Ausgabe 
(3.7.1896) 55
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erregbare Nerven ohne nachtheilige Folgen geblieben,und gewissenhaft ihre Kur fortsetzend, konnte über ihrBefinden nur Günstiges in die Heimath berichtet werden.Herr Neichardt freute sich dessen und rieth, als Nachkurnoch eine kleine Gebirgsreise zu unternehmen.

An einem sonnigen Sommertag zu Anfang Augusttrafen sie mit einigen Bekannten aus . . . ., welchesich ihnen angeschlossen, nach einer längeren Bergtourim besten Wohlsein in der korta 'Westta-licn ein, umnoch diese so verschiedenen Endpunkte des Wesergebirgeszu ersteigen. Kaum hatten sie die kahle, umfangreicheHohe des Jacobsberges erreicht, so vernahmen sie leb-hafte Männerstimmen, und bald standen ihnen ihre Be-kannten aus der Bergruins bei ... . gegenüber. Nachgegenseitiger freundlicher Begrüßung erkundigte sich derAeltere von ihnen theilnehmend nach Hedwig's Befinden,und als diese ihm darauf geantwortet, wandte er sich> an Frau Neichardt mit der Frage, ob es ihm undseinen Gefährten gestattet fei sich ihnen anzuschließen.

»Das kann uns nur erwünscht sein", entgegnetediese, der Zustimmung ihrer Begleiter gewiß. Er stelltedarauf die Seinigen vor. Sie waren Bruder; derältere in seiner Vaterstadt C. als Referendar angestellt,der jüngere als Assistenzarzt in einer Klinik der Univer-sitätsstadt Halle beschäftigt.

Mein Name", fuhr er dann fort,ist AlbrechtGünther, und ich bin ebenfalls in Halle in der chirur-gischen Klinik Gehülfsarzt. Meine Vaterstadt, wo späterich mich auch niederlassen werde, ist . . . ."

Die ist auch die unselige und zugleich unser Wohn-ort", unterbrach lebhaft Frau Neichardt.

Da mochte ich um die Erlaubniß bitten, bei Ihnenvorsprechen zu dürfen, falls einmal ich meine Mutterund Schwester besuche, denn leider habe ich meinen Vatervor längerer Zeit verloren", erwiderte Dr. Günther.

Dieß ist Ihnen gern gewährt", sprach freundlichFrau Neichardt,und mein Mann wird sich freuen,ebenfalls Ihre Bekanntschaft zu machen I"

Nach dieser Vorstellung trat die so unerwartet ver-größerte Gesellschaft den Weg nach den Steinbrüchenan, die sie lange eingehend besichtigte, dabei aber auchdie prächtige Aussicht über die Abwechslung aller Artbietende Gegend genoß; dann begaben sie sich nach dergegenüber liegenden bewaldeten Margarcthenkluft undfreuten sich des kühlen, sie hier umgebenden Schattens.Sie erstiegen auch an dieser Seite der Porta die äußersteBerghohe und wurden durch den herrlichsten Neberblicküber das Weserthal gelohnt. Auf diesem Wege hatteDr. Günther sich Hedwig zugesellt, welcher er ein für-sorglicher Führer ward. Sie unterhielten sich dabei überdas, was sie seit ihrer ersten Begegnung gesehen underlebt, und sprachen ihre Verwunderung aus, sich nichteinmal in den Bergen getroffen zu haben. Sie äußerteso lebhaft ihre Freude und Bewunderung über alle Ge-nüsse, welche ihr diese geboten, daß er nicht umhinkonnte, die Frage an sie zu richten, ob sie dieselbe zumersten Mal gesehen. Sie verneinte dies und erzähltevon ihrem Aufenthalt am Rhein und dessen traurigerVeranlassung, wodurch er auch daS Leiden und den Todihrer Mutter erfuhr. Ihr über deren Verlust seineTheilnahme aussprechend, gewahrte er Thränen inihren Augen und wechselte daher den Gegenstand desGespräches.

Da auf der Höhe fühlbare Kühle herrschte, stieg

bald die Gesellschaft an den Fuß des Berges hinab, wosich ein freundliches Wirthshaus befand, in dem sie aus-zuruhen und nach allen Anstrengungen sich zu stärkengedachten.

Mit dem Nächsten vom Rhein kommenden Zug setztendann Frau Neichardt und Hedwig nach freundlichem Ab-schied von allen Bekannten die Rückreise fort.. Dieseaber hatten verabredet, gemeinschaftlich noch andere schönöPunkte des Wesergebirges aufzusuchen, und verließen,dieß Vorhaben auszuführen, ebenfalls die Porta West-falica.

III.

An dem düsteren, naßkalten Januartag war früh-zeitig die Dämmerung eingetreten und, am Fenster desWohnzimmers eines nahe der Stadt gelegenen HauseS(in entgegengesetzter Richtung von dem der FamilieNeichardt) stand eine jugendliche Frauengestalt undblickte auf die Straße hinaus, wo eben die Gaslaternenangezündet wurden. Diese, welche auch bald ins Zimmerhineinleuchteten, ließen sie erkennen, daß mit dem Regenauch Schneeflocken vom Himmel herabfielen, die derheftige Nordostwiud gegen die Fenster trieb, von denen sieschmelzend herabsanken. Eine Weile blickte sie dem un-wirtlichen Wetter zu. gedachte darauf des Frühlingsund des Sommers Pracht und Herrlichkeit danntraten Bilder vergangener Tage vor ihr geistiges Auge und langsam wandte sie sich vom Fenster ab nnddem Innern des größeren Raumes zu. Dieser war be-haglich, doch ohne Luxus ausgestattet, und die röthlichglimmende Kohlengluth verlieh ihm ein freundliches, an-heimelndes Aussehen. Der milde Feuerschein fiel vollauf einen Sessel, in dem in weiche Decken gehüllt einälterer Mann ruhte, dessen rechtes Bein noch durch einenSchemel gestützt ward, und der in die helle Ofengluthblickte, deren leises Knistern für den Augenblick die ein-zigen hörbaren Laute in dem großen Zimmer waren.Jetzt hatte die Frauengestalt den Sessel erreicht, undsich leicht über dessen Lehne neigend, sagte sie in be-sorgtem, liebevollem Ton:

Haben die Schmerzen noch nicht nachgelassen,Vater?"

Nein", entgegnete dieser kurz und verdrießlich,sie plagen mich vielmehr ärger denn jel" und da erschwieg, fuhr sie in überredendem Ton fort:

Du solltest uns einen Arzt holen lassen"

Ein hiesiger vermag mir ebenso wenig zu helfen,wie die auswärtigen es gekonnt", erwiderte abwehrendder Kranke.Habe ich auf unserer Ncise deren nichtschon genug gebraucht?"

Der Versuch wäre dennoch zu machen", entgegnetedie Tochter mit einem theilnehmenden Blick auf seindurch heftige Schmerzen entstelltes Gesicht,nachdemDu so lange vergeblich alle früheren Mittel ange-wandt!"

Ihren Worten folgte eine längere Pause, dannsagte einlenkend und einen Grad weniger verstimmt ihrVater:

Du könntest Recht haben, Marie, denn auch mitden Brustbeschwerden wird es immer schlimmer. ESwar ein großes Unglück für mich, daß ich im vorletztenSommer auf der Reise, die ich zum ersten Mal zumeinem Vergnügen unternommen, das Bein brechenmußte, das ich seitdem nie mehr wie sonst gebrauche«konnte und das mir schon so viele Plage gemacht."