.

3) Der Gregorianische Kalender fand 1586 in Polen , 1587in Ungarn Eingang, wurde 1699 von den cvangel. StändendeS deutschen Reichs alsverbesserter" Kalender angenommenund 1752 in England, 1753 in Schweden eingeführt. Rußland,Griechenland und die Slaven griechischer Konfession rechnennoch nach dem Julianischen Kalender (a. St.).