Ausgabe 
(19.6.1896) 51
Seite
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Ottilie bekannt vor. Aufmerksam lauschend, harrte sieder Nachkommenden. Bald verstand sie jedes Wort.

Der Mann ergoß sich in Klagen über sein bitteresLoos, über seine Verlassenheit und die Undankbarkeit deseinzigen Kindes, das ihn an der Schwelle des Altersund der Armuth vor den Menschen verleugne, sich seinerschäme, ihn gering schätze, weil er der Welt und ihrerLust dienen müsse. Doch habe er in diesem Beruf sichnicht entehrt, ihn auch nicht selbst gewühlt; die Musehabe ihn ihm gegeben, aber die Götter seien grausam,verließen schnöde ihre Lieblinge. Dazwischen sagte erwieder in milderem Ton, er zweifle ja nicht am Herzender Tochter, die er gleich einer vornehmen Dame mitsauren Ersparnissen erzogen habe, weil er selbst sie, wennnicht einem besseren, doch wenigstens einem sichererenBeruf bestimmt habe als der seine; allerdings meine ernicht den Schleier, den sie nur deshalb nehmen wolle,um zwischen sich und der Welt, in der ihr Vater lebe,eine Scheidewand herzustellen. Trotz dieser Einsicht wolleer an ihre kindliche Ergebenheit glauben, wenn sie nurheute, nur dies einemal sich nicht geweigert hätte, ihn inseinem Wirken zu unterstützen, heute, da sicher viele Gästeauf den Drachenfels kommen, seine Stimme hören undvon ihrem Urtheil sein Engagement alsRheinsänger"für den Sommer abhängig sein werde. Ein solcher seiauf dem Drachenfels beliebter noch, als auf andernBurgen. Gerade heute sei er seiner Stimme nicht sicherohne Begleitung, und heute, wo er den leichten Dienstvom einzigen Kinde verlange, weigere es sich und schütze dieVerwundung des Handgelenks vor, als ob sie die hindere,wenige Accorde auf der Guitarre zu spielen. DieseHülfe würde hinreichen, seine gebrochene Kraft zu heben,ihn befähigen zu seinem Wirken , das allerdings seinesTalentes nicht würdig sei, aber doch ihn davor schütze,als Bettler durch die Welt zu gehen. Wahrlich, derBlinde drüben am Aufgange zum Felsen sei besser daranwie er; denn der habe noch eine Mignon, während erverlassen sei von der seinen. Die Thränen seines KindeS,deklamirte der Mann weiter, entstammten der Scheu sichöffentlich zeigen, an des Vaters Seite stehen zu sollen,der doch schützend die Arme vor sie breiten werde; siebeweine nicht ihr beiderseitiges Unglück. Nach jederderartigen Tirade hörte Ottilie immer dieselben demüthigenBitten der Begleiterin deS Sprechenden, er möge ihrverzeihen, sie denke nicht daran, sich seiner, des treuestenVaters, zu schämen, nur Scheu vor der Welt und Un-fähigkeit, die geschwollene Hand zu brauchen, bestimmtenihre Wünsche, ihn nicht auf den Drachenfels zu begleiten.Ihre Thränen seien Zeugen, wie leid es ihr thue, demVater nicht dienen zu können. In der That war dasGesicht des jungen Mädchens, das nun an der Wendungdes Weges sich Ottilien zeigte, von Weinen geröthet. Derin der Schlinge getragene Arm und die zitternde Stimmesprachen noch deutlicher von der traurigen Lage desjungen Geschöpfes, dem sofort Ottiliens Theilnahme sichzuwandte. Sie bemerkte, wie dürftig, aber in Schnittund Farbe bescheiden und anständig, das Gewand war,das die schmächtige Gestalt umschloß. Sie sah in demblaffen Gestchtchen neben den Thränenspuren auch denkindlichen, rührenden Ausdruck der Hülflosigkeit, einesympathische, noch nicht völlig entwickelte Schönheit.Nur das Hütchen, von Rosen und Flittergold überreichbedeckt, paßte nicht zu dem Eindruck, den das Kindmachte. Ohne diesen Kopfputz und die an buntem Band

getragene Guitarre Hütte die Kleine «ehr einer Kloster-schülerin, als einer fahrenden Sängerin geglichen. Müh-sam Athem holend blieb das Mädchen stehen und be-mühte sich, mit der freien Hand die reichlich fließendenThränen zu trocknen. So bemerkte es Ottilie nicht, diedem Zug ihres mitleidigen Herzens folgte, u. ihr näher trat.Aber des Mädchens Vater bemerkte sie sofort, als aucher nun um die Ecke des Weges bog. Er unterbrachseine Klageergüsse. Sein Schönheit liebendes Künstlerangehaftete an der Erscheinung voll seltener Grazie, die imlichten Gewand, mit den wallenden Locken, von denensie den Hut abgenommen hatte, mitten im beschattetenWaldweg stand. Sonnenstrahlen drangen durchs Laub-dach und zauberten Goldreflexe auf das wellige Haarund vermehrten den eigenartigen Liebreiz der jugend-lichen Erscheinung.

Loreley oder Dryade?" rief der greife Sängerim Ton einer TheaterrolleWaldfee oder Muse?Wer naht sich uns Armen hier im düstern Hain, aufdem Danaerveg der Unglücklichen? Ist es unszum Fluch oder zum Segen, wenn Göttliche nahen?"

Zum Segen, wenn Sie mich damit meinen, HerrWerner Goldmuud", lautete die heitere Antwort,mich,Ottilie Grube, ein sterbliches Mädchen, dem Sie einstUnterricht ertheilt haben in unsterblichen Weisen. Er-innern Sie sich meiner nicht mehr?"

Ottilie hatte den Mann trotz seines verändertenAeußern, einen alten Mustklehrer, wieder erkannt, an denStimme und Redeweise sie sofort gemahnt hatten.Vor wenigen Jahren noch ein berühmter Sänger undMusiker, hatte er, als sein Tenor anfing nicht mehr fürgroße Bühnen auszureichen, in der Hauptstadt Steier-marks Unterricht im Singen ertheilt; Ottilie gehörte zuseinen bevorzugten Schülerinnen. Sie hatte den Manntrotz seiner Wunderlichkeiten, die zum Theil auf Größen-wahn beruhten, schätzen gelernt. Sie hatte damalsschon erfahren, wie zärtlich besorgt er für seine Familiewar. Die Tochter ließ er zu Paris in eine« vor-nehmen Pensionat erziehen, und scheute keine Gcldapferfür diesen Zweck, sowie für die Pflege seiner siechenFrau, die in einem südfranzösischen Badeort weilte, undbis zu ihrem Tode ihrem Gatten große Kosten verur-sachte, der überdies leichter erwerben als verwaltenkonnte und große Verluste an seinem Vermögen erlittenhatte, so daß er gezwungen war, sein Können mühseligzu verwerthen. Bald nachher war Goldmund aus derKünstlerwelt verschwunden; seit nahezu drei Jahren hatteOttilie nichts mehr von ihm gehört, ihm aber ein gutesund dankbares Andenken bewahrt, das stets lebendigwurde, wenn sie die von ihm erlernten Lieder sang.

Als Goldmund unerwartet vor die einstige Schülerintrat, trug er einen langen, weißen Bart, wie er ihnfür die Erscheinung eines Burg- und Nhetnsängers ge-eignet hielt. Lange, graue Locken 'deckte ein breiterSchlapphut. Ein braunes Gewand von vergriffenemSammt umschloß die noch immer stattliche, nur weniggebeugte Gestalt. Das theatralische Auftreten gehörtezu seinem innersten Wesen, aber ebenso der Ausdruckeines rechtschaffenen und anständigen Mannes, dessenGepräge unverkennbar in seinen Zügen zu lesen war.

Ottilie, die ihn als solchen genügsam kannte, über-ließ sich unbedenklich der freudigen Stimmung, mit derdie Begegnung sie erfüllte.

«Ich hoffe Sie freuen sich doch auch, mich hier -t»