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Ein neuer Schmerzenänfall verzerrte nochmals seineGesichtszüge, und ächzend und stöhnend wand er sichim Sessel, während seine Tochter voll tiefen Mitgefühls,doch unfähig zu helfen, ihm zur Seite stand. Alsendlich die Qualen nachließen, sagte er mit mattexStimme:
„Wir konnten es einmal mit dem früheren Ge-hülfsarzt des Professors S. in Halle versuchen, der,wie dieser uns im letzten Sommer gesagt, sich hierniedergelassen hat. Der Professor rühmte ihn sehr, undwir wissen aus Erfahrung, daß er umsichtig und tüchtigwar l"
Die im Zimmer herrschende Dämmerung verbargihm die höhere Nöthe, welche plötzlich die Wangen seinerTochter färbte. Ihre Erregung aber schnell unterdrückend,erwiderte sie mit ruhiger Stimme:
„Wenn Du so großes Vertrauen zu ihm hast,Vater, ist es gewiß sehr rathsam, ihn kommen zulassen
„Es ist mir jetzt schon eine Beruhigung, zu wissen,daß ich ihn sehen kann", versetzte dieser lebhafter, „undich begreife nicht, daß wir nicht längst an ihn gedacht."
„Wir sind erst seit sechs Wochen wieder hier", ant-wortete die Tochter.
Ein neuer, wenn auch nicht so heftiger Schmerzen-anfall trat ein, und während dessen drängte der Kranke:
„Schicke doch sogleich zu ihm, Marie! — SeinName war, meine ich, Günther, und seine Adresse wirstDu in meinem Taschenbuch notirt finden. Berufe Dichin dem Brief auch auf unsere frühere Bekanntschaft inHalle und auf Professor S."
An den Tisch tretend, zündete die Tochter dteLampe an und ließ die Vorhänge des Fensters herab,wobei sie gewahrte, daß jetzt die Straße mit Schnee be-deckt war, der noch in großen Flocken gegen die Fensteranschlug. An den Tisch zurücktretend, siel das volleLicht der hohen Lampe auf ihre Gestalt und Gesichts-züge. Erstere ging über die mittlere Größe hinaus,war schlank, doch kräftig gebaut und ward, wenn Mög-lich, noch durch einen dunklen, geschmackvollen Anzug ge-hoben. Ihre Gesichtszüge waren weniger schön, alssympathisch, und ließen auf Herzensgüte und geistige Be-gabung schließen, die auch aus ihren dunkelblauen Augenhervorleuchtete. Sie hatte einen wohlgeformten, durchschöne Zähne gezierten Mund, um den gleich wie umdas länglichrunde Kinn ein entschieden fester Zug her-vortrat, und reiches lichtbraunes Haar, das sie in ein-facher, kleidsamer Weise um den Kopf geordnet trug.
Marie Feldhelm hatte das zweiundzwanzigste Lebens-jahr erreicht, vor Jahren schon ihre Mutter verloren,und seitdem die größere Haushaltung ihres Vaters ge-leitet, welcher ein bedeutendes Holzgeschäft betrieben.
Im Bewußtsein jedoch, für sich und sein einzigesKind, das ihm von vieren geblieben, hinreichend Geldund Gut zu besitzen, hatte er es vor mehreren Jahren,als sein letzter Sohn gestorben, verkauft und seitdemsich nur der Verwaltung seines Vermögens gewidmet.Im Laufe der Zeit hatte Herr Feldheim sich ein rheu-matisches Leiden zugezogen, das in schmerzlicher Weisesich geltend machte, und dazu, wie bereits erwähnt, aufeiner Vergnügungsreise mit seiner Tochter vor längererZeit einen gefährlichen Beinbruch erlitten. Nach Heilungdesselben in Halle, in dessen Nähe der Unfall statt-gefundW, hatten sie seitdem die Zeit auf Reisen zuge-
bracht und hätten auch den Winter in Italien verlebt, wennnicht dringende Eeschäftsangelegenheiten ihn heimaerufcn.(Fortsetzung folgt.)
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Wherngokö.
Novelle von Carl) Groß.
(Schluß.)
Er mußte über sich selber lachen ob der Bedingung,die er sich gestellt! Wer ihm je vorausgesagt Hütte, daßer von der Unterredung mit einem alten, herabgekom-menen Sänger einen Pflichtbesuch abhängig machte, undsogar mit Herzklopfen der Begegnung entgegeneilte, er,der vernünftige, wählerische Max Heermannl — AmFrankfurter Hof nannte Max seinen Namen dem Portier,ihn fragend, ob keine Bestellung für ihn da sei.
„Ah — sind Sie der Herr, der auf Nr. 24 er»wartet wird? Gut, man wird Sie führen und an-melden. Piccolo — erster Stock! Der Herr kann denLift benutzen!"
Max zog die Treppe vor. Er konnte nicht umhin,beim Betreten der weichen Teppiche sich über GoldmundSWahl des vornehmen Hotels zu wundern.
Schon stand Max vor Nr. 24, und der schon wiederentgegenkommende Piccolo bedeutete ihm einzutreten. —Kein Irrthum war möglich, und doch mußte einer vor-gefallen sein; denn in dem eleganten Salon, den er ohneanzuklopfen betrat, stand nicht Goldmund, sondern eindistinguirt aussehender, ältlicher Herr, mit einer wohl-bekannten, klug-fröhlichen Nheinländcrphysiognomie. Keinanderer war es als Professor Grnbe, dem Max seinenspäteren Besuch zugedacht hatte. — Wie ärgerlich wardie Verwechslung. Er wollte sich rasch zurückziehen, aberdie Hand mußte er sich doch schütteln lassen, mußte einWort stammeln von seinem Irrthum und einem unfaß-lichen Mißverständnis). Aber Grube hielt dte erfaßteHand mit kräftigem warmen Druck in der seinen.
„Nein, nein, Sie haben sich nicht geirrt, Sie wur-den auf Nr. 24 erwartet, bester Heermann, und brauchennicht weiter zu gehen, um einen Ausschluß zu erhalten,den man Ihnen schuldig ist."
„Nicht Aufschluß, Vater, habe ich zu geben, sondernVerzeihung zu erbitten", sagte eine klangvolle, wohlbe-kannte Stimme, und aus einer Seitenthüre trat die aufMax zu, die seine Gedanken in weiter Ferne gesucht hatten.Es war sie selbst, keine Erscheinung, weder Fee, nochEngel, noch Traumbild, wie mau aus dem Gesichtsans-druck des jungen Mannes hätte schließen können, sonderndas leibhaftige holde Mädchen, mit dem fröhlichen Lächelnund den strahlenden Augen, in denen aber ein eigen-thümlicher feuchter Schimmer sich zeigte, als es zaghafterund verschüchterter ihn anblickte als bei der ersten Be-gegnung auf dem Drachenfels .
„Diese unerwartete Bewohnerin von Nr. 24 lassenSie mich an Goldmunds Stelle Ihnen vorstellen, aber nichtals feine Tochter, wofür das unbesonnene Wesen eine Zeitlang gelten wollte, sondern als die meinige, Ottilie Grube.Die Namen Dame Kobold, Mamselle Uebermuth oderverzogenes Kind würde sie viel besser verdienen, undverdient eS sogar, meinen ehrbaren, schlichten Namendemnächst zu verlieren. Wenn Sie ihr verzeihen könnenund sich im Nebligen gut mit ihr auseinandersetzen, sollmir's lieb sein. Sehen Sie aber gut zu, sichere Be-