Frau Rehwald wird sich nicht weigern, meiner netten,jungen Freundin hier so lieb und freundlich zu begegnenwie mir selbst und mir zu lieb wein unschuldiges Ge-heimniß zu wahren. Es kennt mich auf dem Drachen-fels , außer ihr, keine Menschenseele. Herr Goldmundwird schon mir zu Ehren so gut singen, daß er gewißdie Stelle erhält. Dafür gewährt er mir die Bitte,morgen seiner Felicie zu erlauben, daß sie ihr armesHändchen und Herzchen bei den Nonnen in Nonnenwerth pflege, wo man ihr wohl will und wohin ich sie vonFrau Nehwald aus begleiten werdet Aber nun schnellzur Arbeit. Zuerst eilen wir zu dem Wagen, um michbei Frau Nehwald für heute zu verabschieden."
„Aber um Gotteswillen, Ottilie äsar!" rief MißRich in Heller Verzweiflung, das junge Mädchen am Rockfassend, „das ist ja Alles Tollheit, ist gar nicht aus-führbar! Hören Sie nur ein vernünftiges, leises Wort:Bedenken Sie doch, Frau Rehwald erwartet Leute, diegetäuscht würden. Welche Verlegenheit! Dr. Lebert z. B.wünscht, Sie kennenzu lernen; Frau Nehwald versprach —"
„Ach, that sie das?" kam es von den Lippen derwiderstrebend Horchenden, und ihre Augen erschienenwieder dunkel, während sie den Kopf trotzig zurück-warf. „Nun, um so schlimmer für sie und ihn;Ei so besser für mich, daß mir der Einfall zu diesemTausch gekommen ist. Jetzt erst gefällt er mir auch ummeiner selbst willen. Zuerst dachte ich gar nicht andiese Seite des Abenteuers. Mag doch der feine Herrsein Urtheil und seine Gefühle erproben. Wahrlich, eSmuß mein Jncognito von Jedem heilig gehalten werden,der mich lieb hat, hören Sie, Mißi? Auf Sie rechneich, denn ich kenne ja Ihr Herz und Ihre Freundschaft."
Ehe die ungleiche Gesellschaft den Wagen erreichte,hatte sich Ottilie der Fügsamkeit ihrer Gesellschafterinversichert.
„Bestes Tantchen Nehwald", begann sie, sie um-schmeichelnd. „Seien Sie recht lieb und nett mit diesermeiner Freundin. Miß Rich wird Ihnen sogleich oderspäter erklären, weßhalb ich diese Bitte an Sie richte,und noch die weitere dazu fügen, mein Geheimniß gegenNiemand zu verrathen. Erst heute Abend sollen Siemich wieder kennen, und ich werde Ihnen herzlich danken.Lassen Sie meine kleine Freundin inzwischen Ottilie sein.Ich selber heiße so lange Licie."
Frau Nehwald begriff nicht im mindesten, was sieMit dem jungen Mädchen anfangen sollte, dessen Guitarrenun in Herrn Goldmunds Arm wanderte. Sie machtezögernd Platz im Wagen, lächelte süßsauer, innerlich Gottdankend, daß Gleichen Hennig in Königswinter weilteund ihre Schwäche nicht mit Augen sehen konnte. Erstals Ottilie der Fremden und Miß Ntch nicht in denWagen folgte, dämmerte ihr ein Licht auf, daß etwasUngeheuerliches vorgehe. Zur Salzsäule erstarrt sahsie noch, daß Ottilie ihr elegantes weißes Kaschmir -mäntelchen über den verbundenen Arm des jungenMädchens hing und statt des rosengeschmückten Hütchensihren eigenen breitkrämpigen Strohhnt mit der prächtigenblauen Feder auf die reichen blonden Flechten derFremden drückte.
„So — jetzt fahrt zu! Tantchen, blicken Sie janicht mehr nach mir sich um bis diesen Abend, bitte,o bitte!"
Noch ein Handkuß, und zurück vom Wagen sprangOttilie, das Rosenhütchen am Arm, das zu ihrer licht-
blauen Blouse mit den rosa Schleifen und dem weißenRock wenigstens der Farbe nach paßte.
Der Wagen rollte davon, und es blieb den aufge-regten Insassen der Anblick erspart, wie Ottilie dieGuitarre aus des Sängers Hand nahm, sie sich umhängteund dann wohlgemuth ihrem Begleiter den steilen Fels-pfad hinan zu der Burg folgte, als wäre sie von jeherzu der Rolle seiner gehorsamen Tochter erzogen worden.
(Fortsetzung folgt.)
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In der Portierloge.
Humoristische Skizze von Gustav A. Müller.
Nachdruck vttbote».
Wenn man eine Umfrage versuchen würde im Kreiseseiner Freunde, um deren Meinung zu hören darüber,welche Berufsmenschen die gewiegtesten Menschenkennerseien, käme man wohl zu einem ergötzlichen Resultate.Der Briefträger, der Geldbote, der Dicnstmann, diePolizei, der Kammerdiener, die Köchin; der Beichtvater,der Lehrer, der Schauspieler, — alle diese „Berufsarten"würden wohl in der Sammelliste figuriren. Ich, lieberLeser, stimme für den Portier und den Oberkellner einesgroßen Hotels, seitdem ich einen Tag in der Portierlogeeines Münchener Gasthvfs mit psychologischer Forschungverbracht habe. So zwei Leute verfügen über eineMenschenkenntniß, die den feinsten Psychologen frappirenmüßte; sie sind so erfahren in der Beurtheilung derFremden, daß sie vor jeder Gaunerei, vor jeder Even-tualität sich, soweit das Interesse des Geschäfts dies zu-läßt, von vornherein zu schützen wissen; und es gibtPortiers und Oberkellner, die respectvoll vor Demjenigenden Hut ziehen würden, der im Stande wäre, sie „herein-zulegen". Das macht die Wanderschaft durch die Welt,die fortwährende Berührung mit den verschiedenstgearteteuMenschen und buntesten Verhältnissen und meist ein —angeborenes Talent.
Die beste Schule zur intimeren Kenntniß der mensch-lichen Tugenden und Thorheiten ist die Portierloge.Ich will dies beweisen, indem ich einen Tageslauf ausderselben erzähle, von dem jeder Strich erlebt ist, wenn-gleich er sich vielleicht anders darstellt, als wie er er-lebt ward.
Es ist morgens 7 Uhr im März. Wir betretendie Parterreloge des Portiers. Der Jourhabcnde sortirtdie eingelaufenen Briefe. Die Postkarten, oft süß-dis-cretcsten Inhalts, liest er zum Frühstück. Eine Karteist an das Hotel selbst adressirt; er liest, lächelt undstreckt uns das Corpus äslioti hin. Wir lesen auchund lachen. Es ist eine Zimmerbestellung von köstlicherUnbestimmtheit: „Falls es nächsten Donnerstag schönesWetter ist und ich dann von zu Hause abreisen darf,und falls ich dircct nach München fahren sollte, bitte ichSie, mir bestimmt ein Zimmer zu rescrviren. Ich bitteum postwendende Antwort." Der Portier ist gut ge-launt und schreibt die Antwort folgendermaßen: „FallsSie zu besagter Zeit reisen dürfen, können und wollen,falls Ihr Zug hier eintrifft und Sie anssteigen, undfalls noch ein Zimmer bei uns frei sein sollte, werdeich Ihnen, wenn möglich, ganz bestimmt ein solches re-servirt halten." Eine weitere Karte an das Hotel. . .
Lesen und Lachen.Treffe morgen Nacht zehn Uhr
ein, reise früh 6°° Uhr weiter, und bitte um ein son-