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bald entfernte, dann nahm er selbst der jungen Damegegenüber Platz, obgleich seine Fahrkarte auf erste Classelautete.
„Ich fürchte, Sie wurden sehr belästigt", redete erseinen Schützling freundlich an, als sich der Zug in Be-wegung setzte. „Aber jetzt find Sie ganz sicher, wirsind bald am Ziel, dann kommen gewiß Ihre Freundeoder Verwandten und nehmen Sie in Empfang."
„Ich habe Niemanden auf der Welt", antwortetevaS junge Mädchen und fing bitterlich an zu weinen.
Er sah fie mitleidig an. Wo hatte er nur ein solchesGesicht, diese tiefen, seelcnvollen Augen schon gesehen?— Frau Marlitzü Ja! er hatte ein Bild von ihrgeerbt, sie als junges ISjähriges Mädchen darstellend,und es beuchte ihm, als trete sie aus dem Rahmen desBildes lebendig vor ihn.
„Vielleicht haben sie einen Beruf gewählt und sindauf dem Wege zur neuen Stellung", lenkte er deshalbein. „Haben Sie guten Muth, Sie werden sich auchin der Fremde bald heimisch, zufrieden und glücklichfühlen."
Das junge Mädchen konnte die Thränen nicht mehrzurückhalten.
„Ich bin Gouvernante, aber ich habe keine Stellungund weiß nicht, wohin ich mich wenden soll", schluchzte fie.„Heute wurde ich plötzlich entlassen — weil meine Mutterin früheren Jahren eine Schauspielerin war", fügte sieleise hinzu, denn diese Thatsache hielt fie selbst als denGrund ihrer Entlassung.
„Mein liebes Kind, weinen Sie nicht mehr. WenigeLeute haben heutzutage diese alten, beschränktenAnsichten",tröstete er.
„Frau Berghaupt wollte mir die Obhut ihrer Kindernicht mehr anvertrauen", schluchzte sie bitterlich, denn siemußte ihr gequältes Herz erleichtern, „und dadurch hatsie mir das ganze Leben getrübt, und ich bin noch sojung."
„Frau Berghaupt? Meinen Sie die Familie Berg-haupt in Ebersheim?" fragte der Commercienrath gespannt.
„Ja. Kennen Sie die Familie? Ich gehe nichtwieder dorthin zurück, selbst wenn fie eS wünschen."
„Ich kenne die ganze Familie. Der Lehrer ist dochein guter, rechtlich denkender Mann."
„Oh, er war gar nicht zu Hause!" Dann erzähltesie den ganzen traurigen Vorgang des Tages.
Der alte Herr mochte wohl tiefer blicken wie daserregte, weinende Mädchen, darum sagte er heiter:
„Das trifft sich ja ganz prächtig. Ich suche geradeeine Gesellschafterin für meine Schwester, und am liebstennähme ich Sie sofort mit mir. Meine Schwester istzwar alt und oft von der Gicht geplagt; es wird dahervielleicht kein angenehmer Aufenthalt für Sie sein. Aberkommen Sie mit mir und bleiben Sie bei uns, bis Sieeine bessere Stellung gefunden haben."
„Aber Sie kennen mich doch gar nicht."
„Ich weiß mehr, wie Sie ahnen. Sie waren sechsMonate bei Berghaupt's. Mademoiselle La Rochette hatSie erzogen, das genügt mir, denn ich weiß, daß ausihrer Anstalt nur nützliche Glieder der menschlichen Gesell-schaft hervorgehen."
Das alte Fräulein Ambach war über die neueHausbewohnerin überglücklich. Sie hatte Frau Berg-haupt vor ihrer Verheiratung gekannt und kannte derenheftigen, reizbaren Charakter.
„Es ist doch sonderbar", sagte sie zu dem Bruder,„wie sehr dieses Fräulein Adair der verstorbenen Angelavon Wildenihal gleicht, die ich so gut kannte, ehe sie ihrElternhaus verließ; aber vielleicht findest Du die Aehn-lichkeit gar nicht."
„Gewiß, eS fiel mir sofort auf. Ja, ja, wie sichdas Glücksrad im Leben dreht! Der alte Graf vonWildenthal lebt jetzt mit seiner Gattin in ganz beschei-denen Verhältnissen so glücklich wie noch nie in seinemLeben, und ich glaube, er denkt gar nicht mehr an das Erbeseiner Schwester. Ich kenne jetzt einen der drei Neffen,Ulrike, der jede Aussicht auf das reiche Vermögen ver-scherzt hat. Martin Nieding hat selbst seine Hoffnungenzerstört, denn der junge Taugenichts belästigte unserekleine Martha Adair, als ich fie zufällig auf derReise traf."
„Weiß er, daß Du ihn erkannt hast?"
„Das kann ich nicht sagen. Vielleicht leugnet er,jemals dritter Classe gefahren zu sein, aber das ändertmeinen Entschluß nicht."
„Ich wünschte, der 10. Mai wäre erst vorüber",seufzte die alte Dame. „Du wirst nicht eher ruhigerwerden, bis die Sorge um die Erbschaft von DeinemHerzen genommen ist."
„Meine liebe Schwester, wie ich es auch machenwerde, die Verwandten werden gewiß klagen, denn ichkann eS doch nicht allen recht machen. Meine größteSorge ist, daß ich Angela'S hauptsächlichen Wunsch nichterfüllen kann."
„Welches ist dieser Wunsch?" fragte die alte Dame.„Du kannst ihn mir schon jetzt sagen, denn in wenigenWochen weiß es die ganze Welt."
„Gewiß", gab der alte Herr zu, „eS ist auch wenigzu sagen. Angela wußte, daß früher oder später dasalte Stammschloß verkauft werden würde, und sie wünschte,daß ich es erwerben solle. Es war ferner ihr Wunsch,daß nach Ablauf des JahreS derjenige ihrer drei Neffendie Besitzung wiedererlangen soll, der am würdigsten sei,und die Hälfte des enormen Capitals solle dem Besitzerzur Aufrechterhaltung der Güter überwiesen werden.Leo von Wildenthal und Willy Berghaupt sollten umden Preis wetteifern — an Martin Nieding scheint dieEntschlafene gar nicht gedacht zu haben."
„Er hat selbst seine Aussichten zerstört", sagte Ulrike,„wir haben ja nie etwas Gutes von ihm gehört".
„Wir haben uns alle in dem jungen Nieding ge-täuscht. Aber er wird im Leben schon durchkommen;er ist Wtnkeladvocat, Geldverleiher und Wucherer."
„Nein, er hat keine Aussicht auf das Vermögen",gab die Schwester zu. „Aber Du hast mir noch nichtAlles gesagt, warum kannst Du den hauptsächlichstenWunsch der Verstorbenen nicht erfüllen?"
„Sie bat mich, eine Spur ihres verschollenen BruderKHans aufzufinden; seine Kinder sollen die andere Hälftedes Geldes haben."
„Hast Du in all diesen Monaten denn nichts ge-than? Gewiß hast Du Dich doch bemüht, eine Spurzu entdecken.
„Ich that, was ich konnte. Da ich zu alt bin,um selbst nach Amerika zu reisen, sandte ich einen ge-schickten Anwalt. Aber ich richtete nur wenig aus.Hans ist früh gestorben und hinterließ eine Wittwe undein Kind."
„Einen Knaben?"