Ausgabe 
(16.6.1896) 50
Seite
373
 
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1896.

Augsburgrr PostMung".

Mustag, den 16 . Juni

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler ).

WHeingotö.

Novelle von Cary Groß.

(Nachdruck verboten.)

I.

Auf der Landstraße, die von Honnef nach Königs-wtnter, mitten durch das Eden des Rheinlands, führt,rollte ein Landauer dahin, so gut Staub und etwasmüde Miethpferde das schwer gebaute Vehikel rollenließen. Es war ein schöner Tag, sommerlich warm,aber nicht drückend heiß. Ein leichter Ostwind fegte denHimmel von Wolken rein und milderte die Gluth derMittagssonne, die den breiten Rheinstrom und dieKuppen des Siebengebirges beleuchtete.

Eine schöne FahrtI nicht wahr, liebes FräuleinHennig?" sagte die ältere von den zwei Damen, die inbesagtem Wagen saßen. Ihre Miene ließ dabei errathen,daß ihre Gedanken weniger vom Zauber der Gegenderfaßt, als von einem Verdruß, der sie beschäftigte.Wie schade, daß Ottilie Grube diesen Blick auf dieBerge nicht mitgenteßtl Nirgend präsentirt sich derDrachenfels imponirender als von dieser Seite. BeimWandern durch das Heisterbacher Thal und dasNachtigallenwäldchen erblickt man den Berg nicht so zuseinem Vortheil!"

O, Fräulein Ottilie Grube hat in der Steiermarkund auf ihren weiten Reisen in der Schweiz und Ober-italien Besseres geschaut! Unser Rheinland mit seinenMittelgebirgen kann einem so verwöhnten Auge schwerlichviel Eindruck machen", lautete die trockene Antwort derGefährtin, deren scharfe Züge zu ihrer Stimme paßten.

Nicht doch, liebe Hennig! Gestern erst sprachOttilie wahrhaft begeistert vom Siebengebirg , vom sagen-umkränzten Rhein und den goldenen Domen, die sichin ihm spiegeln! Ich hörte ihr mit Entzücken zu. Sieerinnerte mich an ihren Vater, den gelehrten ProfessorDr. "Grube, der so fließend und angenehm von seinenschönen Reisen erzählte. Mein seliger Mann hielt großeStücke auf diesen Studienfreund und bewunderte seineBegabung. Mein Wilhelm war eben so talentvoll!"

Frau Näthtn Nehwald versenkte sich mit einemSeufzer in das Andenken ihres Seligen, der vor etwazehn Jahren gestorben war und seine schwache und gut-müthige Gattin um so vereinsamter zurückließ, als ersie, die in ihrer Jugend sehr hübsch und anschmiegendgewesen war, sehr verwöhnt und umhegt hatte. AlsWittwe entbehrte sie sehr, nicht mehr Mittelpunkt des

interessanten Verkehrs zu sein, in dem ihr Gatte gelebthatte. Sie faßte es nicht, weßhalb ihr Reichthum und ihreGastfreundschaft nicht hinreichten, solche Menschen an sichzu fesseln wie einst ihr kluger und einflußreicher Mann,und bedauerte es um so lebhafter, als sie sich früherviel eingebildet hatte auf diedistinguirten Leute" ihresKreises, und in ihre Klagen um Wilhelms Verlust mischtesich stets das Bedauern über das Einst ihrer Umgebung.Ihre Gesellschafterin hatte aber heute nicht Lust, sichdamit und mit den Ansichten des unvergeßlichen Wilhelmlangweilen zu lassen. Sie zog es vor, eine kleineWunde, die sie in Frau Rehwalds leicht verletzbaremGemüth wahrnahm, noch etwas zu reizen und zu ver-größern.

Fräulein Ottilie Grube mag allerdings von ihresVaters Begabung profitirt haben, ist aber jedenfalls auchvon ihm benachtheiligt. Ich weine, er hat zu sehr insie hineingeschaut und ihr gestattet, alle ihre Launen zubefriedigen. Der Herr Professor hält sein Erztehungs-verfahren für genial und die Tochter für einen Ausbundvon Talent und Genie. Uns gewöhnlichen Menschen-kindern erscheint aber das Fräulein häufig seltsam, auf-fallend, wo nicht unangenehm und verletzend."

Unangenehm oder gar verletzend ist Ottilie Grubenie!" eiferte nun die Frau Räth in, für einige Minutenihre klagende, melancholische Sprechweise aufgebend.Ichkenne meinen lieben Gast schon länger als Sie; ich habeOttilie auf einer gemeinschaftlichen Reise an den LagoMaggiore und bei einem Besuch in ihres Vaters Hausbeobachtet. Ihr Frohmuth verwandelt sich bisweilen inUebermuth, das ist nicht zu leugnen. Die Eingebungenihres großmüthigen Herzens werden niemals beirrt durchhergebrachte Formen oder kleine Bedenken. Da sie längstschon ihre Mutter verloren hat, brachte ihr NiemandRücksichten auf die Ansichten der Welt bei. Aber sie istvoll Liebe und Aufmerksamkeit für ihre Umgebung, dassagt auch Miß Rtch, ihre Gesellschafterin, die Ottilieanbetet."

Miß Rich ist die albernste Engländerin, die mirnoch in diesem, an Engländerinnen überreichen Rhein-gebiet vorgekommen ist! Sie hat kein anderes Ver-ständniß, als für getrocknete Blumen, was sie Botaniknennt, und womit sie aller Welt lästig wird."

Nicht doch, Heimischen! Miß Rich ist wirklicheine gebildete Botanikerin und verwendet ihre Kenntnissezur Krankenpflege, für die sie viel Liebe und Geschick