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sehen", rief sie dem noch immer Staunenden zu. „Einstnannten Sie mich Sappho und sich Anakreon ; wissenSie es nicht mehr, daß Sie sich unbedenklich zu derlesbischen Dichterin Lehrer stempelten? Glauben Sienicht, es sei ein guter Stern, der uns hier zusammen-führt?"
„Meine Sterne sind längst untergegangen", riefGoldmund, entzückt Ottilie betrachtend, „aber eine Sonnegeht mir hier auf, eine Sonne, der ich geblendet insAuge sehe. Ja, Sappho , das sind Siel Wie eineSappho sehen Sie aus, ihr gleichen Sie weit mehr noch,als einer Mignon, Loreley oder Waldfee. Strahlenvon allen Huldgestalten spielen um Ihre Stirne. Gewißfind Sie auch eine geweihte Sängerin geblieben! O,daß meine Feltcitas — Jnfelicitas sollte sie heißen, —mein Töchterlein hier, mein einziges Kind, Ihre Mittelhätte, Ihr Talent, Ihre Stimme! — Aber was hülfees? Sie würde dennoch den alten Vater verlassen wollen!Im kühlen Schatten des Heiligthums ruht die Vestalin,sicher vor Stürmen, die dem greisen Sänger die Lockenzerzausen!*
„Lassen Sie die Vorwürfe ruhen, Meister!" batOttilie und zog das bebende Mädchen zu sich heran.„Ihr Kind scheint krank zu sein und zu leiden, wie ichaus Ihrem Gespräche soeben vernahm. Sie sieht nichtaus, als wolle sie den Vater kränken. Erzählen Siemir lieber, was ihr widerfahren ist."
„Ein Geschick, ein Mißgeschick! Das ist es ja, weß-halb ich sie Jnfelicitas nenne, meine arme, kleine Licie,die wirklich ein gutes, nur zu schüchternes Kind ist. Siehatte, trotz ihrer Schüchternheit, endlich doch eingewilligt,mich nicht mehr zu verlassen. Jetzt, da ich die Pensionnicht mehr bezahlen kann, war ihr Bleiben im Klosterohnehin zu Ende. Sängerin kann sie nicht werden; ihreStimme reicht dazu nicht aus; aber sie soll meine un-sicher werdende Stimme unterstützen mit der Guitarre.Heute liegt mir besonders viel daran. Von meinemDebüt auf dem Drachenfels hängt meine arme Zukunftab. Licie kommt auch geduldig mit mir, schmückt sich sogarnach meinem Wunsch mit den Symbolen der Jugendund Poesie, den Nosen und dem Gold. Beim Anssteigenaus dem Kahn, der uns über den Rhein trug, gleitetsie aus, fällt, stützt sich dabei auf die Hand und hat sieverrenkt, verdehnt, oder gar gebrochen. Am Hafenplatzwar ein Arzt, der ihr sofort einen Gypsverband oderDerartiges machte. Vielleicht wäre kaltes Wasser bessergewesen oder kühlende Blätter des Epheu, der denSängern hold ist. Ich hoffte noch. Sie hoffte. Aberes war Wahnsinn; die Schmerzen ließen zwar nach, aber^ie Geschwulst sinkt nicht ein."
Längst hatte Ottilie FelicieS freien Arm in denihren gezogen und stützte des Mägdleins Schritte, währendsie den Weg fortsetzten und Vater Goldmund die traurigeGeschichte erzählte. Das ging lange her, denn der Sängersiel dabei in alle Rollen, die er je gespielt hatte, unddeclamirte sie mit Pathos. Aber Ottilie kannte ihnund hörte aus dem Wortschwall doch seinen aufrichtigenSchmerz heraus. Felicie dagegen wurde von ihrem mit-leidigen Herzen auch ohne Worte verstanden, so daß sielebhaft mit dem geängstigten scheuen Vögelchen fühlte,dem es vor dem Flug in die Welt bangte, in die esdem Vater folgen sollte.
Verwundert sah Miß Nich, die an den TannenOttiliens harrte, die drei herankommen. Sie mußte sich
für den Rest des Weges anschließen und sich mit denAufklärungen begnügen, die ihr Werner Goldmund ineinem zwar fließenden, aber nichts weniger als land-läufigen Englisch ertheilte. Er ließ sich die Gelegenheitnicht entgehen, zu zeigen, daß er die Sprache Shake-speares und Shelleys beherrschte, er, der in dem Paradiesund Peri die Worte im Urtext gesungen hatte!
Goldmunds Name war der Miß nicht unbekannt,obgleich sie erst zu Ottilie gekommen war, als er Graz schon verlassen hatte. Sie hörte andächtig auf seineDeklamationen, war aber doch etwas beurnhigt durchdie wachsende Vertraulichkeit zwischen den voraus-schreitenden Mädchen. Wie würde sie sich und Ottilievon diesen auffallenden Begleitern wieder los machenkönnen? Sie wünschte nicht mit ihnen von Frau Reh-wald oder gar von Fräulein Hennig gesehen zu werden.Welcher Kritik würde Ottilie sich aussetzen! Und siehe,dort oben, wo die Fahrstraße vom Oelberg herübermündete, hielt ein Landauer! Die gute Frau Rehwaldhatte den weiten Umweg gemacht, um hier ihre treulosenGäste zu erwarten.
Wie beschämend war solche Güte für Ottilie odervielmehr für die, der man sicherlich Mitschuld gab, daßOttilie die Fußpartie unternommen hatte. Als ob irgendJemand von Ottiliens Angehörigen je den Versuch ge-macht hätte, des verwöhnten Lieblings Wünsche zu kreuzen!Hielten doch Alle die Meinung fest, daß Ottilie nie etwaswolle, was nicht gut sei. Im Grund hatten sie Recht;dennoch war Miß Rich in Verlegenheit und überlegteängstlich, waS sie zu Ottiliens Entschuldigung der FrauNäthin sagen könnte, deren Wagen die Vier nun schonauf hundert Schritte nahe gekommen waren.
Auch Ottilie hatte die ihrer harrende Näthin be-merkt. Sie blieb jetzt stehen und wandte sich zu MißNich und Goldmund lebhaft um.
„Mißt", rief sie, „Mißt, Liebe! Hören Sie mich!Es ist mir ein herrlicher Einfall gekommen! Sie müssenmir dabei behülflich sein. Erschrecken Sie nicht, eS istetwas Gutes und dabei köstlich unterhaltend. Sie habennichts zu thun, als der Frau Nehwald meinen Planmitzutheilen u. ihn, soweit eS nöthig ist, zu vertheidigen.„Hören Sie also: Ich werde an FelicieS Stellemeines alten Meisters Lieder auf der Guitarre begleiten,indeß Felicie meinen Platz am Kaffeetisch einnimmt undHerren und Damen liebenswürdig anlächelt, die sich dabeieinstellen. Sie stellen sie etwaigen Bekannten als meineFreundin vor; Fremde sollen sie aber für mich selberhalten, denn ich will natürlich unerkannt bleiben und, solange ich mein Amt ausfülle, für Herrn GoldmundsTochter gelten. Sie selber dürfen mich nicht wiederkennen, noch anreden, bis wir uns diesen Abend in VillaNehwald wieder finden!"
„Sie wollten so etwas Unerhörtes thun? Unmög-lich!" riefen Goldmund und Miß Nich wie aus einemMunde, aber mit wesentlich verschiedenem Ausdruck undGefühlen.
„Warum unmöglich?" fragte Ottilie, und aus dendunklen Augen blitzte der helle Strahl des lustigen,trotzigen Uebermuths, den Mißt nur zu gut kannte, vordem jeder Einwand vergeblich war.
„Halten Sie mich etwa für unfähig, bester Meister,Ihnen unsere lieben alten Rheinlieder würdig zu begleiten?"fragte Ottilie schelmisch Goldmund. „Nicht? Nun gut.dann gibt es kein „unmöglich" mehr bet der Sache.