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nigeS Zimmer." Ein dritte Karte. . . Lesen undLachen . . . „Komme nächsten Montag Abend an, be-stelle hiemit ein Zimmer, ein GlaS Bier und die Rech-nung." Das genügt vollkommen dazu, daß die ange-meldeten Gäste dem Portier vortrefflich bekannt find,ehe sie nur kommen.
Die Uhr schreitet weiter. Die Früheren der drei-hundert Gäste kommen bereits zum Frühstück . . Ander Portierloge gehen sie nicht vorbei, es muß etwasgefragt werden, ob es gleich selbstverständlich ist; esmuß etwas gesagt werden, das den Portier gar nichtinteressirt; man muß etwas wissen, was kein Menschweiß: und der Portier hört und spricht, und indem erspricht, ertheilt er dem Frager eine Lection, die dieseraber gar nicht versteht.
Ist etwas für mich da? — Welche Nummer?
— 36. — Nein; was immer kommt, wird an IhreNummer gehängt? — Hängt nichts daran? — WieSie sehen, nein! — Zweiter Gast: Ist dort das Früh-stückszimmer, wo es angeschrieben steht? — Zweifellos.
— Portier, wissen Sie, ob es jetzt in Bozen schneit?
— Nein? — Aber das sollten Sie doch wissen. Wieviel
Grade hat eS heute dort? Das wissen Sie auch nicht?Höchst primitive Einrichtung! — Ei, Herr Portier, istvielleicht vor vier Wochen ein Herr hier über Nacht ge-wesen, der einen grauen Koffer hatte, wie ich? — Wiewar sein Name? — Den weiß ich nicht, aber sein
Koffer war grau wie der meine. — Dann kann ich
Ihnen nicht dienen. — Was? Sie wissen nicht ein-mal, wer hier wohnt? Eine saubere Ordnung! —Herr Portier, ich gehe jetzt zum Frühstück! — Schön!
— Portier, soll ich heule oder erst morgen reisen?
Was würden Sie thun? — Sagen Sie, Herr Ober-kellner, liegen die blauen Husaren in Bonn ? — Bitte,Herr Portier, ist die alte oder die neue Pinakothekinteressanter? — So wechseln in fast närrischer Fülle
die neugierigen Fragen ab, die ein geplagter Portier allemöglichst „wissenschaftlich" beantworten soll. Wir ver-zeihen ihm, wenn er einem scheuen Reisenden auf dieFrage, ob die — einzige Treppe, die überhaupt in Be-tracht kommen kann, „hinaufführe", etwas malitiöS er-widert: „ja, aber auch wieder herunter!" —
- Ueberaus lästig werden die zahlreichen Reise-Onkels,die jährlich mehrmals wiederkehren und deßhalb sich soganz wie zu Hanse geriren. Stundenlang nöthigen sieden Portier, ihre faden Witze und zweifelhaften Reise-abenteuer anzuhören oder ihre Tagespläne zu vernehmen:ein gewandter Portier hört sie schon nimmer an, ohnees merken zu lassen. Aber — er denkt sein Theil überdie moralische und geistige Bedeutung seiner Gäste, dieda meinen, vor einem „Hotelbediensteten" sich nichtblamiren zu können.
Während wir diesen Welterfahrungen unseres Por-tiers lauschen, betritt ein gelehrt dreinschauender ältererGast die Loge und prüft das medicinische Wissen unseresWächters: „Was meinen Sie, Portier? Wird einwarmes oder ein kaltes Bad mehr aus meinen Appetitwirken?" — „Das weiß ich wirklich nicht, mein Herr!"
— Aergerlich schüttelt der Fragende sein unbelaubtesHaupt und geht mit der verächtlichen Replik dann weiter:„Ach, verstehe nicht, wozu Sie dann Bäder im Hausehaben!"
Ein Schnellzug ist angekommen. Eine Völker-wanderung so minintnis wälzt sich heran, die Bagage
schleppen keuchende Hausknechte. Nun heißt es für denPortier: organisiren, allerlei Wünsche anhören, Gepäck-träger entlohnen, Briese suchen und ein offenes Augedafür haben, wer mit und ohne Gepäck anlangt. Zuden Gästen mit federleichtem Gepäck gehört ein Herr,dem man den jovialen Studiosus auf hundert Schritteansieht. Er hat ein Päcklein in der Hand, das er mitder gebietenden, unverwüstlichen Laune eines fahrendenScholaren und mit den stolzen Worten übergibt: „LassenSie mein Gepäck anf's Zimmer bringen." Viel mehrals ein Papierkragen ist nicht in der Hülle, und unserPortier hätte nicht übel Lust, dem pnnpsr stuäiosusauf die verschämte Frage nach dem nächsten Dienstmannauch gleich die Adresse des nächsten — Leihamts zusagen. Ein Bruder Studio findet aber leicht Credit ,und darum wird er auch hier mit ausgesuchter Höflich-keit empfangen.
Auch ein avisirtes Hochzeitspaar ist, ein schamhaftesRoth auf den Wangen, soeben eingetroffen. Nach kurzerToilette erscheint es wieder unten. Der junge Herr nahtsich schüchtern, fast unterthänig der Portierloge und ver-beugt sich tief, indem er den Zimmerschlüssel abgibt.Dann ertönt die verblüffend ergebungsvolle Frage anden Portier: „Gestatten Sie, daß ich mit meiner Frauvor Tisch noch ein wenig zur Stadt gehe?" — „Abermit Vergnügen, mein Herr", lautet der gnädige Be-scheid. Ein dankbares Complimeut — das der Portierrespektvoll erwidert. Von einem solch kühnen und rcise-kundigen jungen Ehemann ist ein gutes Trinkgeldsicher . . .
Mit der Fremdenschaar ist auch ein einfach ge-kleideter Geistlicher angekommen. Ein biederer Land-pfarrer, denkt der Portier mit uns. Diese Herren liebendas Schlichte, Billige ... ein Zimmerchen nach hintenim vierten Stock ist wohl das Richtige. Dahin geleitetder Bursche den alten Herrn, dem das Steigen nichtsehr anmuthig erscheint. Ein sauberes, aber enges Ge-mach mit Ausblick auf die Waschküche . . . Kostet auchnur 1 M. 50 Pfg. Name, Stand, Herkunft. . .Der Bursche bringt das Buch und die Karte herunterund entgeht mit knapper Noth einer Ohrfeige des fassungs-losen Portiers: „Monsignor N. N., Erzbischof von N.,päpstlicher Thron-Assistent." Buchstäblich steht so zulesen; die Verlegenheit ist entsetzlich, dem angebotenenZimmer gemäß. Da tritt der „biedere Landpfarrer" inden Speisesaal, der Portier eilt ihm ehrfurchtsvoll nach:„Verzeihen Euer Gnaden, ich konnte unmöglich ahnen,wer uns in Ihrer hohen Person die Ehre gebe — ichbefehle sofort einen Salon im ersten Stock." — „Warumnicht gar!" ist die lachende Antwort. „Ich bin plötz-lich auf den Gedanken gekommen, hier einen Tag zubleiben. Den hochwürdigsten Nuntius kann ich nunfreilich nicht auf meinem Zimmer empfangen. Dochwas thut's? Ich gehe eben zu ihm, und für mich istdas Zimmerchen doch groß genug."
Diesmal hat also unsern Psychologen die Treff,sicherheit verlassen, und der nächste wirkliche „biedereLandpfarrer" riskirt, daß er statt eines erwünschtenbilligen Zimmers im vierten Stock einen Salon ersterGüte erhält und daß sein Eintrag „Chrysostomus Gäble,Pfarrer von Durlesbach" für das bescheidene Jncognitoeines Fürstbischofs ungläubig belächelt wird.
So gcht's den ganzen Tag iu inLuiiuru weiter.Ich frage den Leser: lernt man so die Welt und die