Ausgabe 
(3.7.1896) 55
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bingungen zu stellen. Ruft mich, wenn Ihr mich dabeibraucht."

Nach dieser Rede erst ließ Grube die Hand desjungen Kollegen los, die er nochmals herzlich gedrückthatte. Dann zog er sich geräuschvoll in ein offenstehendesNanchzimmerchen zurück, wo er sich am Fenster mit einerZeitung niederließ.

Max sah es und sah es nicht. Es schwindelte ihmvor den Augen. Er hörte auch nur Ottiliens Stimme,ohne zu verstehen was sie sagte, und doch sprach sie ganzlangsam und deutlich:Ich durfte Sie nicht länger inTäuschung belassen und eilte zu meinem Vater, daß ermir Verzeihung erlange, wenn ich Sie beleidigtoder zu einer Uebereilung verleitet habe. Wenn es Siereut, was Sie zu Goldmund sagten, will ich es tragenals Strafe für meinen Uebermnth."

Jetzt erst blickte Max der Sprecherin fest in dieAugen, sah, daß der feuchte Schimmer sich in einezitternde Thräne verwandelt hatte, und bekam unendlichLust diese hinwegzuküssen. Sie belehrte ihn ja, daß erdas Herz bereits besaß, das er sich hatte erringen wollen.Drum brauchte er ihre Entschuldigung nicht weiter an-zuhören. Er faßte ihre Hände, zog sie an sich und redeteWorte der Lust und der Freude, des Dankes und derLiebe, der Wehmuth und Demuth, bunt durcheinander,wie sie bräutliche Stimmung aus tiefen und reichen Ge-müthern hervorquellen läßt, eine Sprache, die Niemandzu hören braucht, als die Beiden, die über dem Hörendie ganze Welt vergessen.

So dachte auch Professor Grube und ließ sie ge-raume Zeit allein miteinander.

Als zwei Stunden später der rechtsrheinische Zugangelangt war, kamen mit dem Omnibus des Frank-furter Hofes drei Personen an's Haus gefahren, zweiHerren und eine Dame, die sofort sich erkundigten, obProfessor Grube auf seinem Zimmer nnd zu sprechen sei.

Zu Hause sei er, denn er habe Besuch schon seitgeraumer Zeit, lautete der Bescheid, dem ein geschäftigerKellner beifügte, es sei soeben eine Flasche Johannis-berger nnd Nömergläser auf das Zimmer des HerrnProfessors befohlen worden.

JutI Dat is jut", sagte Fräulein Hermiue imschönsten Kölnerdcutsch, wie es stets den Hochpnnkt derGefühle bei ihr anzeigte, und eilte, ohne die Zimmer-nummer zu erfragen, von den Herren gefolgt, genauzur Thür Nr. 24, die sie sachte aufmachte.

Herr Grube saß zwischen den jungen Leuten undschenkte soeben die Nömer voll.

Wenn die Verlobung am Main gefeiert wird,dürfen des Rheines Abgesandte dabei sein, und zwar dieMitwissenden vom Drachenfelser Komplott: Papa Gold-mund, Ottmar und ich!"

Jetzt kam der Jubel der Herzen erst zum lautenAusdruck. Goldmund, der etwas ängstlich der Begegnungmit dem von ihm Mystisizirten entgegen gesehen hatte,verlor rasch seine Scheu bei Dr. Hcermauns herzlichemGruß und des alten Grube jovialen Worten:

Natürlich mußten Sie mitkommen. Tante Minahatte Recht, es zu wollen. Sie mußte doch mit Augensehen, ob es die Rechte Ihrer Töchter ist, die sich hierverlobt. üebrigcnS sind Sie der Urheber dieser Ver-lobung nnd der eigentliche Brautvater. Von meinerTochter wollte Dr. Heermann nie etwas hören! Erstals er sie als die Ihrige fand, gefiel sie ihm, und auch

sie, die Mißtrauischste ihres Geschlechtes, lernte unterIhrem Schutz an echte, uneigennützige Liebe glauben."

Drum muß auch mein Verlobnngsvater bei mirbleiben", schmeichelte Ottilie,bis zu meiner Verhei-rathung, die erst erfolgen soll, wenn Herr Max,das o. ö. vor den Professor setzen kann. So hat esPapa bestimmt und gar lange wird es nicht dauern.Aber in der Brautzeit will ich viel Musik machen unddazu sollen Sie helfen, und zugleich finden sich alle ihreSchülerinnen in Graz wieder zusammen nnd Sie könnenIhr rechtes Töchterlein in ein behagliches Heim führen,wenn das unrechte Sie verläßt."

Wenn Felicitas nur inzwischen im Kloster ihrHerz nicht ganz von der Welt abwendet und dort bleibtfür immer", seufzte Goldmund.

Das wird sie nicht. Ich habe ihr Wort!" platzteOttmar heraus, und als Alle lachten, fügte er mit trotzigzurückgeworfenem Kopf und gerötheten Wangen hinzu:Warum soll ich mich nicht freuen! Ich brauche übri-gens die ganze Jurisprudenz und den Doktor gar nicht,wenn Papa wir sein Gut in der Steiermark übergibt,und am besten ist's, ich hole Felicie gleich herbei."

Aber Grube schüttelte freundlich, doch bestimmt mitdem Kopf.So eilig ist's nicht. An einer Verlobungist's für heute genug. Beim Doktor bleibt's auch. Geradeweil ich so selten etwas bestimme, muß das geschehen,was ich festgesetzt habe. Inzwischen vollendet auch Gold-mnnds Kind die selbstgewählte Aufgabe, und sprechendann die Herzen noch, werden wir beiden Alten es hören.Keine Sprache ist klangvoller wie die der Herzen, zumalwenn diese sind wie die rheinischen Herzen. Echtes Goldist darin, und auf dieses Rheingold sollt Ihr mit miranstoßen mit dem flüssigen Gold der rheinischen Neben. Füllt die Römer! Das Brautpaar lebe hoch!Max nnd Ottilie!

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Die Htssllig-Vlllrn in Nrilhenhnll. .

Wenn man in Neichenhall die Straße nach Groß-gMain cwporwandelt, wo es links in's BcrchtesgadenerLand, rechts in'S Oberösterreichische geht, sieht man eineprächtige Villa in die Höhe streben. Sie zeigt sich imStil der italienischen Renaissance, am Bergeshang hin-gelagert, mit schön gegliedertem Mittelbau, an den sichzwei niedrigere, mit großen Terrassen geschmückte Flügelschließen. Schwungvolle Freitreppen führen zur Straßehinab, herrliche Baumgrnppen heben sich von dem leuch-tenden Weiß der Mauern. Das Ganze wirkt harmonisch,ruhig, eS überkommt den Beschauer wie ein Hauch vonhellenischer Kraft, Freude und Schönheit. Man wird be-gierig, hinaufzusteigen, daS weiße Haus in der Nähe, vonallen Seiten, von innen zu besehen. Das ist ein Leichtes.Gastlich offen stehen die Thore des Parkes mit seinenschönen Bäumen: lichtes Lanbholz, Blutbuchen, dunkleFichten und Föhren in nuancenreicher Vereinigung. Eineschattige Kastanien-Allce führt langsam hinauf, und nachlinks über einen Platz mit Noscnbceten gelangt man andie Rückfront. Wir treten in's Haus. Vorüber an derTreppe, die sich leicht hinaufschwingt in die oberen Stock-werke, gelangt man in schöne Wohngemächer, licht undhoch, elegant möblirt. Nicht nur elegant, auch originell,denn jedes Stück ist nach guten Zeichnungen kunstvoll ge-arbeitet nnd fügt sich trefflich in's Ganze. Am rechtenEnde befindet sich ein großer Speisesaal, durch dessen