Ausgabe 
(12.6.1896) 49
Seite
369
 
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äL 49.

Ireitag, den 18. Juni

1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des litterarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler ).

ZchicksaLsmege.

Erzählung von Clarisse Borges.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Niedergeschlagen und traurig kehrte Leo nach diesenerfolglosen Nachrichten nach Ebersheim zurück. Wassollte er Willy antworten, wenn er seine schönen, dunklenAugen auf ihn richtete?

Der Lehrer erwartete ihn an der Thürschwelle.

Keine Hoffnung?" kam es tonlos von seinenzuckenden Lippen, als er einen Blick in das verstörteAntlitz seines jungen Freundes warf.Dann helfe unsGott ! Mein armer Sohn wird die Nachricht kaum über-leben und die Mutter erliegt fast unter den quälendenGewissensbissen. Ist eS nicht entsetzlich, Leo, daß inwenigen Stunden so viel Unheil angerichtet werden konnte?Gestern früh war noch alles gut, als ich am Nach-mittag zurückkehrte, war das Unglück geschehen."

Wie geht's Willy?"

Er ist matt, sonst fühlt er sich recht wohl. DerArzt brachte heute noch einen Collegen mit, und beidesind der Meinung, daß das Ende nicht mehr fern sei;die gestrige Aufregung hat eS beschleunigt. Er wirdnicht mehr viel leiden, große Schwäche, Abnehmen derKräfte und dann Ruhet Seine Mutter klagtsich als seine Mörderin an; die arme, arme Frau, aberwir dürfen nicht mit ihr rechten. Vielleicht findet siespäter in dem Gedanken Trost, daß dieses Ende dochgekommen wäre, auch unter glücklicheren Verhältnissen."

Leo's Herz war zu schwer; er konnte kaum sprechen.

Willy ist glücklich gewesen", sagte er dann müh-sam.Er war stets ein munterer, fröhlicher Knabe trotzseiner Körperschwäche und allgemein beliebt! Seine Liebezu Fräulein Adair erhellte sein Leben, und eS wäre ihmein herber Schmerz gewesen zu glauben, ihr Herz gehöreeinem Anderen."

Aber wo ist sie?" seufzte der Lehrer.Leo, ichfühle, daß die Schuld der Mutter an unseren Kindernheimgesucht wird".

Leo schüttelte ernst sein Hanpt.

Ich muß jetzt zu Willy gehen", sagte er aus-weichend.Soll er noch nach einem wärmeren Klimagebracht werden, wie der Doctor gestern sagte?"

Nein. Der arme Junge könnte die Reise nichtmehr aushalten, wir behalten ihn bis zu seine« Endehier. Ihn zu Pflegen ist der armen Mutter ein Trost,

und es ist ihm eine Freude in dem Hause zu sein, woMartha Adair geweilt hat."

Der Patient lag auf dem Sopha. Im erstenAugenblick glaubte Leo, die Familie sähe allzu schwarzund der Kranke würde seine Schwäche noch einmal über-stehen, denn seine Augen leuchteten und seine Stimmeklang klar und deutlich, als er jetzt fragte:

Hast Du sie gefunden? ist sie mit Dir ge-kommen ?"

Ich that mein Bestes wirklich, ich forschte genaunach, aber bis jetzt habe ich ihre Spur noch nicht ge-funden. Doch bald werden wir von ihr hören; sie kanndoch nicht am hellen, lichten Tag verschwinden, und dannkommt sie hierher zurück."

Die Augen des Kranken suchten in der Seeledes Freundes zu lesen.Ist eS die Wahrheit? Ver-heimlichst Du mir auch nichts?" fragte er dann leise.

Auf mein Ehrenwort, es ist die volle Wahrheit."

Dann werde ich sie wiedersehen", flüsterte Willy,und ein glückliches Lächeln verklärte sein bleiches Antlitz.Ich werde sie wiedersehen, das fühle ich in meinemHerzen. Ich kann nicht eher ruhig sterben, bis ich weiß,daß sie nicht ohne Freunde und ohne Schutz in der Weltumherirrt, und bis über ihre Zukunft entschieden ist."

Auf dem Bahnsteig der letzten Station vor derResidenz ging ein ältlicher, stattlicher Herr auf und ab,um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Aechzend undstöhnend brauste der Zug näher, und als er im nächstenAugenblicke hielt, hörte er die ängstlichen Hülferufe einerjungen Dame, die sich vergeblich bemühte, die Thür ihrerWagenklasse zu öffnen.

Der Fremde Herr Commercieurath Ambacheilte schnell herbei, riß mit kräftigem Ruck die Thüreauf und sah einen blasirten, jungen Mann mit verlebtenGefichtSzügen, der gerade mit kühner Dreistigkeit seineHand auf die Schulter der erschrockenen Dame legte undspöttisch sagte:

So seien Sie doch ruhig, schönes Kind, dieser Zugfährt nach der Residenz, und wir können ruhig sitzenbleiben."

Wie ein Blitz schoß ein Gedanke durch die Seeledes alten Herrn, die junge Dame werde von dem Reise-gefährten belästigt und deshalb wolle sie auSsteigen,und er hatte auch in dem Reisenden den jungen Niedingerkannt.

Er winkte einem Schaffner, der deu lästigen Geselle«