Ausgabe 
(3.7.1896) 55
Seite
413
 
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O 55.

Freitag, den 3. Juli

1896.

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag der Literarischeu Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg (Bvrbesttzer vr. Max Huttler ).

Irauenherz «nd Irauenrvatten.

Lebensbild von Mary Dobson.

Nachdruck verboten.

I.

Die Dämmerung eines schönen MaitageS war ein-getreten, und die Abendruhe begann für die Natur wiedie Menschen sich geltend zu machen, als langsam sicheinem freundlichem Hause in einem der Vororte derStadt . . . dessen Fenster dicht verhangen waren,drei Wagen näherten und alsbald vor diesem hielten.Dem zweiten entstiegen ein älterer und ein jüngererMann, wie ein etwa achtzehnjähriges, in tiefe Trauergekleidetes Mädchen, welche sich hineinbegaben, währendden dritten ebenfalls vier Männer verließen. Diesetraten an den ersten Wagen, der von ansehnlicher Länge,schwarz und gänzlich geschlossen war, was alles leichtseine traurige Bestimmung erkennen ließ. Nur halblautsprechend, öffneten sie ihn und entnahmen ihm einen mitverschiedenen Kränzen geschmückten Sarg, den sie in'sHaus trugen, wo die zuerst ausgesttegenen Männer sieerwarteten und in ein erleuchtetes Zimmer führten, inwelchem schon alle Vorbereitungen zur Ausstellung des-selben getroffen waren. Nachdem sie ihn niedergelassen,entfernten sie sich und bestiegen nochmals ihren Wagen,der dann mit den übrigen langsam davon fuhr, dieHausthüre ward geschlossen, und die Zuschauer, welchesich eingesunken, um ernst und schweigend der letztenHeimkehr der ihnen im Leben bekannt gewesenen FrauNothenfels zuzusehen, gingen, nachdem sie noch erfahren,daß deren Beerdigung am folgenden Morgen stattfindenwürde, ebenfalls von dannen und besprachen ihren inder Ferne erfolgten Tod, der Alle mit aufrichtiger Theil-nahme erfüllt.

Drinnen im düsteren Leichenzimmer hatten unterdeßdie beiden Männer noch einige Anordnungen getroffen,und kaum war dieß geschehen, so erschienen zwei in tiefeTrauer gekleidete Frauengestalten, von denen die einedas schon erwähnte junge Mädchen, die andere aber dieGattin des älteren und Mutter des jüngeren Manneswar. Eine Weile umstanden sie in traurigem Schweigenden Sarg, dann brach Ersteres in lautes Weinen aus,und das Haupt an der Brust seiner Begleiterin bergend,sagte es mit schmerzlicher Stimme:

O, liebe, liebe Tante, jetzt habe ich nur Euchnoch, die Ihr stets so freundlich und gütig gegen michgewesen!"

Du wirst immer unser Kind bleiben, Hedwig",erwiderte sie an sich schließend Frau Neichardt, währendderen Gatte und Sohn sie voll inniger Theilnahme an-blickten und nähertretend Ersterer hinzufügte:Und solange wir leben wird es Dir an Liebe und Schutz niefehlen!"

Hedwig Nothenfels hatte keine Erwiderung auf dieseVersicherung ihrer treuen Freunde, welche dies schonihren Eltern gewesen, und ließ sich in das gegenüber-liegende Zimmer führen, wohin Vater und Sohn ihnenfolgten. Frau Neichardt blickte voll Besorgniß in ihrbleiches Gesicht, das nur zu deutlich von den vielseitigenAufregungen sprach, welche sie während der letzten Zeiterfahren, und trotz welcher sie ungeachtet aller Vor-stellungen darauf bestanden, die Leiche ihrer vor einerWoche auswärts verstorbenen Mutter in die Heimath zubegleiten.

Während nun der kleine Kreis eingehend die letzteVergangenheit bespricht, was offenbar der jungen Waiseeine traurige Erleichterung gewährt, wollen wir die Lesermit den vorgeführten Personen bekannt machen.

Hedwig Nothenfels ist das einzige Kind eines städti-schen Beamten, der vor mehreren Jahren gestorben, seinerGattin und Tochter eine nur mäßige Pension und einsehr geringes Vermögen hinterlassen, von welcher Ein-nahme Erstere jedoch zn leben und ihrer Tochter einegute Erziehung zu geben vermochte.

Stets von zarter Gesundheit bildete sich leider nachund nach bei Frau Nothenfels ein Nervenleiden aus,das rechtzeitig zu bekämpfen durch dringende Vorstellungendie Freunde das Ihrige thaten. Die strengbefolgten An-ordnungen des Hausarztes waren jedoch vergeblich, daauch durch den unerwarteten Tod ihres Bruders undeinzigen Verwandten ihre Nerven einen zweiten schwerenStoß erlitten. Ein zu Rathe gezogener Spezialarzt er-klärte, daß unfehlbar eine Gemüthskrankheit das Endeihres Leidens sein würde, und rieth daher zu schnellerOrts- und Luftveränderung, und bald war auch ein ge-eigneter Aufenthalt, eine Heilanstalt für Nervcnleidende,in der schönsten Gegend des Nheinlandcs gefunden. ZuAnfang des JahreS reiste sie mit ihrer Tochter, dennvon dieser hatte sie sich nicht trennen wollen, nach . . .,und bald schien auch aller Hoffnung auf ihre Genesungsich in etwas verwirklichen zn wollen. Dann aber tratim Frühling auf unerklärte Weise eine Verschlimmerungin ihrer Krankheit ein, die nur zu schnell ihre Kräfte