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hat. Auch sind ihre Pflichttreue und Hingebung fürOttilie außer allem Zweifel. Mein seliger Wilhelm sagteaber stets, Pflichttreue und Hingebung genügten, um einFrauenleben zu einem verdienstlichen zu machen."
„Jawohl thut es das! Doch Herr Rath Rehwaldmeinte damit Frauen wie seine Gattin. Er hätte esaber gewiß nicht gebilligt, daß die alberne Miß Rtch,statt Ottilie an die Rücksicht zu mahnen, die sie ebendieser Frau, ihrer Gastfreundin, schuldet, zustimmte, alsdas Fräulein beim Nachtigallenwäldchen diesen Wagenverließ, der für theures Geld, ihr zu lieb, gemiethetward, um sie bequem auf den Drachenfels zu bringen.Das unbesonnene, junge Mädchen zieht vor, bei dieserHitze zu Fuß durch Flur und Wald zu wandern, undMiß Rich stimmte nur zu, weil sie unterwegs Blumenpflücken will, die sie doch schon hundertmal in ihremHerbarium haben muß. Natürlich werden Beidespäter als wir oben ankommen. Die „pflichttreue Miß"wußte aber gar wohl, welche Wünsche Sie, Frau Räthin,hegen, und hätte sich bedenken sollen, daß Leute auf denDrachenfels bestellt sind, die nun Gott weiß wie langedort warten müssen, bis Miß Rich ihre Oaltstu palustris,I^ostrus rssxsitinas oder sonstige Wiesenblümleingepflückt hat."
Die Worte der Hennig erregten den Verdruß derFrau Rehwald auf's Neue. Ihr kleiner Feldzugsplan,der nichts Geringeres bezweckte, als eine Heirath zustiften, war bedroht, und die Hennig hatte durchschaut,was die Gedanken der guten Räthin beschäftigte. Siehatte nämlich eine große Vorliebe für's Heirathstiften,und hatte sich Fräulein Ottilie Grube zum Objekt aus-ersehen. Die Sache war nicht leicht, da diese den heut-zutage unerhörten Vorsatz gefaßt hatte, um ihrer selbstwillen, das heißt nicht um ihres ansehnlichen Vermögenswillen, gefreit und geliebt zu werden. Frau Rehwaldmißbilligte diesen AuSspruch zwar nicht, denn Ottiliewar ungewöhnlich schön und begabt und durfte ihn er-heben. Sie selber schätzte nur reiche Mädchen undgönnte dieses Goldfischchen vor Allen ihrem Hausarzt,Dr. Lebert, der sich in ihre Gunst gestohlen hatte. Siefand ihn zartfühlend, wie Keinen, denn er zeigte sichgerührt, wenn sie ihm von ihrer Wittwentrauer erzählte,er verlängerte gern seine Visite, wofür sie ihn mit extra-feinem Cognac belohnte. Lud sie ihn wegen einesLeckerbissens zu einem feinen Souper ein, so küßte er ihrsogar die Hand und betheuerte ihr oft, daß der unvergeß-liche Wilhelm schwer aus dem Leben schied, nur weil ereine solche Gattin zurückließ.
Ein so gebildeter Mann war gewiß fähig, seineFrau zu lieben, sogar sie aus Liebe heirathen zu wollen.Er hatte es der Frau Räthin oft versichert. Sohinpaßte er für Fräulein Ottilie, und um diese nicht imvornhinein mißtrauisch zu machen, hatte die gute RäthinRehwald den Doctor auf den Drachenfels zu einer „zu-fälligen" Begegnung bestellt. An Zufall konnte mandort viel leichter glauben, als zu Haus in ihrer Villa,wo Ottilie nur für wenige Tage weilte. — Von einerPartie von Honnef sollten die Damen frühzeitig aufdem Drachenfels eintreffen, ehe noch allzu viele Menschensich einstellten. Die Sache war auf's Schönste einge-fädelt gewesen, und war nun durch Ottiliens Laune be-droht. Doctor Lebert war jedenfalls sehr früh hinauf-gekommen, denn Frau Räthin hatte ihm genau gesagt,was Ottilie werth sei.
Dem jungen Mädchen aber hatte sie nichts gesagt,nur schlau des Doctors Vorzüge gepriesen, von seinemZartgefühl angefangen, bis zu seinen wohlgepflegten,weißen Händen.
Bei der Rückfahrt vom Drachenfels wollte die Räthindem Doctor den vierten Platz in ihrem Wagen anbieten.Deßhalb sollte Fräulein Hennig in Königswinter zurück-bleiben, unter dem Vorgeben, bei den Ihrigen einen biszwei Tage verweilen zu wollen.
Der Räthin Rehwald lag aber die Sache nicht nuraus Freundschaft für Lebert am Herzen. Sie hoffte,wenn diese Heirath zu Stande käme, sich ihren Freundes-kreis nicht nur zu vergrößern, sondern wieder mitdistinguirten oder gar berühmten Männern zu versehen,wie zu Wilhelms Lebzeiten, und zugleich Ottiliens Vatereinen Gefallen zu thun. Professor Grube sah es nichtgern, daß Ottilie schon daS zweiundzwanzigste Jahrheran hatte kommen lassen, ohne einen ihrer Bewerberanzunehmen. Wohlgefällig hatte er deshalb die An-deutungen der Frau Rehwald angehört und gern dieTochter bei ihr in Bonn gelassen, während er eineReise nach Brüssel machte, von der aus er sich in Frank-furt bei einem Gelehrtencongreß etnfinden wollte. Dort-hin sollte ihm die Tochter nachkommen. Frau Räthinwünschte sehnlichst, daß bis dahin Doctor Lebert schonihr Herz gewonnen habe. Sie rechnete in Art desMilchmädchens, den Reichthum an Freundschaft nach. diesie gewinnen würde: außer der Dankbarkeit Lebertsdie Grube's, der, wenn die Tochter sich nach Bonn ver-heirathete, wohl auch Graz mit dieser seiner Jugend-heimath vertauschen würde, zumal auch Ottmar, sein ein-ziger Sohn, hier studirte. Mit dieser Phalanx „akademischGebildeter", die in ihrer eigenen Verwandtschaft dünngesäet waren, konnte sie sich wieder eines Verkehrs rühmen,wie es der Wittwe, Rath Rehwalds, ziemte.
Sogar die gefeiten Reihen der Untversttätsprofessorenwürden sich ihr zuwenden, ohne daß sie ferner der Ver-mittlung und Beihilfe ihres spottsüchtigen, arrogantenVetters bedürfte, des jungen a. o. Professors Dr. MaxHeermann, der erst vor Kurzem von einer schweizeri-schen Universität an den Rhein zurückgekehrt war.
Frau Räthin fühlte ordentlich, wie ihr flaches, abergutmüthiges Gesicht sich verfinsterte und ein ihrem Wesenfremder Zug sich darin festsetzte, als ihre Gedankendiesen Or. Max Heermann streiften. Von allen ihrbekannten jungen Männern mochte dieser dem altenGrube der willkommenste Schwiegersohn sein. Sie ver-muthete sogar, Grubes Bereitwilligkeit, ihr Ottilie einigeTage zu überlassen, entspränge der Hoffnung, daß diesebei ihr so den jungen Gelehrten kennen lernen, gegen-seitiges Wohlgefallen die jungen Leute zusammenführenwerde.
Wie Beide geartet waren, konnte diese Berechnungrichtig sein. Aber eben darum wünschte Frau Nehwald,daß ihr Günstling Lebert dem Heermann zuvorkommenmöge, den sie haßte, soweit ihre gutmüthige Natur eszuließ. Sie hatte sich absichtlich in stetige Abneigunggegen den sonst allgemein beliebten, heiteren Mannhineingearbeitet. Ehemals hätte sie ihn lieben mögen.Das war, als sie ihn für Traudchen, ihre jüngste, nichthübsche und nicht liebenswürdige Schwester ausersehenhatte und mit ihr eine Heirath zu stiften hoffte, unddiese war damals nicht wenig in den flotten Studentenverliebt gewesen. Aber er hatte nur zu deutlich ge-