Ausgabe 
(3.7.1896) 55
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schwinden ließ und sie ihrer kaum ihr schweres Geschickbegreifenden Tochter entriß. Voll aufrichtiger Trauervernahmen dieß die Freunde in der Heimath, und wäh-rend Herr Neichardt zur Stütze der Letzteren sogleichnach dem Rhein reiste, traf seine Gattin alle Vorkehr-ungen zur Ankunft der Verstorbenen und deren verwaistenTochter, denn Frau Nothenscls hatte den bestimmtenWunsch ausgesprochen, an der Seite ihres Gatten ruhenzu wollen.

Am folgenden Morgen fand ihre Beerdigung statt,unter Betheiligung von Herrn Neichardt und seinem Sohn,wie der wenigen Bekannten, welche sie gehabt; FrauNeichardt aber nahm sich Hedwigs an, deren Kräfte, alsder Sarg mit der irdischen Hülle ihrer Mutter aus demHause getragen ward, zusammenbrachen, und die sie bewußt-los in ihr Zimmer brachte. Dieß verließ sie erst nacheinigen Wochen wieder, kaum genesen von einem Nervcn-sieber, in welchem Frau Neichardt sie voll mütterlicherLiebe und Sorge gepflegt, während ihr Gatte, Hedwig'sVormund, die schwere Krankheit voll Bekümmeruiß ver-folgte. Beider Sohn, Arthur Neichardt, welcher bereitsverheirathet war und als Compagnon seines Schwieger-vaters mit seiner Gattin und kleinem Sohn in einernahegelegenen Stadt wohnte, und nur zur Bestattungder ihm länger bekannt gewesenen Frau Rothcnfels ge-kommen, war nach derselben wieder abgereist.

Es war für Herrn Neichardt eine große Freude,als, eines Tages vorn Geschäft in der Stadt zum Mit-tagessen heimkehrend, er Hedwig mit einer Handarbeitbeschäftigt im Wohnzimmer antraf. Ihre gegenseitigeBegrüßung nach so langer Zeit war eine herzliche, mittiefem Mitgefühl aber sah er die Veränderung, welchebinnen der wenigen Wochen mit ihr vorgegangen. Diereichen Wellen ihres goldblonden Haares umgaben einebleiche, blaugeäderte Stirn, ihre sonst so lebhaften dunklenAugen blickten matt unter den feingewölbten Brauenund den weißen Lidern hervor, während die übrigenTheile des sonst so blühenden jugendlichen Gesichts eben-falls von der kaum überstandcnen Krankheit sprachen.

Demungeachtet aber machte ihre Herstellung dauerndeFortschritte, doch war der sie behandelnde Arzt, welcherauch das Leiden ihrer verstorbenen Mutter gekannt, derAnsicht, daß zur vollständigen Kräftigung ihrer Gesund-heit noch eine Luftveränderung, verbunden mit Mineral-oder Seebädern, erforderlich und keine Zeit damit zuverlieren sei. Die Sache ward in ernste Erwägung ge-zogen, und da auch Frau Neichardt's Gesundheit keinestarke war, sie ebenfalls einige Wochen der Erholungbedurfte, so schlug ihr Gatte vor, Hedwig zu begleiten,ein Vorschlag, dem sie zu deren Freude nach einigerUeberlegung zustimmte. Nun ward der Aufenthalt selbstbesprochen, die Wahl fiel auf ein See- und Stahlbad,und als auch der Arzt hinzukam, entschied er sich fürLetzteres und rieth, sich so schnell wie möglich dahin zubeaeben.

II.

In dem Badeort .... hatte die Kürzest ihrenHöhepunkt erreicht, und während des besonders günstigenSommers hatten die leidenden u. schwachen Menschen die be-rühmten und bewährten Heilquellen mehr denn je aufge-sucht. Auch viele Touristen kehrten zeitweilig dort ein,sahen sich die Badegesellschast und ihr Thun und Treibenan, oder wanderten weiter in das nahegelegene Weser-

gebirge und den Tentoburgerwald und suchten davondie schönsten Punkte auf.

In einem freundlichen Fremdeuhause, nahe derHauptallee und dem Brunnenplatz, wohnten FrauNeichardt und Hedwig Rothcnfels für die Dauer ihrerKürzest. Sie waren in den Händen des geschicktestenArztes, an den Dr. Stein seiner jungen Patientin wegennoch besonders geschrieben, und Bäder, Brunnen undWaldluft begannen ihre gute Wirkung geltend zumachen, was Beide nach der Heimath berichteten undvon Herrn Neichardt voll Freude und Theilnahme ge-lesen ward.

Da Hedwig's Kräfte zunahmen und sie der Er-heiterung und Zerstreuung bedurfte, so wurden Ausflügein den näheren Bergen, auch in Gemeinschaft der ihnenbekannt gewordenen Hausgenossen, gemacht. Auf einersolchen suchten sie die Ruine einer einstigen Ritterburgauf, unterhalb welcher sich eine schöngelegene Förstereibefand, die den Touristen Ruheplätze und jede gewünschteErquickung gewährte. Als nach dem weiten Ritt dieGesellschaft sich dort durch einen Imbiß gestärkt, stiegsie zu der auf dem abgeplatteten Eipiel des Bergesliegenden Ruine hinauf.

Von dem umfangreichen und durch den Förstersorglich erhaltenen Mauerwerk aus überblickte man weit- ^hin die Gegend und vergegenwärtigte sich dabei, wie esvor Jahrhunderten in demselben gewesen sein mochte,als dessen Bewohner das Land ringsum beherrscht. Die'Welt war seitdem eine andere geworden, auch in derdortigen Gegend halten sich schon die Wandlungen derZeit geltend gemacht, die Berge und Höhsnzüge jedochwaren dieselben geblieben, keine Veränderung an sieherangetreten.

Noch die herrliche Aussicht bewundernd, hörten sieMännerstimmen, und bald auch erschienen höflich grüßenddrei rüstige, jüngere Wanderer. Diese erfreuten sich eben-falls in lebhaftester Weise des weiten Blickes über dieGegend, die im Licht der Nachmittagssonne voll Abwechs-lung vor ihnen lag, es entspann sich eine Unterhaltungmit den Anwesenden, welche zugleich erfuhren, daß dieoffenbar den besseren Ständen angehörenden Ankömm-linge eine Ferienreise benutzten, um das Wesergebirge und den Tentoburgerwald zu durchstreifen.

Da es kühl zu werden begann, wollte die größereGesellschaft sich entfernen, doch schloffen sich ihnen diejungen Männer an, und einer derselben wußte dabeiso fesselnd von andern schon gesehenen Ruinen mitschauerlichen Verließen und unterirdischen Gängen zu er-zählen, daß die ihm voll Spannung lauschende Hedwigdie letzte Stufe einer kleinen, ins Freie führenden Treppeübersah und vielleicht unsanft zu Boden gestürzt wäre,hätte nicht gewandt und mit starkem Arm sein ältererGefährte sie davor bewahrt.

Frau Neichardt, welche dies gesehen, trat besorgthinzu und sprach mit Hedwig deren Beschützer ihrenDank für seinen Beistand aus, den er jedoch mit einemtheilnehmenden Blick auf ihre bleichen Züge ablehnte.

Bald darauf empfahlen sich die drei Wanderer undschlugen den ihnen vom Förster bezeichneten Weg durchdie Berge ein, um noch vor Anbruch der Dunkelheit denAufenthalt für die Nacht zu erreichen, die Badegesellschastaber nahm in der Försterei ein kleines Mahl ein undtrat in jeder Weise befriedigt den Rückweg an.

Der gehabte Schrecken war für Hedwig's leicht