Ausgabe 
(12.6.1896) 49
Seite
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Nein, ein Mädchen. Die Wittwe scheint wenigeFrennde in New-Mrk gehabt zu haben, aber vmn er-innerte sich ihrer. Sie sei nach dem Tode des Gattenmit dem Kinde plötzlich verschwunden. Nachforschungenin den Zeitungen blieben erfolglos. Das Kind mußjetzt herangewachsen sein, bedarf vielleicht das Geld noth-wendig, aber was soll ich thun, um es aufzufinden?"

Die Wittwe kann wieder geheirathet haben, undoas Kind trägt vielleicht den Namen des Stiefvaters",meinte die Schwester nachdenklich.

Der alte Herr sah ganz verblüfft drein.Ich glaubewirklich, daß Du Recht hast", rief er überrascht aus.Ihr Frauen findet doch immer das Richtige. ZumGlück ist der Agent noch drüben; anstatt dir Todten-register soll er jetzt die der Eheschließungen nachforschen.Gewiß hat sie wieder geheirathet, und ich dachte garnicht an diese Möglichkeit."

Schreibe sofort hin", mahnte die alte Dame.Esist doch noch schwer genug für Dich, zwischen Leo vonWildenthal und Willy Brrghaupt zu wählen."

Leo ist ein prächtiger Mensch, der seinen Pflege-eltern alle Ehre macht, und in seinem Berufe ist er ganztüchtig."

Dann muß er auch belohnt werden", meinteUlrike.

Aber der junge Arzt ist auch treu wie Gold. Esist doch nicht seine Schuld, daß er eine harte, grausameMutter har, die vor wenigen Wochen unsere liebe Marthaaus ihrem Hause verstieß. Der 10. Mai rückt immernäher, da will ich mir die beiden jungen Leute docheinmal kommen lassen."

Noch am selben Tage schrieb der Commercienrathzwei Briefe: für den Inspektor und den jungen Arzt.Beide waren sehr kurz. Der alte Herr bat um denBesuch beider Herren vor dem 10. Mai.

Mit umgehender Post bekam er von dem JnspcctorAntwort, doch diese überwältigte ihn dermaßen, baß erfast seine Fassung verlor. Er theilte ihm mit, Willysei sterbenskrank; er würde bis zum Mai kaum nochunter den Lebenden weilen.

Wir waren stets gute Freunde", schloß er seinenBrief,und in den letzten Monaten sind wir uns nochnäher getreten. Ich verlasse ihn kaum noch auf einigeStunden und bringe meine freie Zeit allein bei ihm zu.Daher lehne ich Ihre Einladung auf einige Tagedankend ab; wenn Sie mich aber auf ein paar Stundenhaben wollen, so komme ich gern. Bis Willy ausge-litten hat, trenne ich mich nicht gerne lange Zeitvon ihm."

Der Commercienrath telegraphirte:Kommen Siesofort." Dann erzählte er seiner Schwester und Marthaden Inhalt des Briefes.

Martha Adair war über diese traurige Nachrichttief erschüttert. Sie achtete den jungen Arzt wie einentreuen Freund und liebte ihn wie einen Bruder, aberein anderes Gefühl hatte sie nicht für ihn.

Herr Ambach empfing seinen jungen Gast zuerstallein in seinem Arbeitszimmer; er wollte ihn auf einWiedersehen mit Martha Adair vorbereiten, denn erzweifelte nicht daran, daß er in der Familie BergHauPLein gewisses Vorurtheil gegen sie hegte.

Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind",begann er,ich konnte nicht zu Ihnen kommen, dennmein hitziges Temperament wäre bei Frau Berghaupt's

Anblick übergebraust. Wie hart und herzlos muß siesein, ein schutzloses, armes Mädchen ohne allen Grundaus ihrem Hause zu verstoßen."

Leo prallte entsetzt zurück.Sprechen Sie vonFräulein Adair! haben Sie sie gesehen?" stammelte er.Oh! wenn Sie mir ihren Aufenthalt sagen, so erleichternSie die letzten Stunden eines Sterbenden."

Ob ich sie gesehen habe? natürlich, sie ist jaseit Wochen hier in meinem Hause, und ich kenne auchdie ganze Geschichte. Da ich aber auch Frau BerghauptsCharakter kenne, bedauerte ich das arme Mädchen. MeineSchwester hat Martha Adair lieb gewonnen, und sie sagt,sie habe ein Herz wie Gold."

Oh, Herr Commercienrath", rief Leo mit bebenderStimme,wenn Sie wüßten, welche Sorge das Schick-sal dieser Dame uns gemacht hat! Willy liebte sie; erwollte ihr Herz und Hand anbieten, da war sie plötzlichfort. Dieser Schlag wurde für ihn verhüngnißvoll.Der Gedanke an sein verlorenes Glück verläßt ihn keinenAugenblick, trotzdem seine Tage gezählt sind."

^Seine Mutter trägt allein die Schuld."

^Sie bereut ihre That bitter genug. Wir habenj keine Mühe gescheut, Martha aufzufinden, und Mademoiselle! La Röchelte hat uns geholfen. Da alle Bemühungenvergeblich waren, fürchteten wir, sie sei todt; nur Willywollte eS nicht glauben; er hofft zuversichtlich, sie vorseinem Ende wiederzusehen."

Das soll er; vorausgesetzt, daß seine Mutter meinen> Schützling nicht beleidigt. Wenn Martha mein eigenes! Kind wäre, könnte ich sie nicht inniger lieben, als wie' ich es jetzt thue."

Als nach wenigen Stunden Leo nach Ebersheimzurückkehrte, begleiteten ihn Herr Ambach und MarthaAdair. Der alte Herr wollte dem jungen Mädchen nichterlauben, eine Nacht im Hause des Lehrers zu verweilen,und nahm deshalb dem Jnspector das Versprechen ab,sie noch am selbigen Abend nach dem Gasthofe zu führen,in dem er Zimmer gemiethet hatte.

Martha war sehr schweigsam, aber ihr Herz warübervoll; auch Leo sprach nur wenig; er dachte an Willyund wie fest dieser an die Rückkehr seiner Geliebten ge-glaubt hatte. Als sie dem Hause nahe kamen, flüstertesie leise ihrem Begleiter zu:

Wird Frau Berghaupt auch nicht zürnen, daß ichkomme?"

Sie wird sehr dankbar fein; es war ihr einedrückende Last, ihrem Sohne die letzten Stunden getrübtzu haben."

Ist keine Hoffnung auf Besserung?"

Leo schüttelte sein Haupt.Nein, Fräulein Martha,er gehört zu den wenigen glücklichen Menschen, die derHimmel gnädig aller Erdennoth frühzeitig entrückt. TröstenSie sich in dem Gedanken, daß alle Noth und Sorgedieses dunkeln Erdenthales für ihn verschwunden sind."

Der Lehrer stand an der geöffneten Thür, denn Leohatte die Rückkehr mit Martha angekündigt. Mit väter-licher Herzlichkeit drückte er die Hand der jungen Dameund sagte in seiner schlichten Weise:

Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, FräuleinAdair."

Sie war in all' diesen Wochen bei Herrn Ambach",fiel ihm Leo iu's Wort.Wie geht's Willy, erwarteter uns?"

Er ist froh und heiter; seine Mutter hofft sogar