„Augsburgrr PostMung".
^ 51 . Ireitag, den 19. Juni 1896 .
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler ).
WHeingokö.
Novelle von Cary Groß.
(Fortsetzung.)
II.
Am untern Saum des Nachtigallenwäldchens, fernabvom Staub der Landstraße und außer Bereich vonFräulein Hennigs hämischen Blicken und spitzen Reden,saß zur selben Zeit ein junges Mädchen unter demSchaitendach einer Eiche, an deren Stamm sich diemittelgroße, schlanke Gestalt in behaglicher Ruhe lehnte.— Aromatischer Duft stieg aus dem frisch gemähtenAnger empor, der vom Wäldchen zu den noch vonzartem Sommergrün umsponnenen Weingeländen sich hinab-senkte. In das Gezirp der Grillen tönten hie und dadie kräftigeren Noten der Grasmücken und Drosseln.Die Silberfluth des Rheins blinkte durch das Weiden-gebüsch am fernen Rand des Stromes, der wie einfunkelndes Geschmeide das keck sich aufthürmende Ro-landseck am jenseitigen Ufer umkränzte; das lieblicheBild spiegelte sich in den großen Augen der einsamenBeschauerin und senkte Frieden und Sonnenglanz tiefhinein in ein empfängliches Herz, von wo sie wieder dasganze Wesen des holden Mädchens durchstrahlten. Freudeund Entzücken leuchtete aus jedem Zuge des leichtge-bräunten GesichtchenS, daS in seiner Zartheit und Regel-mäßigkeit ein Wunderwerk der Natur war. Sie schieneS mit besonderer Sorgfalt geformt zu haben, damit eseinem lebhaften Geist und tiefen Empfindungen zumleichten Ausdruck diene und die Schönheit der Form sich zueiner äußerst seelenvollen und anziehenden gestalte. OttilieGrube war es, die hier daS Glück einsamen Wandernsgenoß. Wenn ihre Augen so wie jetzt entzückt an derSchönheit der Gegend sich weideten, erschienen sie unterdem Schatten der langen Wimpern ticfdunkel, und sieglich, trotz des Goldhaars mit dem metallischen Schimmer,einem Kinde des Südens, das pathetisches Fühlen inMiene und Geberde offenbart. Aber dieselben Augenkonnten in kindlicher Fröhlichkeit strahlen und wie Sterneim hellen Lichte funkeln; dann verbreiteten sie Lust undFreude, die in Ottilie sich gar oft zu Schelmerei undzu Uebermuth steigerten. Ihr vom Vater ererbtes rheini-sches Naturell erhielt alsdann die Oberhand über dentiefern Grund ihres Wesens, einen Zug zur Schwärmerei,den ihr Vater ihr „Mutterbe" nannte. Ihm entstammteihre Vorliebe für Kunst und Musik, sowie ihr Verlangen
nach edler Liebe und ihr Vorsatz, keinem Freier Gehörzu schenken, der sie nicht um ihrer selbst willen liebte,sie nicht suchen würde, wenn sie keine Erbin wäre. Daßsothaner Vorsatz schwer auszuführen sei und man dabeigetäuscht werden könne, wußte Ottilie; aberdiese Einsicht vermochte die Romantik ihrer Gesinnungnicht abzuschwächen, zumal ihr Herz noch für Niemandgesprochen hatte. Ihr Vater, der sein Kind gar wohlverstand und sich gewöhnt hatte, ihr in Allem Freiheitzu lassen, waS ihrer Natur entsprach, begann schon zufürchten, ihre Grille könne nachtheilig auf ihren Lebens-gang wirken. Er verlachte ihre Furcht, aus Berechnunggefreit zu werden, weil er besser wie sie einsah, in welche«Grad anziehend seine Tochter war. Gerade die Doppel-natur in Ottilie, die sich nicht sowohl in Contrasten,als im harmonischen Zusammenklingen verschiedener An-lagen äußerte, gab ihrer Schönheit den höchsten Zauber,und des Vaters Sorge bestand weniger darin, daß seinKind echte Liebe erregen könne denn dieß erschien ihmselbstverständlich — eher war er besorgt, sie werde ausLaune den rechten Mann von sich weisen, der ihrreiches Herz und ihren eigenthümlichen Charakter zu ver-stehen und zu leiten wisse.
Ottiliens Träumerei unter der Eiche wurde unter-brochen durch eine sanfte Stimme, die ganz in ihrerNähe aus dem Buschwerk hervortönte.
„Währt es Ihnen zu lange, Liebling, wenn ich amWaldsaume die Tausendguldenkräutlein sammle, die inHülle und Fülle hier wachsen. Schwester Clementinemöchte damit ihren Arzneivorrath mehren. Nehmen Sieeinstweilen, was ich für Sie gepflückt habe."
Mit einem Sträußchen Waldesbceren und einerRanke rother Heckenröschen trat nun eine kleine, runde Damemittleren Alters zu der jungen Schönen heran.
„O, wie schönt Besten Dank gute Mißil" sagtediese, sich der gebotenen Gaben bemächtigend. „ThunSie ganz nach Ihrem Belieben. ES ist noch früh; icheile gar nicht von dem köstlichen Punkte hinweg. SehenSie nur, wie herrlich von hier aus Strom, Insel undBergwclt erscheinen." Sie legte den Arm zärtlich umder Engländerin Schulter und bewog sie, sich dem Land-schastSbild zuzuwenden.
„Ja — herrlich!" sagte Miß Nich, nach einemzerstreuten Blick in die Ferne. „Aber allzu viel Zeitdürfen wir doch nicht verlieren. Ich pflücke meine Kräuterim Anfwärtsgchen und kann an der Waldecke oben zu