Ausgabe 
(3.7.1896) 55
Seite
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breite Fenster man in'S Grüne blickt; von der Decke fülltmattes Oberlicht herab. Am linken Ende ein ähnlicherRaum als ConversatiouSsaal. Die beiden Süle lassen dieBestimmung des Hauses sogleich erkennen; es ist keinePrivatbilla, wie man aus der ruhigen Vornehmheit hätteschließen können, sondern eine Pension. Jeder kann dortwohnen, all der Schönheit sich erquicken und sich so rechtseines Lebens erfreuen. Nach einem guten Diner sitzt mandraußen auf einem der vielen Balcons in angenehmerGesellschaft, Neichcnhall liegt zu unseren Füßen, vonhohen Bergen umrahmt, von unten tönt die Curmusikganz deutlich herauf, und die Vogel schmettern gratis ihrLied dazu. Die Bäume blühen und duften, und die Brustwird Einem weit, daß man aufjubeln möchte: Wie schönbist du, du weite Gotieswelt! Der Mann, der all diesmit Künstlerauge geschaffen, genießt gar wenig von derPracht und Herrlichkeit. Es ist der geniale MeisterFriedrich Hessin g, dessen rastloser Geist sich nichtdamit begnügt, kunstvolle Apparate für Kranke zu bauen Hessing baut auch Wohnstätten für die müden, er-holungsbedürftigen Stadtmenschen, sie sollen sich hier inLicht und Schönheit baden, und ihre Nerven sollen wiedergesund und stark werden. Der Meister aber, der Erhol-ung manchmal selbst am meisten benöthigt, gönnt sie sichnur im allergeringsten Maße. Selten und nur aus kurzeZeit kommt er nach Neichcnhall. Sein ständiger Aufent-halt ist GLggingen, denn dort sind seine Kranken, dieseine unermüdliche Pflege genießen, Tag für Tag, Stundeum Stunde. Der Renaissancebau, Friedrtchshöhe genannt,ist nur ein kleiner Theil dessen, was Hessing in Reichen-hall geschaffen. Wenn wir weiter wandern, durch denPark mit den gewundenen Kieswegen, den schattigen Plätz-chen, gelangen wir zu einem zweiten Baue, die altdeutscheVilla genannt. Von der Renaissance zurück zur Gothik,einer etwas phantastischen Gothik. Eine kleine Festungs-maucr umgibt ihn, von Eckthürmen untergrochen. Ein iThor führt auf den Vorplatz mit schönen Platanen; überallrankt sich Grün hinauf und überall gibt es kleine Aus-blicke auf Berg und Thal. Vom Vorplätze gelangen wirin eine Glashalle, ein angenehmer Aufenthalt im Regen-wetter. Sie ist am Bergcsabhang hingebaut, mit einemgroßen Balcon, auf welchem zwei eiserne Ritter Wachehalten. Unter der Halle sind sechs Badecabinen sehr prak-tisch angebracht und für Soolbäder eingerichtet. Die alt-deutsche Villa selbst ist ein traulicher Giebelbau, das Dachträgt reichgeschnitzte, groteske Holzverzierungen. An denWänden zeigen sich Fresken, die zum guten Theile dieHcilkunst des Meisters allegorisch versinnbildlichen. Undwie heimlich, wie gemüthlich ist es im Innern! Freund-liche kleine Wohnränme, auf die Holztreppe fällt ge-dämpftes Licht von Butzenscheiben. Dann präsentirt sichuns eine gewölbte gothische Halle, ganz holzgetäfelt, mitbunten Wappen verziert, die durch hohe Scheidewände indrei reizende Zimmer getheilt ist. So ist jedem GeschmackRechnung getragen, der verwöhnte 1?tir äs sieola-Menschkann prunkvoll wohnen oder sich in einen behaglichenkleinen Winkel einnisten. Will er volle Ruhe und Stillefinden, weit ab vom Getriebe des Curortes, so schreiteer rüstig aus und steige etwa 20 Minuten bergan. Dortempfängt ihn ein neues Paradies. Hoch oben erhebt sichein anderer Bau Hesstng's,zur schönen Aussicht" ge-nannt. Das herrlichste Panorama bietet sich dem Auge.In weitem Umkreis sind die mächtigen Bergriesen ge-lagert, massig die einen, wie der sagenreiche Untersberg ,

andere in bizarren Formen züm Himmel strebend, inallen Mulden voll leuchtenden Schnee's. Und weiter rück-wärts, da flimmert's und glihert's ganz weiß, das sinddie Loferberge, die herübergrüßen. Unten im Thals dieüberall aus dichtem Grün hervorblinkenden Villen, diegroßen Hotels mit flatternden Fahnen, die Kirchen undKirchlein, Alles vereinigt sich zu frohem Bilde. Der Bauist in phantastischem und originellem Stile ausgeführt.Eine Säulenhalle verbindet das Haus mit dem großenSpeisesaale und führt von hier zu einem geschlossenenPavillon mit herrlichem Ausblick, hinüber zum Gaisbergund den Höhen des Salzachthales und hinunter übersaftige Wiesen nach Nink-Lehen in Bayerisch-Gmain ,wo Hessing noch eine prächtige, musterhaft gehaltene Oeko-nomie besitzt. Dann treten wir den Rückweg an, reich anfreundlichen Eindrücken und von Verehrung erfüllt fürden Mann, der all das Schöne hier geschaffen.

--SrWNS---

Die gegenwärtige Fahrsncht.

Ein trauriges Kapitel.

Ist es nicht unerhört, daß man in einer Zeit, woalles vorwärts schreitet, gerade diejenigen, die denn dochin erster Linie dazu berufen wären, mehr und mehr einemkläglichen Stillstände überantwortet? Ich rede natürlichvon unsern Füßen. Seit Jahrtausenden haben sie dietrefflichsten Dienste geleistet; eine außerordentlich: Ge-schichte, reich an Leistungen ersten Ranges, liegt hinterihnen. Und nun stellt man dieses altbewährte, dieseshochelegante und natürliche Beförderungsmittel zu Gunstenall' der neuen, ungeschlachten und künstlichen Beför-derungsmittel sozusagen kalt oder zwingt es, falls es mitihnen wetteifern will, zu einer nähmaschinenartigen Ra-serei, die ebenso widerwärtig als unnatürlich ist.

DaS Traurigste aber ist nicht die Thatsache alssolche, sondern die Gemüthsruhe, womit sie von der Be-völkerung im großen und ganzen hingenommen wird.Man könnte glauben, Pietät und Widerstandskraft seienverlorengegangene Gegenstände. Nun, es lebt zum Glücknoch eine ansehnliche, über die ganze Monarchie ver-streute Männergesellschaft, die weder der einen noch derandern ermangelt. Es ist die wackere Schaar dera. D.'s, deren Schicksal leider eine zu große Aehnlichkeitmit demjenigen des genannten Körpertheiles im allge-meinen besitzt, als daß er im besondern ihrer besondernFürsorge nicht werth erscheinen müßte.

Nicht bloß willfahren sie pietätvoll einem ange-borenen Triebe, indem sie Tag für Tag ihre sechs bisacht Stunden im Freien herumlaufen, hin und wiederpflanzen sie sich auch gleichsam als stumme und doch sogrimmig-beredte Proteste an den Schienen der vorbei-eilenden Straßenbahnen und an den Schlagbäumen derdreist ihren Weg kreuzenden Eisenbahnen auf, und wieverkörperte Mene Tekel sieht man sie den Staub auf-wirbelnden Radfahrern drohende Blicke nachschleudern.Freilich, was hilft es? Das Unheil ist im Zuge odervielmehr in allen möglichen Fuhrwerken.

Einst, als noch die Postkutsche so poetisch durch dieNatur humpelte, war ein nicht geringer Theil der ReisendenFußreisende, Leute, die jeder Fahrerei abhold waren undalles zu Fuß machten. Jetzt haben wir bereits eine ebenso große Menge Sitzreisende, Leute, welche in den drei,vier Wochen, die sie unterwegs sind, eigentlich gar nicht